Buchkritik: Das ganze schrecklich schöne Leben, von Konstantin Wecker, Günter Bauch, Roland Rottenfußer (2017) – 5 Sterne

Die Beiträge von Konstantin Wecker konnte ich nicht ganz lesen, sie klangen mir oft zu wolkig, zu schwülstig, zu pastörlich. Zum Beispiel:

Kein Wassertropfen gleicht dem anderen, keine Schneeflocke ist identisch mit einer anderen – und kein menschliches Leben, und sei es noch so angepasst, gleicht einem anderen.

Ich danke ihnen für mein Aufgehobensein in ihrer Großzügigkeit und ihrer alles umarmenden Liebe

Außerdem gendert er.

Zum Glück interessante Ko-Autoren:

Teils interessanter und ganz anders sind die Beiträge der Wegbegleiter, sie füllen rund zwei Drittel des Buchs (s.u.). Schulfreund, Roadie und Fanartikel-Verkäufer Günter Bauch (*1949) schreibt mild frotzelnd aus dem Alltag, auf den ersten 200 Seiten mit Sinn für Witz und peppige Details:

Danach gingen wir gerne in den Ur-Wienerwald Amalien-, Ecke Theresienstraße, zu Hühnerleber im Reisrand

nebenan war das Kanalstüberl, ein Stehausschank, der von Pennern und zahnlückigen Huren im Endstadium frequentiert wurde

Jetzt wurde es ernst mit dem Reichwerden

die Mädels von der Plattenfirma kreischten

Er gendert auch nicht.

Leitartikler und Feuilletonist:

Ganz anders, politisch bewusst, analytisch textkritisch bis verschwurbelt gibt sich Roland Rottenfußer (*1963), u.a. Redakteur der von Wecker gestarteten Seite hinter-den-schlagzeilen.de. Er ist der Leitartikler und Feuilletonist im Buch, reminisziert in einem einzigen Absatz Günter Grass, Auschwitz, Wolfgang Niedecken und Oskar Lafontaine (S. 188) und textet z.B.:

Ein ethisches Koordinatensystem musste sich erst aus dem Urchaos des radikalen ästhetischen Amoralismus herausbilden.

Konstantins berühmtes Sommerlied (1976)… ist sozusagen Weckers „Satisfaction“, das Wiedererkennungslied, das bei keinem Konzert fehlen darf.

eigentlich uneigentliche Musik, gleichsam in Anführungszeichen komponiert

Rottenfußer zitiert reichlich Wecker aus verflossenen Millenien, das weckert wohlige Wärme bei grauen Wölfen. Rottenfußer lobt häufig, wenn auch selten enthusiastisch, und wird gelegentlich verhalten kritisch.

Manche Themen behandeln alle drei Autoren, zum Beispiel Weckers Drogenprozesse Mitte der 90er Jahre, und dann wird es verwirrend. Die genaue Chronologie verschwamm immer mehr. Ohnehin wird nicht linear erzählt, eher in Einzelaufsätzen.

Philophisches Intermezzo:

Die letzten knapp 200 Seiten, etwa ab dem Jahr 2000, erzählt überwiegend Roland Rottenfußer, mit Einwürfen von Konstantin Wecker. Das liest sich abstrakter und weniger vergnüglich, eine typische Kapitelüberschrift lautet fad:

„Ohne Warum“: Mystik und Widerstand

Dem folgt ein „Philosophisches Intermezzo“. Ich konnte das unmöglich ganz lesen. Rottenfußer und Wecker zusammen machen den Text politisch beflissen, moralisierend. Der zuvor kesse, besser lesbare Günter Bauch kommt hier kaum noch zu Wort, und wenn doch, im Beitrag zum Tourneeleben, sinniert er seitenlang drög über die Topografie eines Frühstücksbuffets.

Alle drei Autoren erlauben sich gelegentlich knifflige Fehler, die Lektor Peter Schäfer oder seine Korrektoren hätten bearbeiten müssen, u.a.: „Konstantins Palatin“ (sic, S. 153), „Tuillerien“ (sic, als Wecker-Lyrik-Zitat, S. 205), „alle Schliche… diese Schliche“ (sic, gemeint ist Plural, S. 285), „Spring String Quartett“ (sic, ein „t“ zuviel; auf Seite 425 dann korrekt).

Gelegentlich sagen sie „heute“ oder „in seinem heutigen Programm“ – solche relativen Angaben nützen dem Leser ein paar Jahre nach Buch-Erscheinen weniger.

Ich frage mich, ob Feuilletonisten und engagierte Heimleser das Buch so schlecht fanden wie (m)ich und lieber schwiegen als schrieben: Man findet kaum ernstzunehmende Besprechungen, auch nicht bei der Süddeutschen Zeitung (abgesehen von Lesungreports). Bei Goodreads steht kaum etwas, bei Amazon schnappatmen nur Fanboys & -girls sowie Aufmerksamkeitsschnorrer.

Ausstattung:

Das Buch hat hinten eine detaillierte Zeittafel (ähnlich wie auf wecker.de). Filmografie oder Diskografie gibt es nicht separat, das muss man sich aus der Zeittafel klauben. Vor allem fehlt ein Personen- und Stichwortregister, eigentlich Pflicht bei einer Biografie – und das, obwohl Wecker reichlich Promis und interessante Nichtpromis aus Deutschland und der Welt traf, man vielleicht bekannte  Platten oder Songs nachschlagen will.

Der Bildteil zeigt Wecker allein, mit Familie oder mit gut abgehangenen Promis wie Joan Baez, Dieter Hildebrandt oder Hannes Wader. Nicht erscheinen interessante weniger berühmte Figuren wie die Partnerinnen Carline Seiser, Daniela Böhm, wie die frühe Cellistin Hildi Hadlich oder Begleiter wie Günter Bauch, Manfred Berkard, Peter Kaulen, „Konstantins Archivar Alexander Kinsky“, ebenso keine Szenen aus großen oder kleinen Filmen mit Wecker, auch nicht aus seinen Softpornos – ein Versäumnis. Auch das ausführlich geschilderte Toskanahaus sieht man nicht.

Ein Lesebändchen hat meine Hardcover-Ausgabe sträflich nicht. Stattdessen liegt ein Lesezeichen mit Tourneeterminen und Wecker-Konterfei bei. So strahlt er immer aus den Seiten, sogar wenn das Buch zugeschlagen ist.

Der Autor sollte im Buch als lebender Kolumnentitel über jeder zweiten Seite erscheinen. In meinem Hardcover (1. Auflage 2017) sieht man nur an der Überschrift, ob ein Text von Rottenfußer oder Bauch stammt (inhaltlich und sprachlich unterscheiden sie sich freilich deutlich). Klar erkennbar heben sich dagegen Konstantin Weckers Beiträge ab – sie erscheinen in eigener Typo, denn hier spricht der Meister.

Urheber who:

Auf dem Schutzumschlag steht vorn, hinten, innen immer nur „Konstantin Wecker“. Auch auf dem inneren Buchrücken steht nur „Konstantin Wecker“. Die Mehrzahl der kurzen Kapitel stammt jedoch von Weckers Wegbegleitern Günter Bauch und Roland Rottenfußer – das erfährt man nur innen im Buch. Der Online-Handel nennt ebenfalls nur „Konstantin Wecker“ als Autor, verschweigt die zwei Ko-Autoren sogar in der längeren Beschreibung (z.B. hier in diesem Werbelink, Stand November 2021) – und das, wo sonst sogar Übersetzer verlinkt neben dem Autor erscheinen.

Nach meiner Zählung verteilt sich die Urheberschaft so:

  • Günter Bauch: 17 Kapitel
  • Roland Rottenfußer: 23 Kapitel
  • Konstantin Wecker: 20 Kapitel

Meine Zählung kann falsch sein, und die Kapitel sind nicht gleichlang. Doch überschlägig würde ich behaupten, nur rund ein Drittel des Buchs stammt von Konstantin Wecker (*1947), der Rest von den Ko-Autoren. Dass der Umschlag diese wesentlichen Mitautoren verschweigt, stattdessen aber beständig den Verlag nennt, gefällt mir nicht. (Das Inhaltsverzeichnis mit Autor pro Kapitel gibt’s z.B. in dieser Leseprobe im Layout des gedruckten Buchs.)

Die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buchs könnte man im Kapitel „Buchautor Konstantin Wecker“ von Günter Bauch erwarten; dort steht indes nur, wie Wecker frühere Bücher schrieb, u.a. den autobiografisch inspirierten Drogenroman „Uferlos“ (im Nov. 2021 offenbar nur gebraucht erhältlich). Alle drei Autoren werten „Uferlos“ als autobiografisch,  „bei aller notwendigen romanhaften Verhüllung“ (Bauch), „in verdichteter, nur unzureichend getarnter Form“ (Rottenfußer).

Keine Biografie, keine Autobiografie, sondern Memoiren aus zweiter Hand:

Somit ist dies keine Autobiografie, aber auch keine unabhängige Biografie, denn objektive und kritische Darstellung ist von Freunden und evtl. wirtschaftlich Abhängigen nicht zu erwarten – ein paar liebevolle Seitenhiebe ausgenommen. Die Ko-Autoren texten stets wohlwollend, auch der intellektuell-politisch-kritische Rottenfußer. Wie für andere Autobiografien gilt, dass man den Text eher als Autofiktion betrachten und keinesfalls für vollständig oder rund halten darf.

Wecker sagt selbst im Einstieg:

Es gibt keine objektive Sicht auf die eigene Biographie… Mir genügt meine eigene Sicht nicht, sie kommt mir etwas einseitig vor

Doch die gewählten Ko-Autoren haben auch keine „objektive Sicht“. Die fehlende kritische Distanz der Ko-Autoren führt auch zu teils unverständlichem Text: Sie setzen zu viel Wecker-Kenntnis voraus, es klingt mitunter nach Gespräch unter Freunden, Rückblick auf alte Zeiten im kleinen Kreis; ein externer Biograf hätte mehr erklärt, mehr Chronologie hergestellt.

So gibt es auch kaum etwas über Weckers Liebesleben, nur Rottenfußer streift in typischem Duktus „strukturelle Monogamieunfähigkeit“.

Eine hochinteressante Figur wie Konstantin Wecker hätte im angelsächsischen Raum längst einen professionellen Biografen, der nicht wirtschaftlich von ihm abhängt und auch Gegner ausführlich zitiert. In Deutschland muss man sich womöglich mit dieser gefälligen, unkritischen „Autobiografie aus zweiter Hand“ begnügen. Nur gut, dass sie vor Corona fertig wurde.

Freie Assoziation:

  • Weckers Toskanahaus und der Ausdruck „Podere“ lassen an Wolfgang Schmidbauers Buch Ein Haus in der Toskana denken – womöglich traf Wecker den knapp älteren Schmidbauer in der Toskana oder in München, doch mangels Personenregister lässt es sich nicht umstandslos herausfinden. Ich erinnere mich an keine entsprechende Textstelle.
  • Günter Bauchs „zahnlückige Huren“ erinnern an Figuren bei Lena Christ: „O du Stadtschnappen, du zahnete“; „du Lalln, du zahnluckete“. Bei Lena Christ klingt es besser.
  • Amazon-Werbelinks: Bücher von Konstantin Wecker | Musik

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