Romankritik: Mittagsstunde, von Dörte Hansen (2018) – 7 Sterne

Dörte Hansen hat tolles Material an der Hand: Echte Dörfler vom   Alten   platten Land, die prächtig Dialekt reden; interessante Details aus Landwirtschaft und Land-Wirtschaft; drei Generationen. Terroir ohne Ende. Sie verwebt ihre Motive vielfach, alles hängt mit allem zusammen.

Was die Autorin nicht hat: Eine knackige Handlung. Und vorhandene Plotspuren versteckt Dörte Hansen noch aufwändig. Da entsteht (auf gut Deutsch) kein Flow, kein Narrativ, kein Storytelling, kein Suspense:

  • Dörte Hansen zerhackt die Geschichte in mindestens zwei häufig wechselnde Zeitebenen (ca. 1960er, ca. 2010er Jahre) und viele Einschübe und Verallgemeinerungen. Jeder Bäcker oder Briefträger bekommt ein Kurzdossier, unentwegt pfeift der Wind, pladdert der Regen, wabert der Nebel, zetern die Krähen.
  • Die Autorin verzichtet komplett auf Dialog. Es gibt markante Einzelsätze, aber generell keinen Dialog. (Hauptfigur Ella ist zwar schweigsam und Hauptfigur Marret wunderlich; aber andere Protagonisten könnten theoretisch miteinander reden, u.a. Hauptfigur Ingwer Feddersen, Dozent und WG-Insasse.)
  • Speziell der Einstieg klingt zäh, über rund 80 Seiten: Dörte Hansen raunt vom Regen, von den Ulmen, liefert ein paar Hintergründe zum Feddersen-Hof, pinselt Atmo mit breitem Strich. Fast nichts passiert, kein Dialog, dafür Spekulation. Die Familie Feddersen wird tröpfchenweise eingeführt, auf wechselnden Zeitebenen.
  • Es gibt kaum spannende Entwicklungen und offene Fragen, außer: wer zeugte „ein Kuckuckskind und einen vaterlosen Jungen“, zwei Außenseiter. Doch das interessiert kaum einen noch, evtl. Vater-Outings lassen kaum Aufregung erwarten.
  • Es gibt keine Liebe, oder nur ein wenig, indirekt.

Muss man da durch? Ich wollte um Seite 80 herum fast aufgeben. Doch der Detailreichtum, und ein gewisses Interesse am Personal, hielten mich im Buch.

Genau auf den Punkt bringen kann ich nicht, warum mir der Roman letztlich gefiel, denn ich habe fast nur Kritik:

Klischees und Cliffhanger:

Was mich auch störte: Hauptfigur Marret ist zu wunderlich, sie ist

verdreiht… halfbackt… noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen.

Marrets Verhalten sagt nichts über die Gesellschaft und wirkt willkürlich, die Autorin kann alles mit ihr machen, wie bei Harry Potter. Auch die Figur Gönke Boysen ist so exzentrisch, dass sie manchmal „in den Hundezwinger musste“.

Da sackt mein Interesse. Ich finde „normale“ Figuren interessanter.

Mit zwei ungeklärten Vaterschaften injiziert Dörte Hansen künstliche Spannung, greift sogar zum verbotenen Mittel des Cliffhängers.

Die Kieler WG der drei Endvierziger beschreibt Dörte Hansen sehr klischiert: die lesen/lasen tatsächlich taz und Erich Fromm, „in einer Hand die Buddel Flens und in der anderen die Selbstgedrehte“. Sie reden abgedroschen („es ist bloß eine Zahl. Das interessiert mich NULL. Komm einfach her…“); diese WG-Figuren wirken viel gestanzter als die Dörfler.

Das Buch hat plastische Details zur Altenpflege und zu Hinrichtungen in der Nazizeit, das liest sich gut bei einer Mahlzeit.

Kosmos Dorf:

Weitgehend spielt die Geschichte auf dem Dorf, das wie eine Insel in der Zeit treibt. Es gibt kaum Beziehungen zur Außenwelt, obwhl man „nur eine Viertelstunde in die Stadt“ braucht. Zwar gehen Akteure dort mal zum Arzt, zwei Außenseiter fahren ins städtische Gymnasium; Ingwer Feddersen (einer der Außenseiter) lebt sogar jetzt in Kiel, zog jedoch für dieses Buch zurück nach Brinkebüll.

Hansen bettet die Story auch nicht ins Zeitgeschehen ein. Es gibt die „Flurbereinigung 1965 – 1968“, ansonsten hört man gut 270 Seiten lang nichts aus der großen Welt, nicht die 68er-Bewegung, keine EU-Maßnahmen oder die Euro-Umstellung; nur die Kinder haben mal „Baader-Meinhof-Bande gespielt“, ansonsten war das Dorf ein Kosmos für sich:

Mit Kirche, mit Dorfpfarrer, mit Dorfschule plus Bücherei, mit Läden, Bäckerei, Kneipe und Hobbyfriseur. Immer der selbe Wirt, seit „fünfunddreißig Jahren“ derselbe einsame Dorflehrer, „das Vieh war auf den Weiden“. Und die Bewohner haben keine SUVs, um täglich in die Kreisstadt zu düsen? Bei Hansen gibt’s über gut 250 Seiten“Speeddating“ nur bei den „Amseln“, nur Fahrräder, Mofas, New-Holland-Traktoren, Drei-Zylinder-Hanomags und gewaltige Dominator-Mähdrescher. Keine sozialen Medien, keine-E-Räder.

Erst wenn die zwei älteren Hauptfiguren schon dement oder verfallen sind, auf den letzten gut 60 Seiten, prasselt zu aufdringlich die Moderne herein: Die Dorfschule schließt, man bestellt „das Weihnachtsessen online“, es gibt „Carports“, „Spielkonsolen“, „Leute aus Berlin“, „Melkroboter“, den „Arbeitskreis Renaturierung“, einen „Solarpark Brinkebüll“, „Windturbinen, Starkstrommasten“, Handys.

Hier leitartikelt Dörte Hansen ungeniert:

Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft.

Sanddüne, Wolke, Quecksilber:

Dörte Hansen schreibt flüssiges, rundes, homogenes Deutsch. Sie raunt jedoch übertrieben:

Marret war wie etwas Flüchtiges, Verwehtes, das ständig seine Form veränderte, Sanddüne, Wolke, Quecksilber, sie hatte keine Grenzen. Keine feste Haut, so kam es Ella manchmal vor.

Diese Stimme bricht Hansen ca. einmal pro Seite mit einem knorzigen Einzelsatz auf Plattdeutsch. Wie gesagt wenig Handlung, viel Beschreibung, keine Dialoge. Warum?

Ein einziges Mal habe ich das Platt nicht verstanden:

Sönke Kröger is bithuus.

Zuhause?

Auf den letzten Seiten verwendet Dörte Hansen Wörter, die unangenehm herausstechen, wie „reinzog“ oder „Klamotten“.

Im Einstieg wird über eine gewisse Sünje Gregersen auf Basis ihres Namens spekuliert 🥱. Wird sie später zum love interest des einsamen Sammlers Ingwer Feddersen? Doch dann kehrt die Dame im ganzen Buch nicht wieder, dieses Tschechowsche Gewehr bleibt stumm.

Zu Recht kein Literaturpreis:

Dörte Hansen schreibt kein Leipziger Literaturmechatronikerdeutsch. Schlimmer noch, das Buch hat keine Berliner Beziehungskrisentreiber, keine genderbinär-antikolonial-antirassistische Agenda, keine Anklage, keine Wut. Es besteht nur aus alten weißen Männern und Frauen, die nicht über Missbrauch und Empowerung reden, nicht über ihre Urbanität, Sexualität und Identitttät, nicht über colour of people, Feminismus und soziale Medien, sondern sie fragen allzu old economy

nach den Kindern, nach den Kühen, nach den Schweinen, nach der Milch, nach Rüben, Raps, Kartoffeln. Nach den Eltern, Schwiegereltern, nach dem Stalldach, nach dem neuen Schuppen, nach dem Trecker, notfalls nach dem Hofhund und den Katzen

Eine männliche Hauptfigur kommentiert unwoke mehrfach die (kursiviert wie im Buch)

nicht so hübschen Frauen, Nich gut glückt! Dicke Kopp!

Darum erhielt Dörte Hansen zu Recht keinen Literaturpreis.

Freie Assoziation:

  • Das Dorf im Dörte-Hansen-Buch Altes Land ist weniger von der Außenwelt abgeschnitten, hier spielen städtische Zuzügler eine größere Rolle. Es hat sogar Dialog.
  • Das Norddeutsch-Land-Buch Bauern, Land von Ute Ruge
  • Der mittelalte Akademiker, der aus der norddeutschen Großstadt raus aufs Land fährt, erinnert an den Anständigen Menschen von Jan Christophersen.
  • Das norddeutsche Dorf und die Dorfschule in Heile Welt von Walter Kempowski.
  • Die Memoiren der Ex-Bäuerinnen von Ulrike Siegel
  • Vage die Buddenbrooks – eine andere norddeutsche Familiensaga, die jedoch chronologisch und mit ironischer Distanz erzählt wird

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