Romankritik. Nur die Tiere, von Colin Niel (2017, frz. Seules les bêtes) – 5 Sterne – mit Video

Die Geschichte ist gutteils grotesk unglaubwürdig. Doch Colin Niel begint mit einer zunächst ansprechenden, realistischen Handlung aus dem ländlichen, rauen Frankreich. Der Ex-Agrarwissenschaftler liefert stimmige Details aus der Landwirtschaft (es könnte jedoch noch plastischer sein) und produziert interessante Analogien, so über einen Menschen:

zaudernd wie ein Tier, das nach einem langen Sommer den Stall betritt

Die Story läuft auf einen Kriminalfall hinaus, und den deutet die erste rückblickende Ich-Erzählerin mehrfach zu aufdringlich an:

Wenn ich früher begriffen hätte ((…)), hätte ich vielleicht verhindern können, was sich da anbahnte… Ich wusste noch nicht, dass es der Anfang einer Serie war… Ja, wenn ich aufmerksamer zugehört hätte…“

Ihre Hände, ihre Lippen:

Ich hatte nicht gewusst, dass hier ein männlicher Autor gleich zwei Ich-Erzählerinnen kreiert, das ist mir oft unbehaglich. Schon bei den Sexszenen der ersten Ich-Erzählerin hatte ich Beschwerden („ich führte ihn mit ruhigen Bewegungen an mich heran“). Und die zweite Ich-Erzählerin beschreibt ihre lesbische Spontan-Liebe brühwarm dampfend als Groschenroman:

Mich hat noch nie jemand so berührt… Sie… kannte meinen Körper wie ihren eigenen … Ihre Hände, ihre Lippen auf mir, nie unbeholfen, alles war genau richtig, fest, wenn es fest sein musste, sanft, als ich langsam wieder runterkam. Ich gab mich ihr völlig hin…  Sie hatte etwas, das ich nie wieder bei irgendwem gefunden habe, so eine Art, dass ich ans Leben glaubte, ans Glück, an die Liebe, an all die Ideale

Abgesehen vom Schmalz: So fies, wie die Besungene sonst im Roman erscheint, kann man die zitierte Hymne nicht ernst nehmen.

In einem kleinen Reisebüro:

Noch mehr wirkt unrealistisch in Nur die Tiere: So findet eine unschuldige Hauptfigur schwer Belastendes auf dem Grundstück, ohne es weg zu schaffen oder die Polizei zu rufen. Diese schwache Plot-Idee soll wohl Drama erzeugen. Völlig unglaubwürdig, schmalzig und zu breit ausgewalzt ist auch der afrikanische Romance Scam mit Opfer in Frankreich. Dazu die fatale Verwechslung zweier sich ähnlich sehender Personen, ein ausgeleierte Plot-Trick.

Eine Figur will dann unerkannt von Frankreich nach Afrika fliegen und zahlt das Ticket darum „bar…, in einem kleinen Reisebüro möglichst weit weg von zu Hause“ – ach so, und der Pass am Flughafen? Dann gibt es noch bizarre Nekrophilie fast wie in Indonesien und bewusste Realitätsverweigerung, fast schon Abgleiten in eine pathologische Scheinwelt.

Die fünf sich überkreuzenden und widersprechenden Ich-Erzähler haben Finesse. Die Geschichte wurde 2019 verfilmt („Die Verschwundene“).

Yes, auf jeden:

Die Eindeutschung von Anne Thomas klingt oft stimmig, nicht „übersetzt“, etwas umgangssprachlich, wie man es bei Ich-Erzählern in der Provinz erwarten kann, z.B. „wegen“ mit Dativ, und einmal sagt Alice:

Und wenn man einen Betrieb, der den Bach runtergeht, wieder auf die Beine bringen will, braucht das Zeit. Normalerweise zwei Jahre. Bei Joseph…

Das klingt angemessen. Später sagt Joseph als Ich-Erzähler das Gleiche:

damit der Hof nicht den Bach runter ging

Soll ich die Wiederholung des Ausdrucks passend oder unrund finden? Statt „auf jeden Fall“ lässt Anne Thomas jüngere Akteuren nur „auf jeden“ sagen, seltsam, u. a. (S. 164, sic):

Yes, auf jeden.

Gelegentlich erklärt die Übersetzerin Französisches in einer Fußnote und verwendet im deutschen Text den französischen Ausdruck, zum Beispiel bei „Causse“ für „Hochplateau“ (Wiki), so entstehen Sätze wie

Wenn ich über den Causse fuhr, sah ich…

Sie erklärt und verwendet auch ein paar Abkürzungen aus der EU-Bürokratie wie GAEC, und Seite 191 hat gleich vier Fußnoten für ivorisches Französisch, eine spätere Seite hat drei. Und der Ich-Erzähler sagt dort immer unerklärt „mein Kabinett“, offenbar seine Clique oder seine Mitganoven.

Die in Ostdeutschland geborene Übersetzerin verwendet Ausdrücke, die für Westdeutsche ungewöhnlich klingen, wie „Einraumwohnung“, „Zweiraumwohnung“. Dazu kommt bizarre ß-Verweigerung wie „unseren Alltag vergassen“ (sic), „wir assen gegrilltes Huhn“ (sic) oder „mein Süsser“ (sic).

Assoziation:

  • Ich dachte momentweise an kriminalistische Nicht-Maigret-Romane von Georges Simenon und von Patricia Highsmith, auch wegen des provinziellen Milieus; beide sind jedoch weit realistischer, genauer, Highsmith auch psychologisch feiner
  • Ich meine doch, es gebe eine Kurzgeschichte von Ernest Hemingway (?), in der eine gefrorene Leiche über den Winter im Bergschuppen aufbewahrt und erst im Frühjahr zu gebracht wird, nach meiner Erinnerung in der Schweiz; aber ich finde die Geschichte nicht
  • Internetbetrug ex Afrika präsentiert viel gewitzter Adaobi Tricia Nwaubani

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