Kritik Biografie: Churchill, Walking with Destiny, von Andrew Roberts (2018) – 8 Sterne

Starhistoriker Andrew Roberts (*1963) schreibt ungemein flüssig und leicht lesbar. Dazu tragen auch die vielen teils langen, drolligen Churchill-Zitate und -Anekdoten bei. Außerdem lässt Roberts einen Reigen weiterer Zeitzeugen erzählen, etwa George VI. und den UdSSR-Botschafter Maisky.

Dazu kommt Roberts‘ scharfer Blick für Koinzidenzen – so etwa, als Churchill vor dem 1. Weltkrieg gegen den Wunsch von Frau und Freunden Fliegen lernt. Seine Clementine beruhigt Churchill,

that flying was not ‚a serious risk‘. Three days later his instructor, Captain Gilbert Wildman Lushington, was killed in a flying accident.

Auch verblüffende Parellelen zwischen den Karrieren Winston Churchills und seines Vaters Randolph notiert Roberts zuverlässig.

Viele Kapitel enden mit einer gefälligen Kombi aus Vorschau und Cliffhänger. Vielleicht fehlt dem Buch etwas die Tiefe, auch wenn Roberts die Distanz von Churchills Eltern unentwegt betont und keinen historischen Vergleich auslässt. Später notiert Roberts scheinbar jeden Huster Churchills, aber fast nichts zu Ehefrau und Kindern – sein Buch endet auch unmittelbar mit Churchills Tod, liefert fast nichts über die Nachlebenden, und das nach mehreren ergreifenden Seiten über die Churchill-Trauerfeier.

Neue Quellen:

Laut Wiki ist Andrew Roberts Tory-, Brexit- und Monarchie-Freund. M.E. schlägt das auf den Text nicht zu ungut durch.

Aber vielleicht kam Roberts deshalb als erster an die ungekürzten Tagebücher von Queen-Elizabeth-Vater George VI. Weitere nicht-öffentliche Quellen, die Roberts ersmals auswerten konnte: das Gästebuch in Chequers; das Tagebuch der Churchill-Sekretärin Marian Holmes; sowie das erst unlängst ungekürzt veröffentlichte Tagebuch des UdSSR-Botschafters Ivan Maisky.

Laut Danksagung reiste Roberts auf Churchills Spuren mindestens nach Gallipoli, Japan und Kuba – ohne dass er deshalb Reportage-Elemente ins Buch schreibt; man bemerkt Robberts‘ Vor-Ort-Recherchen nicht

Kleine Exurse:

Gelegentlich schiebt Roberts kleine Exkurse ein, die viele Jahre überblicken, zum Beispiel Churchills frühe politische Lektüren, seine Haltung zur Religion, seine Börsenspekulation, sein Malen, seine sechs Schwenks pro/contra Russland/Sowjetunion, seine rhetorischen Grundsätze, Hitlers Schimpfwörter für Churchill (S. 652), Ghandis Meinungen über England (lt. Roberts „outlandish“) oder Churchill als exzentrischer Gastgeber und Haustier-Psychologe; nur wenige dieser Abschnitte wirken etwas zu lang.

Manch Wohlbekanntes kürzt Roberts deutlich ab: So erscheint Churchills dramatische Flucht 1900 aus Burenhaft in Südafrika nur knapp; auch dass Mama Churchill ein Lazarettschiff nach Südafrika schickt, tut Roberts per Fußnote ab. Churchills Heldenmut in diesem Krieg schildert Roberts dagegen ausführlich. Im 2. Weltkrieg setzt Roberts das Gesamtgeschehen als bekannt voraus und konzentriert sich auf die britische Regierung und auf Churchill als Kauz und Politiker.

Zugegeben, Churchills Innenpolitik vor dem 1. Weltkrieg interessierte mich weniger – Irland, Frauenwahlrecht, Soziales; Roberts selbst redet von einem „hard legislative slog“. Berichte aus Kriegszeiten oder von Reisen klingen spannender.

War Correspondent:

Laut Roberts war Churchill

the world’s best-paid war correspondent… Journalism taught him to be pithy and to hold his readers attention… clarity and liveliness… in his highly readable articles

Allerdings zitiert Roberts kein Wort aus Churchills Journalismus (jedoch ausführlich aus seinen Kriegsbüchern). Detailliert erfahren wir Churchills Honorare.

Den Schwerpunkt legt Roberts auf den 2. Weltkrieg: von 982 engst bedruckten Seiten (einige Leerseiten nicht herausgerechnet) gelten rund 452 Seiten – fast die Hälfte – der Zeit von Oktober 1938 bis Juli 1945 (zufällig schrieb Roberts vorher ein Buch über den 2. Weltkrieg). Hier notiert der Biograf Kleinstes wie

After lunch Churchill calmly took his afternoon nap

Mehr noch als andere Teile erinnert das Buch hier an Heldenverehrung, auch wegen der vielen kleinen vermenschlichenden Anekdoten, nicht alle witzig erster Güte. Roberts weist aber auch pflichtschuldigst auf grobe Fehleinschätzungen Churchills hin.

I Love This War:

Mit langen Zitaten im ersten Viertel dokumentiert Roberts „Churchill’s assumption of white racial superiority“ und betont, wie unzeitgemäß das wirkt. Er unterstreicht jedoch zugleich, Churchills „paternalistic instincts“ „towards the natives of the British Empire“ hätten nichts mit dem „aggressive white supremacism“ der südafrikanischen Buren zu tun, und auch Churchills Widerstand gegen frühe indische Unabhängigkeit sei

more subtle than the white supremacist one that his detractors made out

Churchill sei „so comitted an imperialist“. Seine gelegentlichen „tasteless racial jibes“ (S. 758) seien oft nur als Provokation und nicht ernst gemeint.

Roberts betont Churchills Einsatz gegen einen Kinderschänder und für Senfgas gegen die Deutschen („to give the Germans a good first dose of the Mustard gas“).

Andere etwas verblüffende Trendvokabeln bei Roberts: „narrative“ (häufig im ersten Buchdrittel), „groupthink“, „conspiracy theory“ und „conspiracy theorists at the time  ((1915)) and in the 1930s“.

Wieder und wieder bringt Roberts Churchills Kriegsschwärmereien der frühen Jahrzehnte (Kursivierung stets wie im Buch):

‚this glorious, delicious war ((…)) I love this war ((…)) I know it’s smashing and shattering the lives of thousands every moment – and yet – I can’t help it – I enjoy every second of it.‘

Lob dem Churchill:

Doch Roberts zitiert voller Bewunderung Churchills immer wieder zutreffende Prognosen („extraordinarily prescient“) und nimmt seinen Helden gegen typische Anschuldigungen in Schutz, die lt. Roberts oft nur auf unvollständigen Zitaten beruhten. Immer aufs Neue textet Roberts darum Entschuldigungen wie:

Churchill has been accused of ((…)) This stems from the incomplete quotation of what he actually wrote ((…)) wildly out of context ((…))

Diese letzte Formulierung bringt der offenbar empörte Roberts sogar mindestens zweimal. Auch die Papa-Anbetung aus Mary Churchills Tagebuch zitiert Roberts scheinbar ergriffen. Einige Churchill-Reden zählten laut Roberts zu den „greatest adresses of history“.

Andrew Roberts nimmt seinen Churchill wiederholt in Schutz, teils unnötig:

  • Churchill erhandelte sich Höchsthonorare von Verlagen, „which is hardly a cardinal sin“;
  • Churchill nutzte für gewinnträchtige Börsenspekulationen sein Insiderwissen, „which in those days was neither immoral nor illegal“;
  • Churchill berichtete in seinen Jungmannmemoiren Falsches, indes „the events described had taken place three decades earlier, and time tends to lend embroidery to anecdotes“
  • Viele Churchill angekreidete Probleme im 2. Weltkrieg waren „directly attributable to the failure to heed his warnings and adopt his rearmament proposals in the 1930s“

Nur gelegentlich heißt es dagegen:

Churchill made remarks that were to be proved spectacularly wrong… Churchill made another error of judgement when…

Doch speziell im 2. Weltkrieg schmachtet Andrew Roberts über seinen Gegenstand (S. 620):

It was the quintessence of leadership.

Jeden Churchillschen Tränenausbruch notiert Roberts ergriffen, und allein auf S. 847 heißt es innert weniger Zeilen über die Hauptfigur:

((…)) very emotional and cries ((…)) cried and sobbed ((…)) he was too busy crying ((…)) tears poured down his face ((…)) Not for one moment did Winston stop crying

In seinem schön zusammenfassenden Schlusswort kommt Roberts auf Churchills Tränenseligkeit zurück. Er listet dort auch auf einer Seite auf, was man an Churchill kritisieren kann – gefolgt von einem Dutzend Seiten gut begründeter Lobpreisung.

Chamberlain kommt bei Andrew Roberts sehr schlecht weg.

A Range of 19,000 Yards (10.8 Miles):

Engländer Roberts veröffentlichte seinen Churchill 2018 in England und erwähnt früh im Buch unerklärt Dinge, die mit Glück viel später erläutert werden, so etwa: Captain Douglas Haig, Peninsular War, County Tipperary, Captain Clement Attlee 1915, „the Charge of the Light Brigade in 1854“, „whip“, „the Irish Home Rule Bill two years earlier“, DSO, Gallipoli, Stanley Baldwin, Wilderness Years. Manche Andeutung der Zukunft versteht nur, wer die Geschichte schon kennt.

Zu oft redet Roberts im 2. Weltkrieg nur von Codenamen, ohne die geplante Aktion zu verraten:

Churchill made clear his profound reservations about Sledgehammer and an early Roundup. and put the case strongly for Operation Torch (formerly Gymnast).

Bei Bezügen auf die Zeit Schreibens, etwa beim Geldwert, redet Roberts zum Beispiel von „heutiger Kaufkraft“ – klarer wäre eine konkrete absolute Zeitangabe wie „2018“. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, wann Roberts die Zeilen wohl verfasste.

Meine Ausgabe bringt häufig ausschließlich nicht-metrische Maße wie

a muzzle velocity of 2,458 feet per second and a range of 19,000 yards (10.8 miles), well beyond ((…))

Bei den Kriegsopfern nennt er oft nur eine gemeinsame Zahl für Tote und Verwundete, etwa

3,000 were killed or wounded

Das hätte ich gern aufgeschlüsselt. (Bei den Dardanellen schlüsselt er auf, nennt aber nicht die Opfer auf gegnerischer Seite.)

Bei Verlusten auf See nennt Roberts manchmal nur die Gesamttonnage – nicht die Zahl der Menschen und Schiffe, aber die verlorenen Panzer und Flugzeuge (S. 745):

twenty-three vessels, comprising 118,000 out of the convoy’s 200,000 tons of shipping, were sunk. Four hundred tanks and 210 planes went to the bottom of the sea.

Eine andere sehr ungenaue Angabe, die mit Sicherheit präziser ginge (S. 755, keine absolute Zahl, keine Trennung Getöteter und Verwundeter):

68 per cent of the mainly Canadian troops who took part were killed, wounded or captured.

Stilfragen:

Nur ausnahmsweise produziert Andrew Roberts ungewöhnliche Vokabeln wie „primogeniture“, „consanguinity“, „encomium“, „psephologist“ oder „unedifying scrapes“.

Zu recht liefert Roberts reihenweise vergnügliche Churchill-Zitate. Nicht immer sollte er jedoch den Anlass im Lauftext nennen:

in a speech at the Waldorf… six years later he told an audience in the Central Hall, Manchester…

Das bremst den Text aus und gehört weit weg in die Endnoten, nicht in den Lauftext. Neben vielen brillanten Zitaten reproduziert Roberts auch einige zweitklassige, müde Churchill-Witzchen, die Roberts‘ Held eher schaden. Zudem reproduziert Roberts öfter predigthafte, pathetische Churchillsätze wieder, die scheinbar übertriebene Bewunderung für den Gegenstand verraten.

Tipp-, Sprach- oder inhaltliche Fehler fand ich kaum (soweit ich das überhaupt beurteilen kann). U.a. S. 860:

Accusations ((…)) wide of ((sic)) the mark

Und ebf. S. 860:

the Russians were not going to accept anything less than the Curzon Line as their eastern frontier with Poland

Das muss ja wohl „western frontier“ oder „Polands eastern frontier“ heißen.

Ausstattung:

Roberts macht vieles richtig: Er unterteilt seinen Text in viele Absätze, rückt längere Zitate ein und sorgt gelegentlich mit extra Leerzeilen für Verschnaufpausen. Die tausenden von Endnoten am Buchende enthalten ausschließlich Quellenverweise, man muss also für inhaltliche Vertiefung nicht nach hinten blättern. Gelegentlich erscheinen außerdem Fußnoten mit inhaltlichen Vertiefungen direkt auf der betreffenden Haupttextseite.

Andrew Roberts zeigt viele interessante SW-Bilder auf gestrichenem Papier, allerdings nur 1x klein Churchills amerikanische Mutter Jennie, lt. Churchill „by general consent one of the beauties of her time“. Der Stammbaum auf einer Doppelseite war in meiner TB-Ausgabe zu klein und unübersichtlich – wie ein Dornengebüsch.

Roberts bringt 24 Seiten passable SW-Landkarten. Doch die Dardanellen-Karte zeigt nur wenige der von Roberts erwähnten Orte.

Persönliche Erklärung des Rezendeppen:

Eine schöne Wanderung, einen schönen Spazierweg geht man immer wieder, und jedesmal ist es anders – das Wetter, das Licht, die Vegetation, die eigenen Gedanken und Anliegen. Jedesmal anders, jedesmal anders schön.

So ist es auch bei Biografien von interessanten Leuten: Ich könnte immer wieder neue Biografien lesen von Winston Churchill, Richard Francis Burton oder Barrack Obama. Auch Willy Brandt gehört eigentlich in diese Riege, aber er hat nur deutsche, also mittelprächtige Biografen.

Die fast 1000 eng gedruckten Seiten von Andrew Roberts‘ Churchill-Biografie mochte ich aber nicht am Stück lesen. Darum unterbrach ich sie mit… einer Teilbiografie von Michael Shelden über Churchills Einstieg in die Politik, „Young Titan“.

Geplant als weitere, spätere Unterbrechung hatte ich noch Nicholas Shakespeares Six Minutes in May (Amazon-Werbelink) über Churchills PM-Werdung 1940. Das entsprechende Personalgeschacher bei Andrew Roberts sprach mich aber weniger an. Also verzichtete ich auf Shakespeares Detaildarstellung und las stattdessen als weiteres, spätes Intermezzo Jähners Wolfszeit über das (auf Churchulls Befehl) zerbombte Deutschland (Amazon-Werbelink); damit hatte ich dann zwischenzeitlich endlich wieder deutsche Sprache. In den Kontext gehörte auch noch Andrew Lownies Buch über die Mountbattens (und es verdeutlichte die besondere Qualität des Andrew-Roberts-Stils).

Die einbändigen Churchill-Biografien von Gilbert, Jenkins und Roberts im Vergleich:

Martin Gilbert Roy Jenkins Andrew Roberts
Churchill, A Life Churchill Churchill, Walking with Destiny
erschienen 1991 2001 2018 (nicht verw. mit Roberts‘ 1998er Churchill-Buch)
meine Ausgabe Minerva TB Pan Books TB Penguin TB
Amazon-Werbelink Amazon-Werbelink Amazon-Werbelink
insgesamt 1066 Seiten 1001 Seiten 1105 + Vorspann
Haupttext 959 Seiten 909 Seiten 982 (engst gedruckt)
Fotodruck-Seiten nicht paginiert 64, nur schwarzweiß 32 schwarzweiß sowie 8 farbig (mit Churchill-Gemälden), inkl. weniger SW-Landkarten, Qualität durchgehend besser als bei Gilbert 28, teils farbig (Gemälde)
Landkarten 18 Extra-Seiten nur wenige, innerhalb des Bilddruckteils 24 Extra-Seiten
Ton enzyklopädisch klar, ruhig, betont wertfrei, nicht dröge, sehr chronologisch ohne Vorausblick, sehr viele kurze Zitate, maximal zurückgenommen leicht spöttisch kommentierend, laufend wertend, intellektuell anspruchsvoll, viele lateinische + frz. Ausdrücke, mit Zeitsprüngen, nicht-chronologischen Zusammenfassungen, eigenwilligen Klammerbemerkungen, ab ca. 1940 mit persönl. Erinnerungen sehr flüssig ohne Eitelkeit, meist chronologisch, jedoch mit kleinen vorgreifenden Exkursen, viele auch längere Zitate vieler Zeitzeugen (teils erstmals zugänglich)
Schwerpunkte Entwicklungen weltweit, sofern notwendig Entwicklungen in britischen und US-Politikerkreisen und im Unterhaus brit. Innenpolitik, Person Churchill, 2. Weltkrieg
Wertungen Autor selbst wertfrei, jedoch scheinbar bewundernd: zitiert viele positive Wertungen von Politikern und Familie, kaum von Kritikern, Presse, Wissenschaft; zitiert viele bewundernswürdige Churchill-Passagen wertet unablässig selbst, zitiert Wertungen anderer mit eigener Wertung der zitierten Bewertung oder der bewertenden Person scheinbar bewundernd, scheinbar Churchill-Fehler verzeihend, zitiert Kritiker zwecks Widerlegung, gelegentlich rechtfertigend bis apologetisch
Anmerkungen schreibt wie ein Historiker, besonders übersichtlich schreibt wie ein Politiker, der dabei war und gern mitgemischt hätte schreibt wie einer, der engl. Innenpolitik als bekannt voraussetzt und Churchill nicht beschmutzt sehen möchte

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