Kritik Biografie: Walter Spies, Ein exotisches Leben, von Michael Schindhelm (2018) – 5/10 Sterne

Trotz aller Schwächen kann diese Walter-Spies-Biografie kaum ganz missglücken, denn Autor Michael Schindhelm hat fantastisches Ausgangsmaterial:

  • Walter Spies‘ abenteuerliches Leben in Russland, Deutschland, auf Java und Bali
  • mehrere Forschungsberichte zu Walter Spies
  • Walter Spies‘ pfiffige Briefe v.a. an seine Mutter
  • Walter Spies‘ faszinierende Malerei

Michael Schindhelm zitiert freilich zu wenig Spies-Briefe zu knapp zu kalauer-orientiert; und er zeigt zu wenig Spies-Bilder zu klein. Auf Bali präsentiert Schindhelm seine Figur vor allem als Kulturlöwe und Promi-Gastgeber.

Anfang mit dem Ende:

Am Anfang schildert Autor, Regisseur und Kulturmanager Michael Schindhelm das Kriegs-Ende von Walter Spies – ein billiger dramaturgischer Trick. Und er schildert es kursiviert, mit nicht recherchierbaren Details und übertrieben dramatisch; „die Szene kam ihm selbst zu theatralisch vor“, dichtet Schindhelm in Selbsterkenntnis über Walter Spies.

Dieses erste Kapitel trägt den angestrengt wortspielenden Titel „Unschuld und frühe Sühne“. Der Buchtitel klingt unschön exotisierend, und immer wieder schreibt Schindhelm nicht wie ein seriöser Chronist, sondern wie ein Märchenonkel.

Zwar steckt die Geschichte voll Hot Country Reading, doch Liebe gibt’s nicht im Buch: Spies‘ homosexuelle Beziehungen zu Indonesiern und Europäern, flüchtig oder intensiv, streift Schindhelm nur mit knappsten Andeutungen und Spekulationen, etwas ausführlicher nur zu Friedrich Murnau. Auch Interkulturelles kommt zu kurz: Spies verkehrt mit örtlichen Künstlern, Machthabern und allerlei „feingliedrigen“ Loverboys, doch wir lernen ihn nur als kalauernden Exzentriker kennen.

Das Immer ein Nimmer:

Ein Beispiel für den Schwulst, den Schindhelm vor allem im ersten Drittel kredenzt, von Seite 28f:

Kraniche stakten im Röhricht. Der Fluss zog sie Richtung Süden, doch die Zeit war stehen geblieben. Immer, schien dieses Land zu sagen, immer Und doch wussten die Freunde, dass sie sich irrte, die Landschaft. In Petersburg und Moskau was das Immer bereits ein Nimmer…

Die Biografie liest sich teils wie ein Roman mit forciert lyrischem Ton, sogar mit Dativ-e (u.a. „in diesem Lichte“, S. 80) – nicht wie ein Sachbuch. Dazu kommen – in einem Buch von 2018 – Schindhelmsche Ausdrücke wie

…enthebt sich der Behauptung ((S. 136))… Tatsächlich entschlägt er sich nicht, … ((S. 140))

Quellenstudium:

Schindhelm wuchs in BaLi (Bad Liebenstein) auf. Er redet kaum über Quellen, Interviews, Archive, Recherchen, Vor-Ort-Besuche (die es gab). Er verwendet keine zeilengenauen Quellenbelege und seine „Literaturhinweise“ passen locker auf eine Seite – darunter allerlei Belletristik. Wiederholt schreibt Schindhelm, als ob er andere Forscher nacherzählt:

Besonders John Stowell hat sich bemüht, mehr Licht… die von Hans Rhodius besorgte Briefsammlung…

Aber Schindhelm behauptet zumindest im Vorspann allerlei, das kein Mensch wissen kann. Später spekuliert er kräftig, allein in einem einzigen Absatz auf Seite 28:

dürfte es… würde er… könnte…

Meist nur selten:

Auch mikrosprachlich liefert Schindhelm trotz oder wegen literarischer Ambitionen einigen Murks; Beispiele:

…meistens nur noch selten ((S. 16))… in bedeutungsloser Stille… einer jener fantastischen Gesellschaftsanlässe ((S. 20))… Vor allem den Besuchen bei Tante Lilly Marc sah er jeweils mit Spannung entgegen ((S. 19, warum „jeweils“?)… gleich hinter den letzten Häusern breitete sich spärliches Grasland aus ((S. 34, was soll auch sonst hinter den letzten Häusern kommen?))… willfährigen Schüler ((S. 33, im Kontext unpassender negativer Beiklang,  besser ein Wort wie „wissbegierig“))… Geldverpflichtungen ((S. 101, gemeint sind Brotjobs ohne Lust- oder Kunstgewinn))… Urbevölkerung (für Javanesen)… Gununung Agung ((sic, S. 108, korrekt Gunung Agung, auf S. 123, 211, 213 und im Glossar steht’s richtig))… hatten mit Walter im Jahr zuvor auf Java miteinander verkehrt ((S. 167))…

Dazu „Kirchhof“ statt Friedhof (S. 154). Der Familienhund heißt allein im Bildteil „Gipsi“ oder „Gipsy“. Mehrfach redet Schindhelm von „jener anderen Hemisphäre“ (S. 102) o.ä. Das passt m.E. für Nord- versus Süd-Amerika, aber nicht für Deutschland versus Indonesien, selbst wenn das knapp südlich vom Äquator liegt. Er sagt „der CIA“ (S. 212). Er bezeichnet Kalauer als „Kapriole“ (S. 179). Streit unter weißen Frauen ist „Stutenbissigkeit“ (S. 185).

Marketiere:

Spies schreibt auch:

Doch, alas, die Holländer ((S. 125, ist das Deutsch?))… Marketiere ((S. 212, ist das Deutsch?))… apokryphe Gestalt ((S. 215))…

Schindhelm bringt Englisches mehrfach unübersetzt, u.a. ein langes Gedicht.

Spies‘ Diktum, er sei „kein Spielverderber“ im Spiel des Lebens, führt Schindhelm mehrfach an (u.a. S. 196, evtl. aus unterschiedl. Briefen). Auch dass er seine Mutter nach ihrem „Pipi“ fragt, berichtet Schindhelm zweimal (S. 76, S. 166).

Bei Spies‘ Internierungen in Bali und Java betont Schindhelm Privilegien und Gelassenheit seiner Hauptfigur, um dann unstimmig die „Katastrophe der Internierung“ aufzulisten (S. 211).

Mir fällt auf, dass der Perlentaucher Rezensionen zu fünf Büchern von Michael Schindhelm listet – aber die Walter-Spies-Biografie erscheint dort nicht. Laut Hirmer-Verlag ist Schindhelms Spies-Biografie „leider vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden“ (jew. Stand Juli 2022).

Assoziation:

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.