Krimikritik: Der Fall Galton, von Ross MacDonald (1959, engl. The Galton Case) – 7 Sterne

Fazit:

Die Handlung schnurrt gut konstruiert und gut geölt herunter, und Ross MacDonald erzählt ebenso elegant und gut geölt – zu gut: Dialoge klingen geschriftstellert, hübsche Zufälle helfen weiter.

Kultiviert:

Der Krimi beginnt genre-typisch: Privatdetektiv Archer betritt eine Anwaltskanzlei, ein Fall-Hintergrund wird erzählt. Das funktioniert alles dialogisch. Bald gibt’s die erste Leiche. Die hat scheint’s nicht mit dem diskutierten Geschehen zu tun und lässt unerwünschte Zufälle befürchten.

Ross MacDonald (1915 – 1983) schreibt kultiviert über kultivierte oder zumindest gutbürgerliche Menschen. Alles ist gepflegt, ziseliert, geldig, nonchalant. Der Autor betont die Besonderheiten seiner Figuren fast zu stark, schnitzt sie etwas zu hart konturiert, wenn auch nicht völlig klischiert. Ebenso wie sein scheinbar bevorzugtes Milieu klingt der Autor leicht snobistisch, aristokratisch; über Beat-Dichter in San Francisco lästert er.

Um Originalität bemüht:

MacDonald bemüht sich auch um eine kultivierte Sprache, streut Fremdwörter, Hochgeistiges („Rimbaud’s theory…“) und Französisch ein (ich kenne nur das engl. Original), dazu Spott und Verachtung von hoher Warte („looking cheaply gala in…“). Er schreibt gleichwohl sehr gleichmäßig, leicht lesbar und spannend. Zudem zelebriert MacDonald keine Gewaltorgien, mit kurzen Ausnahmen. Liebe und Sex fehlen ganz.

Die Dialoge sind etwas cool und gelegentlich raffiniert filmi, reißen aber nicht wirklich mit – die O-Töne klingen bei unterschiedlichen Sprechern zu ähnlich, stets nach einem um Originalität bemühten Autor; selbst schlichtere Gemüter sagen Dinge wie:

„Tommy could talk the fillings right out of his teeth.“

Die Dialoge verraten wenig über den Gefühlszustand der Sprecher; die muss der Ich-Erzähler ausformulieren.

Ross MacDonald sagt kaum einen überflüssigen Satz, zeigt aber auch die Umwelt wie Kalifornien oder Zentralkanada nicht markant.

Zufälle:

Der Ich-Erzähler sagt zwar schon früh:

I hate coincidences.

Doch die Geschichte setzt zu stark auf seltsame Zufälle (der Detektiv begegnet zufällig dem Mann, der mutmaßlich zuvor den Hausdiener desjenigen Anwalts ermordet hatte, der dem Detektiv einen Auftrag erteilte…). MacDonald kombiniert etwas verkrampft einen 22 Jahre zurückliegenden Kontaktabbruch mit einem Verbrechen in der erzählten Jetztzeit.

Und der Ich-Erzähler meint später:

Too many coincidences came together… the whole business may have been planned to come out this way

So wirkt die Geschichte auch: zu geplant, zu glatt.

Allerdings fällt o.g. Satz genau zur Romanhälfte, und die Lösung scheint schon fast gefunden. Da muss also wohl noch etwas passieren. Gegen Ende habe ich die Zusammenhänge nicht mehr durchschaut, zum Glück wird der Roman online ausgiebig diskutiert.

Assoziation:

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