9-Euro-Ticket: Mein 9-Euro-Sommermärchen 2022

Ich genoss die ganz große Freiheit:

  • Allerlei Bahnen und Busse planen und kombinieren, nicht über Verkehrsverbünde und Gültigkeiten nachdenken (wie oft hatte ich mir schon Tickets online gekauft, die dann nicht vor 9 Uhr galten, obwohl ich explizit eine Reise um 8 Uhr gesucht hatte)
  • Einfach weiter fahren als geplant oder früher aussteigen als geplant (ich plane immer und genau, weiche aber auch gern ggf. davon ab bzw. plane mehrere Optionen je nach Wetter, Stimmung, Andrang, Eindruck)
  • Nicht zu Auto oder Fahrrad zurückkehren, sondern wandern oder radeln, soweit Lust, Energie und Tageslicht reichen, und dann irgendwo ein Öffi nach Hause besteigen.

Ich brauche kein Auto: Und ich brauche auch den Wendelstein (im Hintergrund) nicht. Oder doch: Er zieht mit seiner hässlichen Bebauung so viele Touristen an, dass die umliegenden Berge schön leer bleiben.

In vollen Zügen:

  • Nein: Die Züge der Bayerischen Regiobahn (BRB) waren bei meinen Reisen kaum voller als sonst (außer ex Schliersee werktags abends). Zur Stoßzeit aus der Großstadt raus wird’s eh eng. Auch Busse waren nicht überfüllt, manche sogar wie üblich trostlos leer. Natürlich mied ich  Wochenenden und kritische Tagesrandzeiten. Online wird schon vor potentiell überfüllten Verbindungen gewarnt.
  • Doch, ein paar Busetappen sind regelrecht überfüllt: Vom Bahnhof bis zur Talstation der Seilbahn – also Bahnhof Lenggries zur Brauneckbahn oder Bahnhof Tegernsee zur Wallbergbahn. Dort leert sich der Bus dramatisch und fährt leer weiter Richtung Süden.
  • Morgens um 7 Richtung Großstadt, da sind alle Zugplätze voll – zur Hälfte mit Passagieren, zur Hälfte mit den Taschen der Passagiere. Und keiner blickt auf und bietet einen Platz an, alle daddeln in ihren asozialen Medien oder simulieren Schlaf.
  • Ein paar Mal hatte ich das Fahrrad dabei, das Fahrradabteil war nicht zu voll. Einmal stieg ich mit dem Fahrrad aus Versehen in das Abteil für Rollstühle (wegen der Maske-bedingt beschlagenen Brille hatte ich das Fahrradabteil-Symbol nicht richtig erkannt, obwohl’s sehr groß ist). Das Radabteil der BRB hat Klappsitze und sehr praktische Gurte, um vor den Klappsitzen die Räder gut zu fixieren. Unpraktisch, wenn sich Gäste ohne Rad dorthin setzen und so einen Radabstellplatz blockieren (umgekehrt blockiert ein Rad zwei Klappsitze).

In vollen Zügen: In meiner Erfahrung waren die Züge selten stressig überfüllt.

Verspätungen:

Die Bayerische Regiobahn verspätet sich nach meinen Erfahrungen oft 3 bis 14 Minuten. Dafür entschuldigt sich der Fahrer artig per Durchsage. Oft liegt’s an einem „verspäteten Gegenzug, den wir hier im Bahnhof abwarten müssen“, und dafür gibt’s eine vor-aufgezeichnete Entschuldigung. Wegen des ausbleibenden Gegenzugs verspäten sich also auch Züge in Gegenrichtung, die gerade erst pünktlich starteten.

Die Verspätungen und Ausfälle werden online bei Bahn.de u.a. gut angezeigt – Zugplanung unterwegs war ein Grund, warum ich erstmals Geld für mobiles Internet im Handy ausgab.

Sie wurden gewarnt: Dieser Zug kommt 27 Minuten später und ist gesteckt voll. Ein paar Minuten zuvor hieß es online noch, 5 Minuten Verspätung und volles Fahrradabteil.

Manche Probleme kommen blitzartig und überraschen, Zitat:

Aufgrund von Oberbaumängeln hat der Infrastrukturbetreiber der Bahnstrecke… den Zugbetrieb kurzfristig heute Nachmittag mindestens bis einschließlich Donnerstagabend, 30. Juni 2022, zum Betriebsschluss für den Zugverkehr komplett gesperrt.

Hier mussten die Passagiere

  • auf Busse ausweichen (die viel länger brauchen)
  • außerhalb der Busfahrzeiten von der Bahngesellschaft bezahlte Taxis nehmen (zumindest am ersten Tag)

Einmal fiel ein Bus der Wendelstein-Ringlinie unangekündigt ganz aus, die Wandersleut‘ an der Haltestelle standen da taten- und ahnungslos in ihren Stiefeln.

Online angekündigte Verspätungen von 15 Minuten sind kein Grund, später zum Bahnhof zu gehen – der Zug könnte plötzlich wieder als pünktlich gemeldet werden. Dies gilt besonders für Züge auf einspurigen Strecken, die nur wegen des Wartens auf einen verspäteten Gegenzug blockiert sind; weitet sich dann die Verspätung des Gegenzugs aus, fahren sie an einem anderen Bahnhof aneinander vorbei als ursprünglich geplant.

Nicht immer warten Busse auf den Zug, der ihnen Passagiere bringen soll. In Schliersee wartete der Spitzingsee-Bus den 14 Minuten verspäteten Zug aus München nicht ab – viele angereiste Wandersleute mussten fast eine Stunde in Schliersee auf den nächsten Spitzingsee-Bus warten. Dort schimpfte der Fahrer, ja, man könne nicht immer auf den Zug warten und bekomme auch keine sinnvollen Auskünfte.

Rote Zahlen: Verspätungen von mehr als ca. 5 Minuten erscheinen rot, darunter sieht man sich noch im grünen Bereich. Nicht immer warten Anschlussbusse.

Zeit & mehr sparen:

Wenn ich nur einen Zug brauche und nicht umsteigen muss, geht es generell schneller als mit Auto oder Rad. Wenn ich jedoch mindestens einmal umsteigen muss – ob in Zug oder Bus -, dauert es 50 bis 100 Prozent länger als per Auto

Das auch, weil man in Oberbayern zwischen Kleinstädten bizarre Umwege fährt, sein Ziel im spitzen Dreieck ansteuert. Und trotzdem ist mir der Zug lieber, weil’s Nerven und CO2 spart (und exorbitante Parkgebühren).

Fahrrad al bordo: Vor den Klappsitzen im Radabteil lassen sich Fahrräder mit Gurten gut fixieren.

Maskierte an Bord:

In meinem Berichtsgebiet herrschte Maskenpflicht im ÖPNV (erst FFP2, ab ca. 3.7. 2022 auch OP-Masken, mind. bis 20.8.22). Meist trugen alle im Zug oder Bus eine Maske – aber manchmal der Busfahrer nicht.

Ein Busfahrer – maskiert – herrschte einen Einsteigenden an: „Maske auch über die Nase!“ Später hörte ich, wie dieser Fahrer einem Bekannten erzählte:

Ich hatte Corona, und der vierte Tag war elend. Ich brauch‘ das nicht noch mal. Neulich habe ich 20 Leute nicht mitgenommen, die keine Maske dabei hatten.

Ein anderer Busfahrer schimpfte eine alte Dame arrogant an, sie solle eine Maske aufsetzen.

Die Dame: „Aber Sie tragen auch keine Maske.“

Der Busfahrer: „Ich bin hier auch an meinem Arbeitsplatz. Da brauche ich keine Maske. Wenn ich privat Bus fahre, trage ich natürlich eine Maske.“

Der ganze Bus hörte es. Der Mann ist Virologe.

Das Wifi-Netz in der Bayerischen Regiobahn ist gratis, und auch einige Passagiere zeigen online Präsenz – jedoch verschlüsselt.

Internet an Bord:

Die Bayrische Regiobahn hat Gratis-Wifi und an einigen Plätzen Steckdosen (wohl keine USB-Buchsen). Das Wifi verendet nach ca. 100/20 Megabyte Download/Upload pro Tag, und nah am Cockpit funktioniert es nicht.

Auch die Busse von Regionalverkehr Oberbayern (RVO) haben gutes Wifi al bordo.

Gratis mit Grenzen: Nach ca. 100 MB ist Schluss für heute.

Personalmangel:

Auf den Bildschirmen in der Bayerischen Regiobahn wird laufend um neues Personal geworben – Einstiegsgehalt 3090 Euro plus Zulagen! Alle Darsteller sind tätowiert.

Auf den Bildschirmen in den Bussen der Regionalverkehr Oberbayern entschuldigt man sich für zu wenig Linien – man finde kein Personal.

Außen auf den Bussen der Regionalverkehr Oberbayern werben Kliniken, sie suchen: Personal.

Wegen Personalmangels gibt es dann Busfahrer, die praktisch kein Deutsch sprechen:

„Fahren Sie zum Sylvenstein?“ – „Weißnich, gucken Anzeige.“

„Wann ist der letzte Bus zurück?“ – „Weißnich, gucken Plan.“ – „Aber da ist kein Plan.“ – „Weißnich.“

Eine andere Sprache beherrschte der Busfahrer so gut, dass er beim Lenken laut und schnell telefonierte: Das Handy in der einen Hand, und mit der anderen noch gestikulierend.

Bitte mit dem Fahrer sprechen, auch fernmündlich.

Sehr früh in Außenbereiche – schwer:

  • Sehr frühe Verbindungen aus der Kleinstadt in die Großstadt sind kein Problem, ebenso sehr späte Verbindungen aus der Großstadt in die Kleinstadt.
  • Aber sehr frühe oder sehr späte Verbindungen zwischen Kleinstädten oder weg von der Großstadt gibt’s nicht. Die gibt’s nur grob von 7 bis 19 Uhr. Das störte mich v.a. um die Sonnwende herum, wenn der Sonnenaufgang um 5 und der Sonnenuntergang um 21 Uhr ist. Das konnte man nicht immer voll ausnutzen.

Erste Ankunft, letzte Abfahrt per Bus in Wandergebieten*:

1. Ank. So letzte Abf. So 1. Ank. Mo letzte Abf. Mo
Spitzingsee 8.53 18.23 8.23 18.43
Jachenau-Post 10.46 17.45 9.45 17.45
Eng Tirol 8.20 17.30 11.22 16.35
Achenkirch Tirol 9.52 17.40 9.52 17.40
Tatzelwurm Sudelfeld 9.12 17.07 9.12 17.07

*recherchiert auf bahn.de für So, 28.8.22 und für Mo, 29.8.22; im Winter evtl. andere oder keine Zeiten

Party an Bord:

  • Nach 21 Uhr versammeln sich manchmal Rotten bedrohlicher Jungmänner im Zug. Wohl so ’ne Art 9-Euro-Party. – Ich hörte vor Jahren von einer Stadt mit kostenlosen Bussen, die wieder eingestellt wurden, weil Jungmänner stundenlang im Bus abhingen.
  • Abends Richtung Großstadt ist Party im Zug: Nackte urbane Füße hängen in den Gang, Bierflaschen kreisen, der Lärmpegel steigt, die Maske sinkt. Sehr entspannt, nicht rowdy, weil die Urbanauten tagsüber schon am Berg und am Glasl rackerten.

Nur für Freizeit:

  • Ja, ich habe den 9-Euro-Segen nur für Freizeitspaß genutzt. Einige Touren in Bayern, die nur mit dem Auto gehen, vertagte ich in die 9-Euro-lose Zeit ab September. Ich bin schon immer lieber Zug gefahren.
  • Ein Pauschalticket für 29 oder sogar 69 Euro würde ich für den September 2022 noch nehmen. Ich weiß nicht, ob es sich rentiert, aber es erzeugt Leichtigkeit beim Planen und beim (vermiedenen, zu komplizierten, unflexiblen) Einzelticketkauf. Für den Oktober 2022 würde ich es vielleicht noch nehmen. Ab November gewiss nicht mehr. Da braucht man 9-Euro-Tickets für Emirates.

Die Cabrios und die Haltestellenratte:

Ich stand in teuren Touristengebieten an Bushaltestellen. An mir vorbei dröhnten Schlangen von SUVs, Mercedessen, Cabrios, die mich abschätzig musterten – wie eine Haltestellenratte.

Die Cabrios fuhren in der staubigen Glutofenhitze mit offenem Verdeck – und mit open air con?

Im Bus dann ein paar Ausländer, Omas und ich.

Lieber später als nie.

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