Leseeindruck Kurzgeschichten: Sommerhaus, später, von Judith Hermann (1998) – mit Video

Ich konnte mit Judith Hermanns hochgelobten, preisgekrönten Kurzgeschichten sehr wenig anfangen und habe darum nur 4,5 von neun gelesen (s.u.). Die Protagonisten wirken teils willkürlich, aufdringlich unbürgerlich („auf verschiedene Hamster getreten“); nur die Geschichte Hunter-Tompson-Musik klingt umgekehrt zu stromlinienförmig sozialmoralisch.

Ich weiß nicht, warum die Kritiker hier vor allem Berlin-Geschichten sehen: Rote Korallen spielt überwiegend in Russland um 1904, Hurrikan in Jamaika, Hunter-Tompson-Musik in New York.

Wunderlich:

Einmal heißt es „Auf Costa Rica“ – meint Judith Hermann (*1970) damit das mittelamerikanische Land oder eine mir unbekannte Insel? Auch sonst gab es sprachliche Schwächen.

Freie Assoziation:

  • Einige inhaltliche und sprachliche Parallelen zum Nachfolgeband Nichts als Gespenster sind unübersehbar, so etwa „Wieso nicht.“ mit Punkt, „ich rauchte drei Zigaretten hintereinander“ oder „vor den Fenstern war es hell geworden“. Allgemein wirken viele Figuren in beiden Bänden glasig weggetreten, selbst wenn sie sich nicht mit Chemie zudröhnen.
  • Judith Hermanns Roman Daheim ist deutlich weniger willkürlich und konfrontativ.
  • Die Gleichgültigkeit erinnerte mich an Naoisie Dolans Figuren in Aufregende Zeiten, aber Dolan konstruiert keine völlig beliebigen Protagonisten
  • Die Gleichgültigkeit erinnerte mich auch an Doris Anselm

Diese Geschichten las ich:

n/10

Rote Korallen ᛫ Schweigsame Ich-Erzählerin lebt mit schweigsamem, abweisendem „Geliebtem“ zusammen. Der stammt ab von Nachfahren des Freundes ihres Urgroßvaters; der wurde 1904 in Russland von ihrer Urgroßmutter betrogen. – Aufreizend gleichgültiger Ton. Die Ich-Erzählerin mehrfach: „Ich interessierte mich ausschließlich für mich selbst.“ Sicher sehr symbolisch. Hab’s aber nicht verstanden, auch nicht nach Durchsicht der vielen Online-Interpretationshilfen. ᛫ Assoziation: Enthält Spuren von Fontanes Effie Briest

5

Hurrikan (Something farewell) ᛫ Drei Deutsche auf Jamaika, eine lässt sich von einem verheirateten Jamaikaner anbaggern. – Zunächst wirr, dann angenehm träges Tropendasein, momentweise spannend. ᛫ Assoziationen: die Frau als Einbrecherin in eine Beziehung erinnert an Hermanns Geschichte Ruth (Freundinnen) aus dem Nachfolgeband Nichts als Gespenster. Verfilmt innerhalb des Films Nichts als Gespenster (2007).

6,5

Bali-Frau ᛫ Zugedröhnt auf Party, seltsame Anmache, dann Abhängen privat. – Weiß nicht, was es soll. ᛫ Assoziation: enthält Spuren von John Updikes Kurzgeschichte The Happiest I’ve Been (erst auf Party, dann privat abhängen), die ist aber viel besser

2

Hunter-Tompson-Musik ᛫ Einsamer alter Knacker in maroder Seniorenresidenz in New York. Plötzlich steht ein Mädel vor der Tür und kratzt an seiner selbstzufriedenen Isolation. – Für Hermann-Verhältnisse sehr durchschaubare, fast banale, nachvollziehbare Geschichte, scheinbar zu sehr auf Aussage gestrickt, ein Fremdkörper in der Sammlung. Teils abstoßende Details. Weiß nicht, warum die Hauptfigur fast heißt wie Gonzojournalist Hunter S. Thompson. Der schmierige Aufpasser Leach wurde zu aufdringlich nach leech benannt. ᛫ Assoziationen: die einsame Hauptfigur erinnert mich an den einsamen, alten Richard Yates.

6,5

Sommerhaus, später ᛫ Wohnungsloser Berliner Taxifahrer ohne Wohnung pennt mal hier, mal dort, mit dieser und jener und – ((abgebrochen))

 

Ø  

5

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