Romankritik: Daheim, von Judith Hermann (2021) – 7 Sterne

Judith Hermann schreibt betont achtsam, zart, feminin, spröd, mild wunderlich. Teils pseudo-literarisch-lyrisch wie

Seit fast einem Jahr lebe ich auf dem Land, an der östlichen Küste ((…)) an dieser Küste

Warum schreibt sie nicht „Ostsee“? Warum nicht einen Ortsnamen? Oder heißt die Gegend Daheim?

Für echten, kernigen Dialog ist Judith Hermann zu deutsch, aber ganz verzichten mag sie auch nicht, also kreiert sie einen manirierten Zwitter aus direkter und indirekter Rede, und die Fragen stets fragezeichenfrei (sic):

Ich sagte, wie soll ich mich fühlen. ((…)) Wieso fragen Sie mich das. ((…)) Sie würde sagen, und. Wie gefällt dir das.

Otis, Mimi, Arild, Nike, Theda, Tabea, Alma:

Judith Hermann beobachtet genau, schreibt subtil, doch ihre Figuren sind zu bizarr:

  • Sie heißen Otis, Mimi, Arild, Nike, Theda, Tabea, Alma (die Ich-Erzählerin heißt gar nicht)
  • Sie leben in völlig vollgestellten oder absolut leeren Wohnungen
  • Sie wurden als Kind in Kisten eingeschlossen („Nach tagelangen Aufent halten musste Nike die Kiste selber sauber machen, ihre Fäkalien beseitigen“)
  • Oder sie mussten als Kinder stundenlang vor der verschlossenen Wohnungstür warten, während die Mutter sie drinnen ignorierte (bissl viel Symbolik, so wie an anderer Stelle, etwa mit der Klapptürfalle, dem Klapptürkühlschrank, der Geheimtür zum Schlafzimmer etc. pp.)
  • Das eine Bruder-Schwester-Paar ist/war mit dem anderen Bruder-Schwester-Paar überkreuz verbandelt

Gegen Ende flippt die Handlung mit einem Kriminalfall ganz aus, wie ein billiges Zugeständnis an die True-Crime-Podcast-Besessenheit der Welt.

Kühle Sprache:

Trotz der meist kühlen, präzisen Sprache gibt es sonderliche Ausrutscher, etwa:

Ich sitze mit angezogenen Beinen im Bett, zwei Kissen im Rücken, die Seiten auf den Knien. Der Brief hat drei, alle beidseitig beschrieben. Die erste habe ich gelesen. Ich bin nicht sicher, ob ich die Rückseite, die dritte Seite lesen will.

Redet sie hier über einen dreiseitigen Brief mit zweimal drei Seiten? Das Schweizer Tagblatt bedauerte weiteres Lekoratsversagen. Trotz allem entwickelte ich Interesse für die gut skizzierten Figuren und wollte zügig zu Ende lesen.

Persönliches Erklärung des Rezendeppen:

Bin halt nur ein alter weißer Heteromann und lese gern kernige alte weiße (bitte angelsächsische) Heteromänner wie John Updike, Ernest Hemingway, Richard Yates, Graham Greene. Und halt nicht so oft Sarah Kirsch oder Virginia Woolfe. Oder Judith Hermann. Wir hatten jetzt einen Erstkontakt, und dabei lassen wir es.

Freie Assoziation:

  • Die norddeutschen Romane von Dörte Hansen (die allerdings weit kerniger formuliert)
  • Der achtsame Ton und die wunderlichen Namen in Daniela Kriens Liebe im Ernstfall
  • Die Frauen bei Krien wie bei Hermann mögen harte, derbe Männer, die nur eine Frau schreiben darf. In Hermanns Daheim: „Er war ein Jäger, der ein Tier gefangen hatte. Er hatte eine Taschenlampe dabei und einen Vorschlaghammer. Ich fand ihn unwiderstehlich ((…)) breitbeinig, den Blick nach unten gerichtet, reizbar und stur, eine massive Kraft, die sich in Brust und Oberarmen zu konzentrieren scheint ((…)) öffnet das Bier mit den Zähnen“
  • Auch Jan Christophersen schreibt sensibel über norddeutsche Sensible, aber Hermann ist besser, weil präziser, und weniger „leipzig„.

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