Kritik Kurzgeschichten/Essays: Collected Stories, von Raymond Carver (Library of America) – 8 Sterne – mit Links

Fazit:

Raymond Carver (1938 – 1988) besticht durch hochrealistische Dialoge und Szenen, die zum Greifen plastisch wirken. Er verzichtet komplett auf absurdes Verhalten und unrealistische Zufälle, wenn auch nicht immer auf unrealistische Entscheidungen und unverständliche oder mehrdeutige Aussprüche gegen Ende der Geschichten. Gelegentlich in späteren Texten wird er zu religiös/humanistisch, bringt zu aufdringliche Symbole.

Der gerühmte Minimalismus erscheint vor allem in den Geschichten der Sammlung Wovonwir reden, wenn wir von Liebe reden; die hatte Lektor Gordon Lish rabiat gekürzt und verändert. Die große Mehrzahl der Texte ist sehr lesenswert, auch die Essays (sofern man sich fürs Schreibhandwerk und für Carvers Leben interessiert).

Viele Geschichten, kaum Wiederholung:

Es verblüfft, dass Carver viele Dutzend unabhängige Kurzgeschichten schrieb, ohne Personal oder Handlungen je zu wiederholen. Ein Gefühl von déjà vu entsteht nur, wenn man zu viele Geschichten am Stück liest, speziell in der Sammlung Wovon wir reden…. Wiederholt begegnen dem Carver-Leser Beziehungsstress und Scheidung, spätnächtliche Schlaflosigkeit, Kleine-Leute-Dasein, Angeln/Jagen, Herumschnüffeln in fremden Gemächern, unerwartete Frauentränen, Zigaretten, nichts sagende Titel, unklare Enden, aufdringliche Symbole.

Verallgemeinerungen und Erklärungen fehlen völlig, Carver zeigt meisterlich alles in Handlung und Dialog. Und Hut ab, nur etwa zweimal fiktionalisiert Carver Schriftsteller, sonst bleibt er bei Alltagsfiguren.

Die englischen Texte lasen sich für mich leicht, nur ein paar Angelbegriffe musste ich nachschlagen (riffle, creel, steelhead).

Wovon wir reden… – Vorlage und erste gedruckte Fassung:

Der Anhang zum Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden liefert hochinteressante Prozentzahlen zu Kürzungen der Originale durch Lektor Gordon Lish (offenbar auf Basis der Wortzahlen) und die genaue Dokumentation dazu. Den herzzereißenden Carver-Brief zu Lishs geplanten Änderungen gibt’s nur in der Library of America ausführlich, bei Biografin Sklenicka viel kürzer.

Allerdings bezieht sich die LoA-Dokumentation nur auf den Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden – hier erscheinen Hintergründe, Prozentzahlen und Original- als auch redigierte/gekürzte Texte. Zwei andere Stories-Bände hat Lish ebenfalls bearbeitet; doch dazu sehen wir keine genaue Dokumentation und schon gar nicht die Originaltexte.

Die zwei Bände

  • What we Talk about when we Talk about Love (von Lish bearbeitet) und
  • Beginners (das entsprechende, unredigierte Carver-Original)

gibt’s auch einzeln zu kaufen (Beginners wohl nur auf Deutsch). Im Sammelband der Library of America belegen sie 133 bzw. 202 Seiten (ohne Leerseiten und Titelblatt).

Meinung zur Sammlung Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden:

Die 17 Geschichten auf nur 133 Seiten aus What We Talk About When We Talk About Love reißen einzeln oft hin, wirken aber hintereinander weg zu repetitiv und zu aufdringlich spröd und knapp – und das, obwohl Carver immer neue Szenarien, neue Protagonisten, neue Milieus und Perspektiven verwendet: Männer oder Frauen, Junge oder Alte, Handwerker oder Bürotypen, glücklich verheiratete oder unglücklich Getrennte stehen im Vordergrund, erzählt in der dritten oder ersten Person.

Meinung zur Sammlung Cathedral (Auswahl):

Die zwölf von Gordon Lish diesmal nur sacht redigierten Geschichten sind teils deutlich länger als die Texte im Vorgängerband Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden. Carver kredenzt teils diffuses Geschwafel, dräuende Symbole, Humanismus, wenn nicht gar religiöse Momente, ausgedehnten Alkoholismus (den er Anfang der Achtziger überwunden hatte). So etwas hatte Lish in früheren Bänden weggekürzt, aber diesmal durfte er nicht.

Dazu kommen banale rhetorische Fragen im Lauftext (nicht in direkter Rede) wie „Hell, where’s time gone since?“ Es gibt auch ein paar starke Dialoge und Kulissen.

Einige Geschichten, die zu stark auf Alkoholismus und Krankheit fokussieren, musste ich überspringen. Insgesamt stehen Beziehungsprobleme weniger deutlich im Vordergrund.

Assoziationen zu Carvers Geschichten allgemein:

  • Teils nüchtern-harte US-Atmosphäre in sprödem Ton erinnert an David Gates und Richard Yates (einschl. der Suff-Exzesse; Yates und Carver unterrichteten unabhängig voneinander in Iowa)
  • Die brutale Kürze (teils Brutalität und Kürze) erinnert manchmal an das Beste von Ernest Hemingway, doch der ist stimmiger, romantischer und wirkt aufs Buch gesehen weniger repetitiv. Ebenfalls an Hemingway-Geschichten erinnern im ersten Carver-Band die Themen Indianer, Fischen, Jagen und Wald
  • Man sieht in Wovon wir reden… entfernt Parallelen zu Murakamis Männern, die keine Frauen haben, doch die wirken im Vergleich zu Raymond Carver verquasselt und teils an den Haaren herbeigezogen. Murakami besuchte Carver und übersetzte ihn
  • Gordon Lish redigierte auch Richard Ford, der war ein Carver-Freund, hat jedoch keine wesentlichen Parallelen zu Carver, auch nicht in seinen Kurzgeschichten
  • Carvers Ex-Student Jay McInerney war lange mit Carver befreundet – vielleicht gibt es vage Vergleichsmöglichkeiten v.a. mit frühen McInerny-Büchern
  • Paare, die sich trennen, aber beide traurig darüber sind, und Untreue wie bei John Updike
  • Im Iowa Writers‘ Workshop soff Carver mit einem anderen Kurzgeschichtenproduzenten, John Cheever, und traf T.C. Boyle

Persönliche Erklärung des Rezionärs zu Carvers gekürzten Stories:

Nun hatte ich mir extra diese auch gebraucht teure Carver-Ausgabe der Library of America zugelegt, weil sie für die Sammlung What We Talk About When We Talk About Love faszinierend den Vergleich zwischen Raymond Carvers Originaltexten und den veröffentlichten, durch Gordon Lish stark redigierten Fassungen erlaubt. Dann aber las ich nur die bearbeiteten Fassungen.

Ich meine grundsätzlich, dass

  • Redaktion und Kooperation einen Text verbessern können
  • Textkürzungen meist lohnen.

Ich las zuerst und meist fasziniert die von Gordon Lish gekürzte Fassung und konnte mich dann gegen meinen ursprünglichen Plan nicht mehr aufraffen, erneut zum längeren Carver-Original zu greifen – es konnte schließlich kaum besser werden, nur wortreicher, oder? Und in umgekehrter Reihenfolge mochte ich die Texte auch nicht angehen. In Stichproben klingt Carver in den Beginners-Varianten ansatzweise redselig oder sentimental.

Viele Geschichten in What We Talk About… sind nur noch vier Seiten lang. Zu kurz: Eine Kurzgeschichte sollte mindestens für eine Mahlzeit reichen, und eine Mahlzeit sollte mindestens eine Stunde dauern, sonst ist sie gescheitert.

Ich kann unmöglich zwei Kurzgeschichten direkt hintereinander lesen (Carvers Geschichten sind völlig unverbunden). Man kann höchstens nach der Kurzgeschichte noch die Kommentare im Internet dazu lesen, da gibt es viel Gelehrtes etwa bei Sittingbee oder Short Story Magic Tricks; ich hole mir solche Texte schon vor Lektüre der Geschichte aufs Tablet, lese sie aber erst im Anschluss.

Die extreme Kürze entwertet die Geschichten etwas, man hat sich noch nicht an die Figuren gewöhnt, da erscheint schon das nächste Ensemble – völlig neue Leute, wenn auch mit teils wiederkehrenden Eigenschaften.

Zur Ausgabe:

Die Ausgabe der Library of America (LoA) enthält 90 Texte und reichlich Anhang, samt ausführlichem, jedoch monotonem Carver-Lebenslauf (Carvers My Father’s Life liest sich viel besser und behandelt auch Carver selbst, auch Sklenickas Carver-Biografie liest sich klasse).

Erstaunlich: dieser gesammelte Carver der Library of America ist nur 3,5 cm stark und wiegt nur 669 Gramm, enthält aber gleichwohl gut 1000 Seiten – dank perfekter Dünndrucktechnik auf ordentlichem Papier bei dito Schriftgröße.

Gerade aus den USA kommt selten so gute Druckware. Doch auch die gerühmte LoA ist redaktionell nicht fehlerfrei, so steht in einer Geschichte auf S. 287:

You got another think ((sic)) coming if you think I’m going to do that.

Der Anhang ist komplex und es gibt getrennte Übersichten zu editorischen Notizen und Erklärungen von Ausdrücken, so dass man bei manchen Geschichten an zwei verschiedenen Stellen im Anhang sucht. Das Buch bräuchte drei bis vier Lesebändchen (eins allein für das Inhaltsverzeichnis) – doch es gibt nicht eines, der einzige Mangel dieser sonst hervorragenden Ausgabe. Häufig sagt der Anhang viel zur Publikationsgeschichte eines Texts, aber nichts zur Entstehung.

Die Geschichten im Einzelnen:

ersch.   x von 10 Ran-ker
   
1976 Will You Please Be Quiet, Please?

Die Geschichten in Raymond Carvers erstem Sammelband stammen aus zwei Jahrzehnten, sind relativ unterschiedlich und oft sehr kurz – die besseren Stories zweimal zu lesen, fällt also besonders leicht. Laut LoA-Nachwort redigierte Gordon Lish auch diesen Band erheblich – aber genaue Angaben dazu liefern die Herausgeber oder Biografin Sklenicka nicht, anders als beim Band What We Talk About… Ein paar Mal zu oft erwähnen selbst Staubsaugervertreter Rainer Maria Rilke (den Carver studiert hatte).

⌀ Hansblog: 7,09 (Engl. Wiki zum Band.)

1971 Fat ᛫ Kellnerin erzählt Bekannter von ungemein dickem und gefräßigem Restaurantgast. ᛫ Sehr plastische Stimme der Hauptfigur (wie eine Ich-Erzählerin), spannende Zwischentöne, nur der pluralis majestatis des Dicken stört. 2x gelesen, nachdem Online-Besprechungen mir einige Tiefen der Geschichte aufzeigten. (Engl. Volltext.). ᛫ Assoziation: Wie bei The Idea (s.u.) ein betont vieldeutiges Ende.

8,5

1971 Neighbors ᛫ Blumengießen in Wohnung der verreisten Nachbarn stimuliert Ehepaar. ᛫ Zu symbolbeladen, zu konstruiert unrealistisch, eher ein Sketch als ein Carver – aber sehr bekannt. Dialog banal. Carvers Durchbruchgeschichte, erschien erstmals im Esquire. 2010 verkurzfilmt (IMDB). (Engl. Volltext, auch hier.) Verwendet in Robert Altmans Film Short Cuts. ᛫ Assoziation: Die Idea-Geschichte (s.u.); Schnüffeln bei urlaubenden Nachbarn erinnert an 2020er Radiogeschichte „Wie Urlaub“ von Christine Wunnicke (Beschreibung)

5,5

1971 The Idea ᛫ Biederes Ehepaar beobachtet Nachbarn, der vom Garten aus die eigene Frau im Schlafzimmer beobachtet. ᛫ Interessanter Voyeurismus mit Heuchelei. ᛫ Assoziationen: Die Neighbors-Geschichte (s.o.); eine von vielen Carvergeschichten mit Schlaflosigkeit

7,0

1973 They’re not your husband ᛫ Arbeitsloser hört andere über das Aussehen seiner Frau (Nachtkellnerin) lästern und nötigt sie (darum) zum Abnehmen. ᛫ Mild übertrieben, ok, leider womöglich realistisch, ᛫ Assoziation: Eine von vielen Carvergeschichten in tiefer Nacht. Verwendet in Robert Altmans Short Cuts.

7,0

5
1973 Are You a Doctor? ᛫ Ehemann wird durch Anruf einer Anonyma verunsichert. ᛫ Unterhaltsame, peinliche, hintergedankenreiche Konversation. Subtil satirisch. Könnte ich mir verschärft als Billy Wilder-Komödie vorstellen.

8,0

1961 The Father ᛫ Familie debattiert, wem das neue Baby ähnelt, und wem der Vater. ᛫ Sehr frühe Geschichte, etwas konstruiert in Richtung „Intention des Autors“, gleichwohl interessantes Palaver, auch wenn mir wesentliche Aspekte erst in den Online-Besprechungen klarwurden. Nur eineinhalb Seiten. (Engl. Volltext.) Verkurzfilmt (IMDB).

6,5

1970 Nobody Said Anything ᛫ Pubertierender Ich-Erzähler schwänzt Schule, fantasiert über Frauen, erlebt ein Angelabenteuer und streitende Eltern, schnüffelt in deren Schlafzimmer. ᛫ Schöne Szenen, jedoch etwas disparat verknüpft, relativ explizite Jungshormone. ᛫ Assoziationen: Hemingway-Verehrer Carver erinnerte mich hier vag an die Hemingway-Geschichten Big Two-Hearted River Teil I und II und an Nature Writing allgemein (Engl. Volltext.)

7,0

1969 Sixty Acres ᛫ Landbesitzer folgt Wilderern auf seinem Grund, befürchtet Schießerei, denkt über sein Land nach. ᛫ Für Carver-Verhältnisse spannend, fast überdramatisiert; einfühlsam, obwohl vermutlich nicht Carvers eigenem Alltag entnommen. ᛫ Assoziation: entfernt Hemingways Wald- und Indianer-Kurzgeschichten. Auch entfernt Carvers The Cabin

7,5

1972 What’s in Alaska? ᛫ Zwei Paare treffen sich zum entspannten Feierabend-Couching. ᛫ Toll realistische, banal-entspannte Dialoge samt der leichten Ausrutscher später am Abend. Fast fragt man sich schon, ob denn alles Friede, Freude, Wasserpfeife ist? ᛫ Assoziation: Wie bei einigen anderen Stories, auf den letzten Zeilen etwas völlig Neues, scheinbar Unrealistisches. (Engl. Volltext.)

8,0

1971 Night School ᛫ Bargeld- und arbeitsloser Geschiedener, der bei den Eltern im Flur schläft, trifft zwei Frauen im Pub. ᛫ Trostlosigkeit in nicht trostlosem Text, gute Milieuskizze. ᛫ Assoziation: Ähnliche Hauptfigur wie in Collectors (s.u.). Das Szenario erinnert an Kurzgeschichten von Richard Yates.  

7,5

1975 Collectors ᛫ Der Ich-Erzähler ist arbeits-, geld- und fraulos, ein Staubsaugervertreter klingelt. ᛫ Zum Gruseln aufdringlicher Staubsaugervertreter, der Ich-Erzähler zunehmend unrealistisch passiv, die Rilke- etc. Anspielungen des Staubsaugermanns überzeugen auch nicht. Verkurzfilmt (IMDB). Verwendet in Robert Altmans Film Short Cuts. Assoziation: Rilke-Anspielung wie in Student’s Wife (s.u.); ähnliche Hauptfigur wie in Night School (s.o.), der Einstieg Carver pur:

I was out of work. But any day I expected to hear from up north. I lay on the sofa

7,0

 
1967 What Do You Do in San Francisco? Kleinstadtbriefträger schwadroniert über neu zugezogene, unkonventionelle Familie. ᛫ Sehr plastische Ich-Erzählerstimme, der Briefträger verhält sich jedoch gegen Ende (wie öfter bei Carver) sehr ungewöhnlich. Evtl. verkurzfilmt.

7,0

 
1964 The Student’s Wife ᛫ Spätnachts im Schlafzimmer: Schlaflose Gattin braucht Zuwendung = Ansprache, Beinmassage, ein Butterbrot. ᛫ Gruselig schön quälend der Ankampf der schlaflosen Gattin gegen den müden Mann. Maryann Carver las das vermutlich ungern. ᛫ Assoziation: Wieder mal Rilke-Erwähnung (wie in Collectors, s.o.); wieder mal Schlaflosigkeit (wie so oft bei Carver). (Engl. Volltext.) Verkurzfilmt (Vimeo). (Audio: Carver-Freund Richard Ford liest.)

7,5

4
1972 Put Yourself in My Shoes ᛫ Schriftsteller-Paar wird von anderem Paar belehrt, was Schriftsteller schreiben sollten, dabei brechen Animositäten durch. ᛫ Relativ satirisch, für Carver unübliches Personal, gegen Ende wie oft etwas unrealistisch. (Engl. Volltext, auch hier.) ᛫ Assoziation: Bei der erwähnten Büroweihnachtsfeier und auch bei Mr Morgan dachte ich sofort an Billy Wilders The Apartment. Lt. Biografin Sklenicka ein „vivid portrait of Ray and his wife“

7,0

1972 Jerry and Molly and Sam ᛫ Überforderter Familienvater will Familienhund aussetzen und so Ordnung schaffen. ᛫ Anders als viele Carver-Figuren hat dieser Protagonist Frau + Loverin + Kinder + Haus + Arbeit + Geld – und ist doch unzufriedener als die anderen. Etwas dramatisch-weinerliche Geschichte. Verwendet in Robert Altmans Short Cuts.

7,0

1972 Why, Honey? ᛫ Brief einer Alleinerziehenden über ihren entgleisenden Teenager-Sohn. Hieß auch „The Man Is Dangerous“. ᛫ Harte Erfahrungen, die ich für unrealistisch und dramatisiert hielt, die aber von US-Lesern geteilt werden. Schöner Ton, der aber eher gesprochen als geschrieben klingt. Mysteriöser Ausgang + unbekannter Briefempfänger = unzufriedener Leser. Laut Biografin Sklenicka Anspielung auf Nixon und „a minor, one-trick story“.

5,5

1963 The Ducks ᛫ Junges kinderloses Paar in verregneter Trapperhütte will es einander halbwegs recht machen, hat aber unterschiedliche Interessen. ᛫ Eher Stimmungsbild als Story, als solches schön; für Carver-Verhältnisse relativ harmonisch. ᛫ Assoziationen: könnte Fortsetzung von How About This? sein (s.u.)

7,0

1970 How About This? ᛫ Junges urbanes Künstlerpaar besichtigt einsame Landbaracke als mögliches Wohnhaus. ᛫ Eher Stimmungsbild als Story, recht atmosphärisch. Unklares Ende unbefriedigend. Das letzte Streichholz im letzten Absatz ist zu aufdringlich. ᛫ Assoziationen: könnte Vorgeschichte von The Ducks sein (s.o.); bei Carver wird immer viel geraucht, hier aber noch mehr, wie bei Judith Hermann (hier „((he)) drew a breath of air and they both lighted cigarets… He put out the cigaret. In a little while he lit another one“) (Carver starb mit 50 an Lungenkrebs); wie in andere Geschichten dieses Bandes – speziell auch The Ducks – überlässt die Frau ihrem Mann die Entscheidungen („‚have you decided?‘, she said“… ‚So?‘ she said“).

7,0

1973 Bicycles, Muscles, Cigarets ᛫ Familienvater gerät in Nachbarschaftsstreit um verschwundenes Kinderfahrrad, die Situation eskaliert. ᛫ Präzise Darstellung eines Konflikts, runde Geschichte. Akteure nur Männer und Jungen, Frauen passiv. (Engl. Volltext.) ᛫ Assoziation: Ungewöhnlich für diesen Carver-Band der eindeutige Story-Titel; ungewöhnlich (und vielleicht überflüssig) der Nikotin-Entzug der Hauptfigur.

8,0

7
1972 What Is It? ᛫ Verschuldetes Paar mit Geld- und Alkoholproblem muss schickes Cabrio verkaufen. Autobiografisch grundiert. Auch bekannt u.d. Titel Are These Actual Miles?, laut Biografin Sklenicka erst nach „fairly heavy editing“ durch Gordon Lish erschienen. ᛫ Schöne Geschichte der Unsicherheit und des Abstiegs.

7,5

1970 Signals ᛫ Paar in Nobelrestaurant. Er ist erkennbar überfordert mit der Umgebung und dem Zustand der Beziehung. ᛫ Innerer und Beziehungsstress schön dialogisch ausgearbeitet, etwas satirisch. ᛫

7,0

1967 Will You Please Be Quiet, Please? ᛫ Quälende Diskussion um Untreue, quälende Reaktion. ᛫ Vieles ist untypisch an dieser sehr frühen Geschichte: die Länge (sogar mit Zwischenüberschriften), die Melodramatik, die dialogfreie Vorgeschichte des Paars. Verwendet in Robert Altmans Film Short Cuts.

6,0

 
   

 

 
  from Furious Seasons and Other Stories
1963 Pastoral  
1960 Furious Seasons
   
1981 What We Talk About When We Talk About Love

Die Stories aus diesem Einzelband erscheinen in der von Gordon Lish stark redigierten, ursprünglich veröffentlichten Version – lt. Nachwort ingesamt 55% kürzer als die von Carver eingereichte Sammlung Beginners (s.u.), teils geänderte Stories-Titel, teils geänderter Inhalt. (Carvers nicht von Lish bearbeite Vorlagen stehen unter dem Titel „Beginners“ ebenfalls in den Collected Stories.) Einige Geschichten werden in Robert Altmans Short Cuts sowie in anderen Filmen verwendet (Wiki zu Verfilmungen). Engl. Zumbuchwiki. Meinung s.o.

⌀ Hansblog: 7,32

1981 Why Don’t You Dance? ᛫ Mann stellt nach Trennung Krempel zum Verkauf vors Haus, plaudert mit jungen Interessenten. ᛫ Spartanisch, faszinierend, untergründige Spannung. (Engl. Volltext hier und hier.) 8
1978 Viewfinder ᛫ Behinderter Mann bietet Hausbesitzer Hausfotos an, wird zum Kaffee eingeladen, dann ist die Rede von Kinderstreichen. ᛫ Hab’s nicht verstanden, aber cooler Dialog. (Engl. Volltext.) 6,5
1980 Mr. Coffee and Mr. Fixit ᛫ Grübeln über Ehebrüche und Liebe. ᛫ Disparat unterschiedliche Themen vermischt. 5
1980 Gazebo ᛫ Frau bitter enttäuscht über Ehebruch ihres Mannes, er sieht die geplante Zukunft in Scherben. ᛫ Schön frustrierend, beredte Sprachlosigkeit, ein Tick zu romantisch. (Engl. Volltext.) 7,5
1980 I Could See the Smallest Things ᛫ Überraschendes nächtliches Treffen am Gartenzaun mit dem Nachbarn. ᛫ Schön, übersichtlich, etwas dramatisch zu Beginn. Ungewöhnlich für diesen Band: eine Frau als Ich-Erzählerin, aber sie redet nur über zwei Männer. (Engl. Volltext.) 7,5
1974 Sacks ᛫ Vater erzählt Sohn von Ehebruch und -ende. ᛫ Sehr carveresk, trostlos, minimalistisch (von Lish stark gekürzt). (Engl. Volltext.) 7,5
1981 The Bath ᛫ Kind landet am Geburtstag im Krankenhaus, doch der Bäcker will den bestellten Kuchen liefern und berechnen. ᛫ Ansatzweise rührselig. Ungewöhnlich: Funktionierende Familie, kein Fluchen, kein Alkohol, keine Zigaretten. Von Gordon Lish dramatisch gekürzt. Später ausgebaut zu A Small, Good Thing in der Sammlung Cathedral, damit 3x im Buch. (Engl. Volltext.) 7,0
1971 Tell the Women We’re Going ᛫ Zwei Jungehemänner gehen ohne Frauen auf Spritztour, was sie wohl wollen? ᛫ Schöne Sozialskizze, später zu brutal. Erschien 1971, geschrieben wohl 1969. Verwendet in Robert Altmans Film Short Cuts. 7,0
1981 After the Denim ᛫ Penibler pensionierter Buchhalter ärgert sich über lockeres Jungvolk. Eine Andeutung von Krankheit. ᛫ Gegensatz pingeliger Buchhalter und sorglose Jeanstypen zu aufdringlich. Zu viel Zufälle auch. Trotzdem ordentliche Geschichte. Von Gordon Lish dramatisch gekürzt. Gibt’s als 27minütigen Kurzfilm von 2010. 7,0
1975 So Much Water So Close to Home ᛫ Mann reagiert gefühllos auf Leichenfund, Frau ist betroffen. ᛫ Interessante Gegensätze, ungewöhnlich für Carver die Rückblende, welche die Spannung ein wenig erhöht. Teil von Robert Altmanns Film Short Cuts, und 2006 in Australien als Jindabyne verfilmt. Auch Albumtitel von Paul Kelly and the Messengers (1989). (Engl. Volltext.) 7,5 2
1967 The Third Thing That Killed My Father Off Gieriger Einfaltspinsel, enttäuschte Kollegen. ᛫ Schöne Stimme des jugendlichen Ich-Erzählers, plastische Figuren, Geschichte des Vaters wirkt jedoch wie eine etwas aufgepfropfte zweite Hauptfigur neben dem Einfaltspinsel. 7,5
1980 A Serious Talk ᛫ Mann kommt Weihnachten kurz zur Exfamilie zurück. Verbitterung. ᛫ Wunderbarer Dialog aneinander vorbei, gutes Psychogramm. Könnte mit einem weniger grottigen Exmann noch wirkungsvoller sein. ᛫ Assoziation: Männer fliegen öfter raus, besonders deutliche Anklänge an Carvers One More Thing aus derselben Sammlung. Grottige Exmänner, die ihre Exfrauen wiederhaben wollen, und mit Alk und Grottigkeit alles versemmeln, gibt’s en masse auch bei Richard Yates. 7,5
1979 The Calm ᛫ Drei Männer unterhalten sich beim Friseur über die Jagd. ᛫ Wie immer starke direkte Rede. Schöne Verflechtung von Rahmen- und Binnenhandlung, auch wenn es zunächst zu konstruiert erscheint. 8,0
1978 Popular Mechanics ᛫ Zerstrittenes Paar ringt handgreiflich um sein Baby. ᛫ Extrem kurze, gleichwohl runde Geschichte, wenn auch mit unklarem Ende. ᛫ Assoziation: Hat Momente von Brechts Kaukasischem Kreidekreis. (Engl. Volltext.) 7,5
1975 Everything Stuck to Him ᛫ Zwei Teenager-Eltern streiten darum, ob er auf die Jagd gehen sollte, wenn das Baby unklar krank ist. Die Rahmenhandlung spielt 20 Jahre später. ᛫ Schöne Skizze, ein Tick zu sentimental im Abgang. 7,5
1981 What We Talk About When We Talk About Love ᛫ Zwei Paare, alle zum zweiten Mal verheiratet, unterhalten sich über Formen der Liebe, auch gewalttätige ᛫ In der von Lish stark gekürzten und teils umgeschriebenen Fassung spröd-schön, obwohl nur erzählt wird und nichts passiert; zu viel Männer-Vierbuchstabiges (offenbar von Lish hineingeschrieben). ᛫ Assoziation: vage an andere 2-Paare-beim-Plausch in Richard Fords Kurzgeschichte Happy und in Judith Hermanns Kurzgeschichte Kaltblau. Dient als Geschichte in der Geschichte im Film Birdman mit Michael Keaton. (Engl. Volltext.) 8 1
1981 One More Thing ᛫ Unguter Familienvater wird von Frau und Tochter rausgeschmissen. ᛫ Stark, „echt“, auch wenn der Mann wie öfter bei Carver etwas zu doof ist. ᛫ Assoziation: Männer fliegen öfter raus, besonders deutliche Anklänge an Carvers Serious Talk aus derselben Sammlung. 8
     
2007 Beginners (The Manuscript Version of What We Talk About When We Talk About Love)

Die Original-Carver-Geschichten aus dem Band What we Talk About… (s.o.), ohne Gordon Lishs Änderungen, überhaupt unlektoriert, als Buch erst nach Carvers Tod von seiner Witwe Tess Gallagher veröffentlicht, teils weicht der Storytitel ab. Habe ich nicht gelesen. Wirkt in Stichproben etwas zu… redselig.

Why Don’t You Dance?
  Viewfinder
  Where Is Everyone?    
  Gazebo    
  Want to See Something?    
  The Fling
A Small, Good Thing    
  Tell the Women We’re Going    
  If It Please You    
  So Much Water So Close to Home    
  Dummy    
  Pie    
  The Calm
Mine    
  Distance    
  Beginners    
  One More Thing    
  Stories from Fires    
  The Lie ᛫ Paar diskutiert, ob sie eine Lüge erzählt habe, die Positionen schwanken. ᛫ Unrealistisch widersprüchliche und dabei dominante Frau. ᛫ Assoziation: Selbstbewusster, sexuell dominanter Frauentyp wie in Carvers Fragment From The Augustine Notebooks (unten). 6,0
  The Cabin ᛫ Carver pur: Mann geht Angeln, trinkt Scotch, vermisst Ex, raucht, Konfrontation mit Gewaltandrohung. ᛫ Stimmungsvoll und beklemmend. ᛫ Assoziation: wegen der Konfrontation im Wald Carvers 60 Acres. 8,0
Harry’s Death
The Pheasant ᛫ Blasiertes Hollywood-Paar redet blasiert, handelt implausibel. ᛫ Überraschend kitschig und abgeschmackt, kurz unrealistisch. ᛫ Assoziation: Das Paar erinnert kurz an Samantha Jones und ihren Schauspieler-Toyboy in L.A., aus SatC. 4,0
1983 Cathedral

In diesem Kurzgeschichtenband durfte Gordon Lish den Rotstift nur gedrosselt schwingen, nicht an die Substanz gehen, die Geschichten sollten laut Carver „fuller“ werden. Man sieht’s auch daran, dass die Geschichte „The Bath“ aus WWTAWWTAL hier weitaus länger und humanistischer/christlicher als „A Small, Good Thing“ wiederkehrt.

Meinung s.o.

⌀ Hansblog (für 9 von 12 Stories): 6,5

   
1982 Feathers ᛫ Paar besucht Paar zum Dinner, die Frauen kennen sich noch nicht. ᛫ Subtile Spannungen, Verlegenheiten, Erwartungen und mild Groteskes, hochdetailliert ausgeleuchtet, schön abgerundet. 1987 verfilmt. Der Ich-Erzähler nennt das Baby immer wieder „it“, wohl ein Zeitphänomen und auch bezeichnend für seine Verfassung. (Engl. Volltext.) 8,5 6
1981 Chef’s House ᛫ Ex-Alkoholiker gewinnt Exfrau zurück, sie leben günstig am Meer, aber dann ~ ᛫ Stimmungsvoll melancholisch, zugleich wolkig schwafelnd:

I can’t talk like somebody I’m not. I’m not somebody else. If I was somebody else… If I was somebody else… I’m who I am…. Suppose, just suppose, nothing had ever happened. Suppose this was for the first time. Just suppose. It doesn’t hurt to suppose.

Doch, es schmerzt. Gordon Lish hätte das Gesülze geknickt. Die Personen bleiben verschwommen, so anders als sonst bei Carver. Ich will Fakten, Fakten, Fakten, wie in WWTAWWTAL. Die von Gelehrten hochgelobte kurze Geschichte war Carvers Einstand beim New Yorker. Englischer Volltext; Podcast-Lesung und -Diskussion beim New Yorker und identisch hier (Ich-Erzählerin gelesen von David Means). ᛫ Assoziation: Wird mit T.C. Boyles Kurzgeschichte Birnam Wood verglichen (engl. Volltext); doch Carver sei Literatur, Boyle nur Bericht; kein Kommentar.

6,0
1983 Preservation ᛫ Ehemann verliert Arbeit, Lebensmut, dann verreckt auch noch der Kühlschrank. ᛫ Sprach- und Mutlosigkeit gut in direkter Rede vermittelt, jedoch überfrachtet mit dräuenden Symbolen zulasten wirklichen Lebens. 5,0
1983 The Compartment ᛫ Reicher geschiedener Ami reist zu seinem Sohn, den er seit 8 Jahren nicht sah. ᛫ Die Hauptfigur ist reich, eine Frau gibt’s nur in der Rückblende, und Dialog gar nicht – Carver verzichtet auf alle Stärken und verarbeitet aufdringlich eigene Familien- und ephemere Reiseeindrücke aus Europa (Biografin Sklenicka: „he milled his life into fiction“). (Engl. Volltext.) 5,0
1982 A Small, Good Thing ᛫ (restaurierte Fassung des von Gordon Lish drastisch gekürzten und umbenannten Texts The Bath aus WWTAWWTAL, s.o., hier ni. gelesen)
1981 Vitamins ᛫ Mann will seine  Frau, die von ihrer Kollegin angegraben wurde, mit einer anderen Kollegin betrügen. Besuch in Schmierenkneipe. ᛫ Schöne, harte Milieustudie mit trockenen Dialogen. Eigentümlicher Kulissenmix. Seltenes Auftauchen von Afroamerikanern bei Carver, das Schimpfwort „spade“ habe ich zum Glück nachgeschlagen. (Engl. Volltext, Doc-Datei.) 7,0
1983 Careful
1982 Where I’m Calling From ᛫ Männer plaudern und reminiszieren in Entzugsanstalt, eine Schornsteinfegerin küsst a.A. Fremde auf den Mund. ᛫ Schöne Momente und Dialoge, wenn auch kaum direkte Handlung. Carvers Alkoholismuserfahrungen nicht zu aufdringlich. Schornsteinfegerin unrealistisch, zu „konzept“. (Engl. Volltext.) ᛫ Der Titel wurde zum Titel eines späteren Sammelbands mit Altem und Neuem. 7,0
1983 The Train ᛫ Frau bedroht Mann mit Pistole, ist dann mit seltsamem Paar in Eisenbahn-Warteraum konfrontiert, vor allem mit der zänkischen Frau. ᛫ Interessante Atmosphäre, aber nur eine Skizze ohne Handlung. Gedacht als Fortsetzung der John-Cheever-Geschichte The Five-Forty-Eight, darin nicht überzeugend, kein innerer Bezug, wichtige Fragen bleiben offen – innerhalb dieser Geschichte und mehr noch, wenn man die Cheever-Geschichte nicht kennt. 5,0
1983 Fever ᛫ Alleinerziehender Papa hadert mit Babysittern, seiner Neuen und dem esoterischen Quark, den die nach Kalifornien entlaufene Kindsmutter am Telefon verzapft. ᛫ Sehr realistisch, nachvollziehbar, gegen Ende etwas menschelnd. 7,5
1982 The Bridle ᛫ Hausverwalterin/Frisörin in kleinem Mietblock in Arizona schwadroniert über ihre Klientel und über ihren drögen Hausmeister-Mann. ᛫ Lange passiert nichts, die Hartzer-Figuren öden an, und doch interessante Spannung und Skizzen, weil Dinge offen bleiben, realistisch und stimmige Ich-Erzählerin. Etwas aufdringliche Symbolik. 7,5
1981 Cathedral   3
       
  From Where I’m Calling From

In dieser Sammlung haben die ernsten Situationen und Gespräche oft eine subtil groteske Note: das nächtlich palavernde Ehepaar, die monologisierende Alte, die schimpfende Ex, die notleidende Verwandtschaft. Meisterlich aufgespießte Wirklichkeit mit gelegentlich zu aufdringlich versöhnlichen und symbolischen Momenten. Zu oft die Ex und die Trennung. Carverkenner kräuseln sich, wenn er die eigene Sippschaft wiederholt literarisch in die Pfanne haut. In England hieß die Sammlung Elephant.

⌀ Hansblog (für 6 von 7): 6,83

1986 Boxes ᛫ Quengelnde, erratische Alte nervt ihren geschiedenen Sohn und dessen Freundin, die mühsam höflich bleiben. ᛫ Subtil fiese häusliche Szenen, hochrealistische Details, zunächst wenig Dialog, doch Worte der Alten filmi grantig. Etwas aufdringliche Symbolik (u.a. Fenster). ᛫ Assoziation: Tiraden der Ex gibt’s in zu vielen anderen Geschichten des späteren Carver, u.a. in Blackbird Pie und in Intimacy; eine Mutter nervt ihren erwachsenen Sohn auch in Carvers Elephant. Autobiografisch inspiriert. 7,5
1986 Whoever Was Using This Bed ᛫ Schlafloses Ehepaar im Bett redet über Ängste und Nöte. ᛫ Witzig driftende Situation, subtil komisch über Patientenverfügung und Kleinkram, entlarvende Widersprüchlichkeiten einen Tick zu deutlich. Verkurzfilmt. (Engl. Volltext.) 7,5
1986 Intimacy ᛫ Schriftsteller besucht erstmals seit vier Jahren Ex-Frau, sie überzieht ihn mit Vorwürfen. ᛫ Schöne Mischung aus Erbitterung und anderen, untergründigen Gefühlen, unfreiwillig monologisch ausgedrückt. Sehr realistische Stimme. ᛫ Assoziation: Typisch für den späteren Carver der quasireligiöse Moment (Mann kniet nieder) und das aufdringliche Symbol (Laub); aggressive Anklagen der Ex erscheinen ebf. in weiteren späten Carver-Geschichten, so in Elephant und Blackbird Pie. 7,5
1987 Menudo ᛫ Untreuer Ehemann denkt nachts um 3 an seine betrogene Frau, an seine Exfrau und an seine verheiratete Liebhaberin. Die betrogenen Partner wissen von der Affäre, Entscheidungen stehen an. ᛫ Etwas ziellos, kaum Handlung in der erzählten Jetztzeit, sondern wechselnde Erinnerungen, gegen Ende 2x unrealistisch quasi-religiös (Schüttelfrost, Laubrechen bei Nachbarn) ᛫ Assoziation: hat Noten von Updike (Untreue in der Mittelschicht, womöglich autobiografisch), Cheever (gegenüber liegende Vorortvillen) und Carver (Schlaflosigkeit, zerstörte Ehe). (Engl. Volltext.) 6,0
1986 Elephant ᛫ Alleinlebender Geschiedener jammert über Geldwünsche und Rückzahlungsmoral von Exfrau, Bruder, Sohn, Tochter, Mutter. ᛫ Wir wissen, es ist autobiografisch, und bei jedem anderen klänge die Tirade banal, doch bei Raymond Carvers packendem Ich-Erzähler wird Literatur daraus (jedoch gegen Ende wieder mit quasi-religiösem Moment und Symbolik) ᛫ Assoziation: Tiraden der Ex gibt’s in zu vielen anderen Geschichten des späteren Carver, u.a. in Blackbird Pie und in Intimacy; eine Mutter nervt ihren erwachsenen Sohn auch in Carvers Boxes. 7,0
1986 Blackbird Pie ᛫ Mann erhält Brief, dass seine Frau ihn verlassen will, doch es gibt Wunderlichkeiten. ᛫ Ein paar schöne Szenen, doch auch Unerklärliches (fremde Handschrift) und triefende Symbolik (Pferde im Nebel). ᛫ Assoziation: Gebildeter, belesener Ich-Erzähler weniger typisch für Carver. Die nächtlichen Pferde im Vorgarten samt Sheriff und Züchter laufen 1:1 auch durch Carvers Geschichte Call If You Need Me. 5,5
1987 Errand
Other Fiction

Erstmals veröffentlicht im nachgelassenen Band Call If You Need Me. Bringt bisher kaum verwendete Früh- und Jugendtexte, die Carver teils anonym erscheinen ließ.

1963 The Hair
  The Aficionados
  Poseidon and Company      
  Bright Red Apples    
  From The Augustine Notebooks Paar diskutiert im Mittelmeer-Urlaub mögliche Trennung. (Romanfragment.) ᛫ Teils sarkastische Dialoge, sexuell dominante Frau ungewohnt. ᛫ Assoziation: Ein Hauch von Hemingway. Ähnlicher Frauentyp wie in Carver-Geschichte The Lie. 7,0  
Kindling  (Hintergründe u. engl. Volltext bei LoA.)
1977 What Would You Like to See? ᛫  Gleich zu Beginn carvert es mächtig:

we were moving, we had decided to separate.

Zwei Ehepaare beim Abschiedsdinner. (Engl. Volltext.)

᛫ Präzise Figurenzeichnung, etwas vollgestopft mit Themen (Trennung, Umziehen, Alkoholismus, Lebensmittellagerung, Kinder.) ᛫ Assoziation: Die Paare aus Call If You Need Me und What Would You Like To See sind in ähnlicher Lage. Die nächtlichen Pferde im Vorgarten samt Sheriff und Züchter stehen 1:1 auch in Carvers Geschichte Blackbird Pie herum.

7,0
  Dreams (Engl. Volltext.)
Vandals (Engl. Volltext.)
  Call If You Need Me ᛫ Ehepaar in Krise will sich für drei Monate isolieren und eine Lösung suchen. (Engl. Volltext.) ᛫ Schöne Momente, doch aufdringlich Symbol-triefend (kaputter Auspuff, entfliegender und neuer Kolibri, Hundkaufplan, Nebel, „Good luck to both of you“, Pferde im Vorgarten. Und kitschige Momente wie die nächtlichen weißen langmähnigen Pferde im Vorgarten und dieser melodramatische Absatz:

Then she looked at me again and touched my face. She turned and moved across the tarmac toward the plane.

Assoziation: Die Paare aus Call If You Need Me und What Would You Like To See sind in ähnlicher Lage. Die nächtlichen Pferde im Vorgarten samt Sheriff und Züchter laufen 1:1 auch durch Carvers Geschichte Blackbird Pie. (Engl. Blogpost: Wie Carver Alltagskommunikation beschreibt.)

Selected Essays

Zunächst redet Carver über sich und seinen Vater, in den weiteren Essays vor allem über Einflüsse auf sein Schreiben – andere Autoren, Schreiblehrer, Lektoren und Lebensumstände. Er schreibt klug schlicht, praktisch, perfekt lesbar.

1984 My Father’s Life ᛫ In einfachen, unaffektierten Worten erzählt Carver das Leben seines Vaters – ein Arbeitertyp mit Problemen – und verbindet es mit dem eigenen Werdegang. ᛫ Schöne, schlichte Sprache, perfekt linearer Aufbau, allerlei Bezüge zu Carvers Geschichten und eigener Biografie, die nicht explizit aufgezeigt werden. (Engl. Volltext.) ᛫ Assoziation: Carvers Leben leiert spieluhrhaft die 20seitige Chronology im Anhang herunter. 7,5
1981 On Writing ᛫ In einfachen, klaren Worten spricht Carver gegen „tricks“ und „formal innovation“ und für „fundamental accuracy“ und „some feeling of threat“ beim Geschichtenschreiben. Er erwähnt scheinbar lobend allerlei Hansblog-Helden wie John Updike, Ernest Hemingway und Tania Blixen/Isak Dinesen, jedoch nicht Patricia Highsmith. ᛫ Schöner, nüchterner Ton, kurz und knapper Text (ca. 6 Seiten) und seinen Vorsätzen stimme ich zu. Überraschend und fast enttäuschend jedoch, dass er sich zum Schreiben ohne festen Plotplan bekennt. ᛫ Assoziation: Auch in Fires und Author’s Note… redet Carver über’s Schreiben. (Engl. Volltext. Andere gesammelte Carver-Tipps. Schreibtipps von anderen Autoren.) 7,5  
1982 Fires ᛫ Nicht andere Autoren beeinflussten sein Schreiben, schreibt Carver, sondern besondere Lebensumstände etwa im Waschsalon, ein falsch verbundener Anruf, ein Schreiblehrer und ein Lektor. ᛫ Nüchtern, uneitel, eingängig. ᛫ Assoziation: Auch in den Essays On Writing und Author’s Note… redet Carver über’s Schreiben. 7,5
Author’s Note to Where I’m Calling From ᛫ Kurz und ehrlich zum Selbstverständnis eines Kurzgeschichtenschreibers mit Familie – unabhängig von der Sammlung Where I’m Calling From. 7,0

 

Nicht im Buch enthalten u.a.:

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