Kritik Biografie. Selina Hastings: The Secret Lives of W. Somerset Maugham (2009) – 8 Sterne

Selina Hastings erzählt sehr flüssig, ohne aufzutrumpfen oder die Zeit literarisch zu pimpen – sie textet eher distanziert*. Elegant, fast anmutig schwebt sie von Recherche zu Zitat, vom Allgemeinen zum Konkreten, von Liebe zu Literatur. Das liest sich hervorragend und spannender als erwartet – von Profikritikern gab’s viel Lob.

Natürlich liefert Hastings Bezüge zwischen Maughams Leben und seinen autobiografisch grundierten Erzählungen. Zu vielen Maugham-Veröffentlichungen bringt Hastings lange Inhaltsangaben, Interpretation und Pressestimmen, teils auch Meinung aus dem Lektorat (als er noch lektoriert wurde).

Schön auch, dass sie französische Sätze zugleich im Original und übersetzt wiedergibt. Gelegentlich klingt sie so trocken wie ein Romancier. So über Maughams Frau (S. 249):

Syrie had made the mistake of falling in love with her husband. This complicated everything

Lob und Kritik:

Doch die Autorin lässt zeitweise Fragen offen und scheint ihrem Gegenstand manchmal nicht nah (freilich bearbeitet sie ein langes Leben voller Begegnungen, Wandlungen und Werke). So entflammt W. Somerset Maugham schon im Internat in Canterbury und erst recht bei einem Heidelberger Studienjahr für Literatur, Philosophie und Theater (und für Männer). Danach in England wird Maugham aber Arzt. Hastings behauptet, eine geisteswissenschaftliche Karriere hätten die Erziehungsberechtigten ausgeschlossen und Maugham habe sich gefügt, aber ganz nachvollziehbar klingt das hier nicht.

Auch über frühe, nie erschienene Arbeiten geht Selina Hastings (*1945) zu knapp hinweg. Aus dem frühen Roman Mrs Craddock wurden einige anstößige Stellen gestrichen, wenn auch „so little“ (S.80) – Hastings weiß offenbar mehr, gönnt uns das Skandalon aber nicht.

Und am Ende seines Lebens schreibt Maugham eine Autobiografie so bitterböse, dass seine Verleger in England und USA, die sonst alles unlektoriert drucken, es nicht veröffentlichten. Wie der erfolgsverwöhnte Maugham darauf reagierte, sagt Hastings auch nicht (der Text erschien jedoch in der Zeitung und sorgte dort für Skandal).

Maughams zahllose flüchtige Affären behandelt die Autorin knappst. Ausführlich portraitiert sie jedoch die wichtigsten männlichen und weiblichen Partner, erklärt ihre Motive nachvollziehbar, fast als kenne man sich.

Mehrfach geht die Chronologie durcheinander, wenn Hastings eine Reise beschreibt und gleich danach die daraus entstandenen Texte samt Rezeption. Solche Bücher entstanden jedoch stets erst mehrere Jahre nach dem Ereignis. So beschreibt Hastings Maughams Chinareise 1919, dann den Chinaroman Der Bunte Schleier von 1925 samt Kritikerrepliken, dann den Reisebericht Das Lied des Flusses/On a Chinese Screen von 1922; erst anschließend erzählt sie wieder von Maughams komplizierter Ehe im Jahr 1920.

Lob und Kritik:

Sehr ausführlich geht Hastings auf Maughams bekanntere Dramen, Romane und Kurzgeschichten ein. Allein Of Human Bondage/Der Menschen Hörigkeit erhält eine mehrseitige Inhaltsangabe; ihr folgen kritische Anmerkungen der Biografin (S. 165):

a prose style that at times verges on the pedestrian; …reluctance to jettison extraneous material

Der Roman Cakes and Ale/Seine erste Frau/Rosie und die Künstler sei „one of Maugham’s finest novels“ (S. 174), und Hastings liefert ein genaues Who is Who zu diesem Schlüsselroman. Kitty Fane im Bunten Schleier sei „one of Maugham’s finest fictional achievements“ (S. 259).

Einige Südsee- und Malaysia-Kurzgeschichten und die Ashenden-Spionage-Stories diskutiert Hastings ausführlich. Bei den Ashenden-Texten spricht sie jedoch nicht darüber, warum der Autor nachträglich mehrere Geschichten zu einer verschmolz und was in den Texten stand, die Maugham auf Anraten Churchills zurückhielt.

Zudem stellt Hastings einige der Boulevard-Theaterstücke vor, mit denen Maugham Ruhm und Geld errang. Dass Maughams eigenes Leben ein gutes Drama hergäbe, das er nie literarisierte – die gewünschte Frau lehnt den Heiratsantrag überraschend ab, eine unerwünschte Frau drückt ihm überraschend Kind und Ehe auf –, diskutiert Hastings nicht.

Schriftstellerbiografie:

Eine Schriftstellerbiografie ist per se weniger abenteuerlich als das Leben eines Revolutionärs (Fidel Castro) oder Entdeckers (Richard Francis Burton). Doch innerhalb der Schreiberbranche gehört W. Somerset Maugham (1874 – 1965) zu den interessanteren Biografieobjekten:

So schrieb Maugham viel und lecker, aus dem sich unterhaltsam zitieren und auf gelebtes Leben spekulieren lässt. Er jobbte in zwei Weltkriegen als Spion/Propagandist. Er redete über sich selbst analytisch, selbstironisch und zynisch, gut zu lesen, viel besser als verherrlichend. Er hatte ein reiches Liebes- und Sozialleben, domizilierte glamourös an der Côte d’Azur und in Hollywood, traf alle Promis samt Winston Churchill (der ist natürlich auch ein besseres Biografiethema als jeder Schriftsteller, eine Schriftstellerkarriere lieferte Churchill noch nebenbei).

Graham Greene, Dorothy Parker, V.S. Naipaul, Picasso und Matisse haben in der Maugham-Biografie Pop-up-Auftritte. Georges Simenon begegnete Maugham offenbar gar nicht (beide lebten teils in Frankreich, erlebten im 2. Weltkrieg per Zug flüchtende Nordfranzosen und hatten einen teils ähnlichen Lifestyle).

Maugham’s wanderlust:

Und auch dies gibt dem Maughambiografieleser Hoffnung auf interessante Kapitel (S. 144f):

Maugham’s wanderlust ((was)) one of the great driving forces of his life

Doch wie schon der sehr junge Maugham Andalusien und Marokko aufnahm und literarisierte, wie Italien und Griechenland, das interessiert die Biografin kaum. Sie weist auch nicht auf die Kurzgeschichten hin, die daraus – teils wohl viel später – entstanden. Hastings rattert die Destinationen manchmal mechanisch runter (S. 145):

he went in 1908 to Madrid, Constantinople, Bursa, Capri and Corfu; in 1909 to Paris, Antwerp and Brussels ((…)) in 1910, the year of his first visit to the United States, he was also in the south of France, Milan, Athens and Venice

Etwas mehr berichtet Hastings über Maughams erste Südseereise 1916 – zwischen zwei Spionagejobs im ersten Weltkrieg -, seine sechs Monate in Malaya und die spätere Burma-Fahrt, aus der The Gentleman in the Parlour entstandt. Hastings schildert diese Trips eher als Recherchefahrten eines Schriftstellers, der knackige Geschichten vor Tropenkulisse sucht.

Hastings sagt auch (S. 270):

Just as Kipling is identified with India and the Raj, so is Maugham identified with the Malayan archipelago.

Sie erwähnt Joseph Conrad oder E.M. Forster hier noch nicht. Erst viel später bringt sie eine Frage auf, die ich von Anfang an hatte (S. 428):

It may seem curios that Maugham, with his passion for travel and for the Far East, should have waited so long to visit India.

Erst Anfang 1938 schlug Engländer und Reisefex Maugham erstmals in Indien auf, und diesmal nicht als Geschichtensammler, sondern als Weltanschauungslehrling. Er blieb nur drei Monate und reiste nicht mehr so strapaziös wie zuvor.

Ich hatte allerdings noch eine Frage: Warum nie Afrika? Kenia und das fröhliche Happy Valley hätten gut in Maughams Beuteschema gepasst – doch er war nie dort, und Hastings geht nicht darauf ein. Nur ein reiches Söhnchen in der Novelle Oben in der Villa/Up at the Villa grübelt den Gang nach Kenia an.

Understandably, predictably, inevitably, not unnaturally, unsurprisingly:

Hastings‘ Narrativ klingt nicht nur geschmeidig, es kommt ohne viele exotische Vokabeln aus. Die Biografin benutzt aber mitunter Komposita, die man nicht durch Übersetzung der Bestandteile versteht – siehe „tuft-hunting“ (S.74).

Regelmäßig flicht Hastings überflüssige Wertungen ein, die rechthaberisch klingen:

Understandably… predictably… inevitably… somewhat sourly… somewhat indelicately… not unaturally… prissily… unsurprisingly… whimsically… dotingly… unchivalrously… pathetically

Sie sollte Zitate & Tatsachen für sich sprechen lassen, das Urteil fällt der Leser selbst. (Klinge ich jetzt zu rechthaberisch 🤔?)

Zitier-Wut:

Bei vielen Zitaten schreibt Biografin Hastings Urheber und Quelle nicht in den Lauftext. Man weiß oft nicht, ob Sätze in Anführungszeichen von Maugham stammen, von Zeitgenossen oder von späteren Kommentatoren. Falls von Maugham, bleibt immer noch offen, ob es Belletristik, Memoir oder privater Brief ist. Ein Beispiel von Seite 304:

he alone had the power „to unlock a door inside Maugham’s shut-away secret wall“. Maugham was charmed by Gerald, ((…))

Wer redet ab „to unlock“? Der Lauftext verrät es nicht.

Zwar liefert der Anhang viele Quellennachweise, dies jedoch ohne die üblichen hochgestellten Ziffern im Lauftext – man muss die Nachweise passend zur Buchseitenzahl heraussuchen, sehr lästig und unübersichtlich (und im o.g. Beispiel von S. 304 nicht eindeutig). Zwar wird so der Lauftext nicht durch hochgestellte Ziffern entstellt, er wirkt ruhiger – ich habe jedoch lieber klare Nachweise, und zwar bei selteneren und wichtigen Quellen direkt auf der Lauftextseite.

Meine TB-Ausgabe enthält einige (warum meist undatierte) SW-Fotos auf Fotodruckpapier, darunter keine Autografen oder Bilder von Erstausgaben oder Zeitungsseiten. So sieht man auch nicht Maughams Titelbild-Markenzeichen, übernommen vom Vater, das Hastings mehrfach erwähnt, „the Moorish sign against the Evil Eye“ (hier S. 77). Es erscheint jedoch offenbar ohne Hinweis auf einem Foto von Maughams frz. Villa. Die meisten der unterhaltsamen Soziallöw(inn)en zeigt die Bildstrecke nicht.

Keine Zeittafel, kein Stammbaum, kein Recherchebericht (hat sie Neues ausgegraben, wen sprach sie persönlich?), keine Primärquellenübersicht, keine Jahreszahl als Kolumnentitel.

*ich hatte die englische TB-Ausgabe 2010 von John Murray (Publishers)

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