Kritik Kurzgeschichten: und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus, von Doris Anselm (2017) – 4/10 Sterne

Die Autorin liefert 16 Kurzgeschichten auf netto 179 porös bedruckten Seiten (Luchterhand Hardcover 1. Auflage 2017). Einige dieser „Erzählungen“ (so das Cover fälschlich) spielen in nächtlichen Wäldern und Seen, es leuchtet geheimnisvoll.

Dann wieder ist’s urban, wirkt wie Berlin; das sagt die Wahlberlinerin Doris Anselm (*1981) aber nicht. Eine Geschichte spielt tatsächlich vor und in einem U-Bahn-Kiosk, hier kauft die Ich-Erzählerin Leckeres – „fünf Snickers“, Gauloises, Becks oder „Pommbär“ (korrekt Pom-Bär). Eine andere Geschichte spielt komplett in der S-Bahn.

Die Figuren sind ein bisschen gleichgültig, in undefinierten Beziehungen, driften dahin. Andere sind gestresste Managerinnen, 2x „Polizeisprecherin“. Mindestens 2x verfällt die Ich-Erzählerin vorübergehend gewalttätigen, teils 30 Jahre alten Männern, die sie vorher kaum kannte. Einige Senioren gibt’s auch, Laubenbewohner und dementielle Väter.

Mit dem Lötkolben:

Mehrfach erzählt Anselm Unterschiedliches auf mehrfach wechselnden Zeitebenen – auf den wenigen Seiten einer einzigen Geschichte. Das allein ist kein Qualitätsmerkmal, und es gibt den Texten auch nicht mehr Tiefe.

Mehrfach ist ihre Ich-Erzählerin fies – sie brandmarkt einen Jungen mit dem Lötkolben und missbraucht mutwillig zweimal in einer Geschichte (auf mehrfach wechselnden Zeitebenen) das Vertrauen von Gastgebern. Ein Mann vergast eine Fliege per Zigarette.

Ein Paar lässt sich Knochen brechen als Liebesbeweis. Mindestens dreimal finden Protagonisten Metallisches, zweimal davon Schmuck, den der Finder nicht zurückgibt.

Dazu mindestens zwei Pilzvergiftungen. Eine Tote verwest am Turm hängend, mit Sprengsatz dabei.

Sci-Fi? Agentenroman?

Manche Geschichten haben etwas von Sci-Fi oder Agentenroman – oder ich habe nichts kapiert, auch gut möglich. Zwar scheinen die Stories unverbunden, doch in „Puck“ und „Talente“ taucht jeweils ein Tobias auf – ist’s el mismo? Etwas spricht dafür, aber ich weiß es nicht. Manchmal dachte ich, nach Art einiger Kurzgeschichtenschreiber oder -lektoren habe Anselm ihre Geschichten dramatisch und bis zur Schwer-/Unverständlichkeit gekürzt.

All das in diesem angeödeten Ton.

Andere einzelne Kurzgeschichten von Tschechow, Carver, Hemingway, Updike, Fitzgerald haben eigene Wikipedia-Einträge, werden ausführlich diskutiert, man kennt sie wie die Buddenbrooks oder Herr der Ringe; sogar Heinrich Bölls dröger Dr. Murke kriegt ein Metabuch hinterhergeworfen (Amazon-Werbelink dazu).

Werden die Stories von Doris Anselm gleichermaßen  ikonisch  kanonisch? Nicht immer kommt der Durchbruch mit dem ersten Buch.

Assoziation:

  • Die jungen Urbanauten in der Natur erinnern vag an Wolfgang Herrndorfs Diesseits des Van-Allen-Gürtels, doch Herrndorf hat bessere Dialoge und Szenen, mehr Leben, Substanz und Kunst. Herrndorf wie Anselm präsentieren ein mir fremdes Lebensgefühl – Herrndorf unterhaltsam, Anselm befremdlich bis abstoßend.
  • Die gleichgültige und scheinbar „moderne“ Attitüde von Autorin und Figuren sollte mich womöglich an Judith Hermann erinnern. Tut sie aber nicht. Warum?
  • Amazon-Werbelinks: Doris Anselm | Judith Hermann

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