Kritik Kurzgeschichten, Film: Nichts als Gespenster, von Judith Hermann (2003) – 4,71/10 Sterne – mit Video

Nicht nur stilistisch ähneln sich die Geschichten stark, sie bringen auch immer wiederkehrende Motive – als ob Hermann das Immergleiche mit immer neu benannten Figuren aufbereite. Das wirkt sehr repetetiv.

Wiederkehrende Motive:

Hermanns Akteure blicken glasig unbeteiligt auf die Realität, haben teils keinen Beruf, oft keine klare Beziehung. Eine Ich-Erzählerin moniert „seine abgefuckte Coolness“ – die Sprache ist zum Glück nicht typisch, der Ton aller Geschichten passt aber dazu.

Hermanns Figuren sitzen oder liegen viel rum, trinken, ignorieren klingelnde Telefone, lassen Zweierbeziehungen bröckeln, qualmen intensiv in allen Geschichten (sogar „eine Krankenschwester mit einer blauen Haube“). Mindestens zwei Frauen fahren lange Strecken zu einem Mann, der sie leicht dominant herbeidirigiert hat, mit dem etwas laufen könnte oder auch nicht, und es endet ein bisschen fad, aber schnell.  Abreise zurück ins Single-Zuhause ist auch ein wiederkehrendes Motiv. Eine Geschichte endet atypisch mit Happy-ever-after.

Einmal sinniert eine Protagonistin offenbar gefällig über

seine Dominanz. Seine Sicherheit, so etwas wie eine sichtbare wie eine sichtbare Kraft und Konzentration… er war ein Wortführer, ohne daß er viel gesprochen hätte… Sein Bauch rollte wie eine Kugel über seine Hose, das T-Shirt spannte sich darüber

Noch mehr wiederkehrende Motive:

Zweimal haben Gruppenfotos Bedeutung, mehrfach unerklärtes Gelächter. Zweimal geht’s leicht gefährlich zu Inselchen durch etwas Wasser oder über eine Mole. Mindestens viermal gibt es teils schockierende unerwartete Übergriffe, die nicht weiter erklärt oder diskutiert werden, obwohl man das unbedingt erwartet: Griff in Schritt, Griff in Hosenbund, Flasche auf Kopf, Hand auf Knie.

Auch andere Dinge bleiben unerklärt: Einmal fallen unmotiviert und undiskutiert Wörter wie „offene Psychiatrie“ oder „Zinksärge“ als Brieffragmente, eine Hauptfigur absentiert sich unerklärt, vieles andere passiert ebenfalls unmotiviert.

Die Figuren trinken Brunnenwasser, Cola, Tee, Kaffee, Bier, Wein, Vodka, Cognac – von Essen ist dagegen kaum die Rede, außer mal Knödel oder „zwanzig Ingwerpralinen…, hintereinander weg“. Reiseproviant für eine US-Autofahrt:

drei Gallonen Wasser, einen Extrakanister Benzin, eine Stange Zigaretten, drei Äpfel und ein Weißbrot.

Für eine Bahnreise:

Fahrkarten, Wasser und Büchsenbier, Zigaretten und Bonbons.

Das ist doch etwas pubertär. Zudem sind alle Figuren schneeweiß, binär, offenbar cis und mit einer einzigen Ausnahme hetero. Das darf doch gar nicht.

Stil:

Judith Hermann (*1970) malt Details sehr konkret aus, schildert sehr plastisch. Die sieben Kurzgeschichten im mit Spannung erwarteten Hermann-Zweitling nach Sommerhaus, später gerieten 30 bis 50 Seiten lang, einige lesen sich leicht, andere wirken zäh. Teils entsteht Spannung, weil der Leser am Beziehungsstress der Akteure teilhat und weil die Autorin zu Beginn der Geschichten Erwartungen weckt.

Als deutsche Autorin geizt Judith Hermann (*1970) mit Dialog. Immer wieder gibt es illegal  ganze Doppelseiten völlig ohne Absatz, z.B. S. 16/17, S. 30/31, S. 34/35, S. 38/39, S. 48/49, S. 56/57, S. 78/79, S. 91/92, S. 96/97/98/99/100, S. 102/103/104/105, S. 110/111, S. 128/129, S. 132/133, S. 174/175, S. 214/215, S. 244/245, 246/247, S. 258/259, S. 292/293, S. 300/301.

Was für eine Bleiwüstenei.

Sprachlich wunderte mich einiges:

  • Sie muss die „Telefonrechnung überweisen“ – m.E. überweist man keine Rechnung, sondern einen Betrag oder man bezahlt eine Rechnung
  • „Magnus, Irene und Jonina laufen auf die Kamera zu, Magnus geht in der Mitte“. Später über die selbe Situation: „Sie laufen los… er geht zu schnell“ – „laufen“ und „geht“ widersprechen sich in diesem Fall
  • „mit einem Pool, in den man heißes Quellwasser laufenlassen kann“ – bevorzuge „laufen lassen“
  • „sie kann den Auslöser der Kamera hören“ – es geht um eine große Kamera, da hört man nicht den Auslöser (den Knopf), sondern nur den ausgelösten, auf- und zuschnappenden Verschluss und/oder den hochklappenden Spiegel

Zur Verfilmung Nichts als Gespenster (2007):

Edle Bilder, teils edle Physiognomien (mit Fritzi Haberlandt, Maria Simon, Brigitte Hobmeier, Jessica Schwarz, Ina Weisse, Wotan Wilke Möhring, August Diehl, Stipe Erceg). Fünf unverbundene Kurzfilme elegant mit Dutzenden Wechseln ineinander geflochten, manche Segmente dauern nur wenige Sekunden. Viel zu viel Personal in den ersten Minuten: ohne vorherige Buchlektüre hätte ich nichts verstanden (wie öfter bei Literaturverfilmungen). Beginnt passend zum Buch mit einer brennenden Zigarette in Leinwandbreite.

Aufwändige Produktion in Deutschland, USA, Island, Jamaika, Italien. Skriptautor/Regisseur Martin Gypkens erklärt manches deutlicher aus als die Autorin im Buch, dadurch wirkt es auch etwas banaler. Die Verfilmung zeigt vier Geschichten aus Nichts als Gespenster und eine aus Sommerhaus, später (s. Tabelle unten).

Bildqualität DVD (KulturSpiegel-Ausgabe) mittelprächtig und deutlich verzerrt. Im Making-of interpretieren Schauspieler und Regisseur die Rollen, ziemlich banal, dazu längere Szenen aus dem Film, wenige Bilder von den Dreharbeiten.

Freie Assoziation zum Buch:

  • Daheim, auch wenn viel später geschrieben, ist erkennbar von der selben Autorin. Es ist weniger pubertär.
  • Die Geschichten im Vorgänger-Erfolgsband Sommerhaus, später sind kürzer (das ganze Buch ist kürzer) und spielen überwiegend in Berlin 🥱.
  • Die blasierten Typen bei Doris Anselm.

Die Geschichten im Einzelnen:

ca. Sei­ten*

im Film*

n/10

Ruth (Freundinnen) ᛫ Die Ich-Erzählerin interessiert sich für den Lover ihrer engen, langjährigen Freundin. ᛫ Sensible Frauengeschichte, etwas schmerzlich-achtsam, gleichwohl unsentimental. Eine wesentliche Entwicklung deutet Judith Hermann per Negierung auf der ersten Seite zu zaunpfahl an, erzeugt dadurch aber auch Spannung über fast die ganze lange Kurzgeschichte. Ein Handgriff in der Kantine passt überhaupt nicht in die Handlung und wird nicht weiter erklärt, das Zustandekommen der Bahnfahrt scheint unplausibel = Mängel.

50

ja

7

Kaltblau ᛫ Deutsches Pärchen besucht isländisches Pärchen mit langer Deutschlanderfahrung in Island ᛫ Umständlich und verwirrend erzählt, warum heißen zwei der vier Akteure Jonina und Jonas; Lektüre war wie Ankämpfen gegen den Schlaf, auch wegen der vielen absatzlosen Seiten hier und wegen anstrengenden Zeitebenen-Hoppings; Erzählung aus isländischer Perspektive kam unerwartet und zunächst unerklärt, brachte mich durcheinander, ich glaubte zunächst an Berlin als Handlungsort (mein Irrtum); teils wenig nachvollziehbar, u.a. dass die isl. Touristenführerin dt. Kunden nicht mag, bei den deutschen Privatbesuchern aber völlig anders und konstruiert reagiert ᛫ Assoziationen: der Geschichtentitel erinnert ungut an Brida Lichtblau bei Daniela Krien; mitteleuropäisches Paar in schneebedeckter isländischer Einöde wie in Gerwin van der Werfs Der Anhalter; momentweise die ebenfalls unübersichtliche Zwei-Paare-Geschichte Happy in Richard Fords Geschichtenband Irische Passagiere.

40

ja

5

Acqua alta ᛫ 30jährige etwas Scheue flieht vor ihrem Geburtstag nach Korsika, trifft dann Eltern in Venedig, streut Erinnerungen an Jugend und Eltern ein. ᛫ Handlung plätschert unspannend vor sich hin, Eltern-Kind-Beziehung nicht uninteressant und sehr nachvollziehbar beschrieben, dann tröpfelt Geschichte läppisch aus.

32

ja

5,5

Zuhälter ᛫ Frau reist langen Weg zu einem Mann, mit dem beruflich und erotisch was laufen könnte. Aber dann. Nicht die überfällige Ehrenrettung für einen diskriminierten Berufsstand.  ᛫ Zunächst relativ viel Handlung, wie immer schöne Details und mild rätselhafte Akteure, die einem aber auch egal sein können.

42

5

Nichts als Gespenster ᛫ Ellen und Felix im US-Wüstenkaff. Staub, Cowboyfiguren, eine Geistersucherin mit elektrischem Gerät. ᛫ Sehr disparat und rätselhaft, die Geisterstory irrational. Ich habe viermal unterbrochen, nicht wegen etwas Wichtigem, sondern weil Dranbleiben so schwer ist.

38

ja

3

Wohin des Wegs ᛫ Eine Beziehung in Berlin und im Wechsel dazu eine Fahrt nach Prag mit/zu abgeranzten Typen. ᛫ Das Zeitebene-Hin-und-Her mit wechselndem Personal wirkt wie die angestrengte Kombi zweier unterschiedlicher Themen. Betont minimalistische Handlung, unmotivierte Sprüche.  ᛫ Assoziation: der Ausflug an den Berliner See erinnert an Diesseits des Van-Allen-Gürtels von Wolfgang Herrndorf (der so viel besser ist als Judith Hermann)

40

3,5

Die Liebe zu Ari Oskarsson ᛫ Zwei deutsche platonische Paare stranden in einem Hostel in Tromsø, interagieren mit drei Norwegern. ᛫ Klingt zunächst geringfügig erwachsener als die anderen Geschichten, dann wie so oft beliebiges Saufen, unordentliche Party, bissl Übern-Zaun-Knutschen, unmotivierte unverständliche Handlungen. Kein Zeitebene-Hopping.

45

4

 

Ø  

4,71

*Außerdem verfilmt innerhalb des Films Nichts als Gespenster (2007): Die Kurzgeschichte Hurrikan (Something farewell) aus dem Hermann-Band Sommerhaus, später

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