Kritik Biografie. Raymond Carver, A Writer’s Life, von Carol Sklenicka (2009) – 8 Sterne

Carol Sklenicka schreibt einfühlsam, fast literarisch, gelegentlich mild psychologisierend und in melodischem, gut lesbarem Englisch. Sie bringt die Essenz Carverscher Kurzgeschichten in fast schlichten Worten stimmig auf den Punkt. Sklenicka setzt die Pronomen so, dass Bezüge nie unklar klingen, eine Meisterleistung. Ich würde vielleicht auch Romane von ihr lesen.

Sklenicka sprach von 1994 bis 2009 mit hunderten Wegbegleitern und flüchtigen Bekannten; nur Carvers zweite Frau Gallagher schwieg. Die Biografin zeichnet nach, wie Raymond Carver Inspiration zu seinen Stories sammelte, etwa die Entstehung der Geschichte Kathedrale und wie sie für Carver selbst eine Abkehr vom alten, betont kargen Stil bedeutete. Sie sieht viele Bezüge zwischen Carvers Gedichten und seiner Jugend (zitiert Carversche Lyrik aber kaum wörtlich). Auch die Kurzgeschichte Nobody Said Anything zitiert sie mehrfach wegen autobiografischer Bezüge, ebenso wie sie in vielen weiteren Texten Carvers Leben sieht. Interessant: Sklenicka verwendet auch Unveröffentlichtes und Herausgekürztes.

Ausführlich beschreibt Sklenicka einen Fernkurs zum Geschichtenschreiben, an dem der 17jährige Carver teilnahm und dessen Vorgaben Carver später offenbar umsetzte. Nur gelegentlich deutet sie vielleicht zu ambitioniert, zieht einmal Parallelen zwischen den Krisen im Leben von Carver und Tschechow, psychologisiert über Carvers „combination of sensibility and selfishness“.

Gut lesbar:

Die hochgelobte Biografie zitiert Partnerinnen, Kinder und Kollegen, hat einen angenehmen Stil – gut lesbar und einnehmend (im letzten Viertel mit ein paar Einbrüchen und Flüchtigkeitsfehlern). Ohne Carver ausdrücklich zu loben, scheint Carol Sklenicka ihn zu mögen, auch wenn sie seine Schwächen sehr ausführlich und nüchtern wiedergibt. Sie sprach für die Biografie u.a. mit Jay McInerney, Philip Roth, T.C. Boyle, John Irving, Richard Ford.

Mehrfach erfahren wir, dass Carver Familienerlebnisse literarisch ins Negative drehte und damit seine Kinder verletzte. Sklenicka gibt auch die Zeitstimmung wieder:

These were the years of glorified self-interest, the era of Yuppies… President Reagan was reelected

He wasn’t intellectually curious:

Allerdings ist Raymond Carver ist ein relativ langweiliger Typ. Selbst im Vergleich zu Nicht-Großwildjägern und Nicht-Weltkrieg-Überstehern wie John Updike oder Richard Yates weckt Carver als Mensch wenig Interesse.

Carver wird gerühmt für Geschichten aus der Arbeiterklasse und lebte zunächst ein Arbeiterklasseleben voller Geldprobleme (und Unvernunft); doch sobald erfolgreich, umgibt Carver sich mit Künstlern, Professoren und Verlagsmenschen, geht angeln, protzt mit seinem Mercedes, besitzt mehrere Häuser.

Über Carvers Monate in Tel Aviv schreibt Sklenicka enttäuschend:

Ray Carver was quite an ordinary man in every way except his talent. He was curious about other people’s lives and loved a good story, but he wasn’t intellectually curious about other cultures and religions.

Viel später in El Paso interessiert sich Carver (inzwischen nüchtern) tatsächlich doch für Interkulturelles. Zuvor war er jahrzehntelang ein trauriger Suffkopp, der auch log, betrog, stahl, vor Gericht und im Gefängnis landete, seine Frau verkloppte (die ihn allein über Wasser hielt) und das Wohl der Familie ignorierte.

Die interessantere Persönlichkeit ist Carvers erste Frau Maryann. Sklenicka erwähnt sie immer wieder, sprach ausführlichst mit ihr, liefert aber kein abgerundetes Portrait.

Ausstattung:

Löblich: Sklenicka beendet ihre Biografie nicht hart mit Carvers Tod, sondern erzählt kurz vom Nachleben seiner Frauen, Kinder und Kollegen, vor allem freilch vom Hauen und Stechen um den Nachlass.

Toller Service: Im Anhang listet Sklenicka alle Carver-Kurzgeschichten mit Circa-Entstehungsjahr, Erstveröffentlichungsjahr und -ort und weiteren Veröffentlichungen.

  • Gesamtseiten: 574,5
  • davon Haupttext: 488,5 (eng bedruckt)
  • Gewicht: 563g (Scribner Taschenbuch 2010)
  • Höhe: 4,4 cm

Das eigene Manuskript brutal kürzen müssen:

Nach all ihren Recherchen umfasste Sklenickas Manuskript über 1400 Seiten. Zu viel. Das Zusammenkürzen war (Quelle)

painful at the time („Why not two volumes?“ I asked.)

Jemand anderes hätte auch für Sklenicka kürzen können, aber der Lektor (Quelle)

insisted I do that work myself. He was right, of course.

Kleinere Meckereien:

  • Den Geschichtenband What We Talk About When We Talk About Love nennt Sklenicka mal What We Talk About, mal What, mal Love – einheitlich wäre klarer.
  • Gelegentlich schreibt sie bewundernd über berühmte Carver-Portraitfotos („Ray looks lean and self-assured“), sie zeigt sie jedoch nicht, und der Lauftext liefert keine Verweise auf die zahlreich im Buch vorhandenen, nicht mitpaginierten Bilder (ich hatte die 2010er-Scribner-TB-Ausgabe).
  • Sie erwähnt auch Magazin-Veröffentlichungen Carvers und kommentiert die begleitenden Illustrationen – ohne sie zu zeigen.
  • Etwas zu wenig kreativer Prozess, etwas zu viel besoffener Exzess.
  • Mit ihren US-Maßeinheiten komme ich nicht zurecht: wie viel ist „one fifth of vodka before noon“?
  • Im letzten Viertel scheint es Flüchtigkeitsfehler zu geben – Kommata, wo man einen Punkt erwartet, fehlende Abführungszeichen, weniger sensibles Formulieren.

Trotz kleiner Nörgeleien: Anders als aus Europa kommen aus den USA viele gute Schriftstellerbiografien, und Carol Sklenickas Carver ist eine der besten.

Assoziation:

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