Romankritik. Einer von uns, von Chinua Achebe (1966, engl. A Man of the People) – 5 Sterne

Ich-Erzähler Odili Samalu ist zunächst ein kleiner Lehrer in einer privaten Dorfschule – gut gebildet zwar, doch er will mit der korrupten Staatsbürokratie im postkolonialen Nigeria nichts zu tun haben. Dann gerät Odili ins Umfeld des mächtigen, brunzdummen Kulturministers Chief the Honourable M. A. Nanga, M.P.; dessen Umtriebe, Eitelkeiten und hohlen Sprüche schildert der Ich-Erzähler delektabel vollmundig, deftig satirisch – nicht subtil, aber meist auch nicht schrill oder anklagend. Ich-Erzähler Odili verulkt weitere Speichellecker, Karrieristen, weiße Berater, die opportunistische Journaille und nicht zuletzt sich selbst als Schürzenjäger.

Handlungsbogen:

Einen Handlungsbogen hat das Romänchen bis zur Hälfte nicht: Der Ich-Erzähler zieht in die Hauptstadt zu Chief Nanga, macht Beobachtungen und Eroberungen. Man denkt an den Monolog eines Kabarettisten, der seine Gedanken zur Tagespolitik unterbringen will. Der Ich-Erzähler erinnert dabei deutlich an Chinua Achebe selbst, will er doch einen Roman über die ersten Weißen in seinem Heimatort schreiben – das klingt nach Achebes Okonkwo oder Das Alte stürzt/Things Fall Apart; und Chief Nanga blamiert sich als Kulturminister bei einer Schriftstellerehrung.

In der zweiten Hälfte kommt eine hölzerne Story in Gang: Der zuvor unpolitische Ich-Erzähler will plötzlich

  • als Kandidat einen Wahlkreis erobern
  • eine Frau erobern, von der er besser die Finger ließe (indes “her back was as perfect as her front – which happens once in a million”)

Dieser Teil wirkt grob konstruiert, besonders wenig plausibel, ist weder lustig noch selbstironisch, sondern zeigefingernd (vielleicht, weil sich während der Niederschrift 1966 die politische Lage in Nigeria zuspitzte). Die letzten etwa drei Seiten haben nur wenige Absätze, keinen Dialog mehr, Achebe leitartikelt.

Deftige Sprache:

In der mündlichen Rede bringt Chinua Achebe Pidgin-Englisch*, das ich nicht immer verstand, man durchschaut es mit der Zeit, z.B.

I no de keep anini for myself, na so so troway.

I done lookam, lookam, lookam sotay I tire.

Dazu kommt leichter verständliches, drolliges Fake-Englisch:

“That is next to impossibility,” he said. Peter liked his words long.

“Me? Put poison for master? Nevertheless!” said the cook

Weisheiten:

Neben allgemein kräftigem, sinnlichem Englisch und plastischen Alltagsszenen im ersten Teil kredenzt Chinua Achebe interessante Weisheiten wie

For what is modesty but inverted pride?

Gemeint ist: Der Bescheidene preise sich nicht selbst, erwarte jedoch Lob von anderen – so auch die pompöse Hauptfigur des Romans. Eine andere Weisheit:

It is better the water is spilled than the pot broken.

Diesen Satz erklärt Achebe dann noch, überflüssig. Oder:

“My son, why don’t you fall where your pieces could be gathered?”

Und schließlich:

“You chop, me self I chop, palaver finish.”

Assoziation:

*ich kenne nur die englische Ausgabe und kann die 2016er Eindeutschung von Uda Strätling nicht beurteilen

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