Kritik Biografie: Die Löwin. Tania Blixen in Afrika, von Tom Buk-Swienty (2019, or. Løvinden – Karen Blixen i Afrika) – 6 Sterne

Fazit:

Tom Buk-Swienty liefert weit mehr Fakten und Bilder als andere Biografen, und er nutzt neu erschlossene Quellen, vor allem zu Blixens Financier und Onkel Aage Westenholz. Er beschreibt ausschließlich Tania Blixens afrikanische Zeit, und das auf über 700 Seiten.

Die Biografie lässt sich leicht lesen, obwohl sie (jedenfalls in der Eindeutschung von Ulrich Sonnenberg) sprachlich unterwältigt und ermüdend Krise an Krise reiht.

Männer, Heuschrecken, Dürre, Krieg, Krankheit:

Buk-Swienty kommt Tania Blixen nicht nah, klingt zuweilen spöttisch, herablassend oder leiert schlicht die Fakten aus seinem riesigen Materialberg herunter, hier aus einem einzigen Absatz:

Ein paar Stunden später erreichten sie… Am späten Abend erreichte die…

Die ständigen Krisen ermüden auf Dauer – Männer, Heuschrecken, Dürre, Krieg, Krankheit und immer neue vielstellige Zahlen für Kaufpreise, Schulden, Zinsen, Ernte, Hektar usw. (alle historischen Pfund-Beträge rechnet Buk-Swienty in aktuelle Euro um).

  • Gesamtseiten: 768
  • davon Haupttext ohne Anhang: ca. 710 S. inkl. mitpaginierte Fotos
  • 1320 Gramm (Hardcover Penguin 2019)
  • 6 cm hoch

Sabas Brüste:

Immer wieder verweist Tom Buk-Swienty (*1966) auf Fiktives in Blixens Buch Out in Africa. Doch mit keinem Wort diskutiert er den Schmachtfilm Jenseits von Afrika mit Meryl Streep und Robert Redford , an dem Blixen-Biografin Judith Thurman mitarbeitete.

Über Blixens Liebesleben und ihre Krankheiten sagt Buk-Swienty nicht mehr als nötig. Auch die sinnenfrohen Engländer aus dem Happy Valley handelt Buk-Swienty eher pflichtschuldig ab.

Unglücklich jedoch Kapitelüberschriften wie „Coitus interruptus“ oder „Sabas Brüste“. Beide Überschriften sind nicht wörtlich gemeint. Doch wenn „Sabas Brüste“ für die Form der Ngong-Hills stehen, warum zeigt Buk-Swienty dazu in voller Seitengröße eine halbnackte Afrikanerin und nicht die Landschaft? Hinzu kommen Unglücke wie

Auch wenn es um Männer ging, ritt sie sozusagen viele Pferde

über Pferdetrainerin Beryl Markham.

Das in Dänisch geschriebene Buch erschien verblüffend nicht auf Englisch (Stand Juni 2022) und die deutsche Fassung erhielt nur wenig Medienaufmerksamkeit.

Organisation:

Manches unterscheidet sich deutlich von allen anderen Biografien, die ich kenne: So bedankt sich Tom Buk-Swienty bei seinen Helfern „in der alphabetischen Reihenfolge“ (S. 737) ihrer Vornamen: Da erscheinen nacheinander Anders Westenholz, Anne Baker, Anne Sofie Tiedemann Dal, Astrid Jacobsen. Andererseits stehen die Mitglieder der Familie Dinesen an unterschiedlichen Stellen in der Liste, je nach Vorname – „Brigitte Dinesen“  weit vorn, „Thomas Dinesen“ gegen Ende der Liste. Ist das Absicht oder Panne?

Dass Buk-Swienty getrennte Danklisten für nördliche Länder und für Kenia schreibt, irritiert mich zudem. Auch im Was-aus-ihnen-wurde-Kapitel trennt er nach Afrikanern, Westlern und Familie.

Die 46 Endnoten liefern keine Quellenhinweise, sondern inhaltliche Vertiefungen – die gehören jedoch direkt in den Lauftext. Getrennt davon gibt es hinten noch Quellenangaben sortiert nach Seitenzahl, insgesamt sehr unübersichtlich.

Tom Buk-Swienty schreibt nicht streng chronologisch, sondern liefert teils einzelne Aufsätze zu unterschiedlichen Lebensphasen oder auch Themen – etwa alle wichtigen kenianischen Bekannten in einem Aufwasch. Es gibt nicht nur Stammbaum und dramatis personae, sondern vorab auch getrennte Einführungen in Kaffeepflanze und Kaffee-Anbau/Verarbeitung.

Buk-Swienty schrieb bereits Bücher über Vater und Bruder von Tania Blixen. Dass er Blixens Leben nach Rückkehr aus Afrika noch eine eigene Biografie widmen will, scheint er anzudeuten („über diese Frage ließe sich ein ganzes Buch schreiben“).

Bilder:

Direkt auf Textdruckpapier erscheinen zahllose Fotos in leidlichem Schwarzweiß auf Textdruckpapier. Einmal steht im Lauftext: „Auf der anderen Seite sieht man, wie…“ – bezogen auf ein Bild auf derselben Seite.

Buk-Swienty liefert weit mehr Bilder als jede andere Biografie, auch Privates wie (so die BU) „eine offensichtlich kranke Tania Blixen im Nachthemd und mit offenen Haaren“. Mindestens zwei Portraitgemälde von Tania Blixens Hand bringt das Buch sogar in Farbe, ebenso wie Elemente des Anhangs in Farbe gedruckt werden.

Allerdings zeigt Buk-Swienty keine Bilder des heutigen Kenia – etwa  Blixens Farmhaus heute –, ebenso wie er keine eigenen Erlebnisse von seinen afrikanischen Recherchen erzählt. Er bleibt streng historisch.

Offenbar schloss der Biograf sein Manuskript im Juni 2019 ab – und wohl nur deshalb erwähnt er gefühlt ein halbes Dutzend Mal Blixens Corona-Schreibmaschine; das Gerät erscheint auch im Bild.

Sprache:

Liegt es an der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg? Die Sprache unterwältigte mich. Gelegentlich tönt es zu ätherisch:

Sie ist schön, ohne auffällig hübsch zu sein. Auffällig ist sie in ihrer Verlorenheit.

Nicht immer scheint mir die Übersetzung zu passen – sagt man, „ein ungewöhnlich tüchtiger Polospieler“ oder „eine faire Überlebenschance“, wenn „realistisch“ gemeint ist?

Manchmal erscheinen seltene Maßeinheiten unerklärt, so ein „sechzehn Fuß großes Krokodil“ oder „vier Ellen“.

Englische Zitate erscheinen bisweilen unübersetzt, etwa Telegramme oder mitten im Lauftext die Kaffeefabrik, die „aus einer Pulping-, einer Hulling- und einer Sortiermaschine bestand“ sowie einem „Tumbler“ (die Begriffe werden im vorgeschalteten Kaffee-Wiki erklärt). Es gibt eine „Paramedizinerin“ – jedenfalls in diesem Buch.

Mich störte das Koppel-s in „Generalsmajor“ (sic, S. 299).

Falsch klingt diese telegrammartige Bildbeschreibung (sic):

Unten rechts: Massai-Krieger mit aufgespießter Schwarzen Mamba.

Müsste es im Folgenden nicht „der“ heißen:

…wie seine Vorfahren dem gloriosen La France diente

Ungut klingt für mich auch:

Möglicherweise riskierte man sogar etwas derart Abscheuliches, eines Tages für den Erhalt seiner Existenz arbeiten zu müssen.

Im Folgenden ist 1x „Preis“ genug:

hatten die Bodenpreise einen massiven Preissturz erlebt

Einmal hat sie

einen unfreiwilligen Abort erlitten

Sagt man das so? Könnte frau freiwillige erleiden? Allzu blumig klingt

mit der zeitgenössischen Elle gemessen

Sinnvoll wäre etwas wie „für die Verhältnisse damals“. Unrund auch

die schwierige ökonomische Situation der Farm zu sanieren

Warum nicht einfach „die Farm finanziell zu sanieren“? Und dann:

Tanne entschied sich zu einem großen und riskanten Entschluss.

Oder:

Trotz des Komforts, ein Abteil für sich zu haben, war sie dennoch todmüde

Auf Seite 506 steht in viereinhalb Zeilen eines Absatzes:

…die Pflanzen befielen… der Fall sein… Fiel die Kaffeeernte… so viel Kaffee… automatisch fielen

Immer wieder kämpft Blixen mit Ernteausfällen, doch mit „Ausfall der Ernte“ meint die deutsche Übersetzung meist allgemein den Ertrag, nicht das Fehlen.

Auch nicht nach meinem Geschmack: „wegen ihm“, „in verschwundenen Zeiten“, „einen überschwemmten Fluss“

Ein paar Dinge wundern mich auch unabhängig von der Sprache:

So über die ganz junge Tania Blixen:

obwohl sie bereits einige Jahre zuvor ihr literarisches Debüt hatte und drei ihrer Erzählungen in durchaus prestigeträchtigen Magazinen veröffentlichen konnte, hat sie ihre unzähligen Geschichten alle in der Schreibtischschublade versteckt

Wieso sind ihre Geschichten „alle in der Schublade versteckt“, wenn sie doch drei Texte „veröffentlichen konnte“? Und was sind das für Texte, in welchen Magazinen – dazu kein Wort vom Biografen, auch nicht im Anhang. Weitere Wunderlichkeiten:

  • Die unter diesem Namen berühmte Beryl Markham erscheint zunächst unerklärt nur als Beryl Purves, später auch als Beryl Markham.
  • Buk-Swienty schrieb auch schon Biografien über Blixens Vater und Bruder. In Die Löwin erwähnt er teils zu viele Figuren (u.a. Familienmitglieder), die teils nicht eingeführt wurden. Dies könnte daher rühren, dass das dänische Original für die Eindeutschung laut Impressum „geringfügig gekürzt“ wurde.
  • Über einen neuen Quellenfund schreibt Buk-Swienty „erst kürzlich“ – statt eine Jahreszahl zu nennen. Was bedeutet schon „erst kürzlich“.

Kleiner Glücksrausch:

Wie auch bei vielen anderen historischen Kenia- und Afrika-Büchern: Das sinnlose Tiere-Abknallen nervt. Am Safarilager „entdeckten Tanne und Bror zu ihrer Freude sehr viele Löwenspuren“. Wer freut sich über Löwenspuren? Na, wer sie dutzendweise abknallen will und es überlebt: Blixen wurde

von einem tiefen Glücksgefühl erfüllt, als sie neben dem toten Tier kniete

Ein andermal erleidet sie einen „kleinen Glücksrausch“. Zum Löwenschießen werden erst Grasfresser geschossen („the kill“) und als Köder ausgelegt. Ich wusste, dass so etwas kam, und doch nervte es wieder. Und weiter: Sie vertrieben sich

die Zeit, indem sie vom Auto aus Wild schossen. Sie erlegten…

(Ein Auto für die „Jagd“ zu benutzen verstößt offenbar gegen Hemingways Ethik, z.B. in Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber. Hemingway war eventuell Safari-Kunde bei Tanias Mann Bror Blixen. Laut Buk-Swienty kritisierte auch Denys Finch Hatton „die Massaker an Tieren von Fahrzeugen aus“.)

Blixens Bruder Tommy zieht auch voll Elan in die Schlachten des 1. Weltkriegs, und sie „antwortete begeistert auf die Briefe“.

Die Unterschiede zwischen den Blixen-Biografien von Judith Thurman (1982), Linda Donelson (1995) und Tom Buk-Swienty (2019)

Die Kulturjournalistin Judith Thurman beschreibt gleichmäßig Blixens gesamtes Leben bis zurück zu den Großeltern. Die Ärztin Linda Donelson und Journalist Tom Buk-Swienty schildern dagegen hochdetailliert – genauer als Thurman – Blixens afrikanische Zeit ab ihrem 28. Lebensjahr, und die Fakten unterscheiden sich in einigen Einzelheiten; Blixens frühere Lebensjahre, ihre Eltern und Großeltern sowie Blixen nach 1931 erscheinen bei Donelson nur stark gerafft, bei Buk-Swienty praktisch gar nicht.

Buk-Swienty hat das neueste und bei weitem das meiste Material in Text und Bild. Er klingt (jedenfalls in der Eindeutschung) uninspiriert. Thurman schreibt feuilletonistisch-elegant, dabei stets gut lesbar, sie will Psyche und Philosphie Blixens ergründen und behandelt Sexuelles diskret. Donelson schreibt deutlich direkter, ebenfalls gut lesbar, aber nicht so gefällig, teils fast zupackend; sie interessiert sich wenig für Philosophie und Psychologie allgemein, äußert sich aber weit deutlicher zu Ehedynamik, Sexuellem und Blixens Gesundheit, vor allem die vermeintlichen Syphilis-Symptome.

Thurman sieht die großen Linien, während die fast protokollartigen  Schilderungen bei Donelson und Buk-Swienty teils ermüden. Die zwei Biografinnen ziehen Parallelen zwischen Blixens Leben und den Erzählungen, die sie neben Out of Africa schrieb – dabei ist Thurman ausführlicher und wohl auch tiefgründiger, während Donelson viele kurze, schnelle Parallelen anführt. Buk-Swienty kümmert sich wenig um Blixens literarisches Schaffen abseits ihrer Afrikabücher.

Donelson schrieb später als Thurman und erklärt, ihre Biografie korrigiere frühere Falschdarstellungen. Wen oder was sie damit meint – vielleichtThurman -, sagt sie nicht, und Thurmans Buch spielt bei Donelson kaum eine Rolle (es erscheint als Quelle). Buk-Swienty weist wieder auf Biografenfehler und auf Erfindung in Blixens Out of Africa hin, geht aber nicht auf die Verfilmung ein.

Nur Buk-Swienty sagt ein bisschen über die Zeit nach Blixens Tod. Alle bringen einen Stammbaum und Fotos – Buk-Swienty weitaus die meisten; nur Donelson hat eine Zeittafel für Blixens afrikanische Jahre mit/ohne Finch Hatton.

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