Kritik Kurzgeschichten. W. Somerset Maugham: Collected Short Stories Volume 3 bzw. Ashenden Or the British Agent (1927, dt. Ashenden oder Der britische Geheimagent) – 7 Sterne

Fazit:

W. Somerset Maugham liefert markante Figuren, nonchalante Dialoge und zeitweise aufregendes Spionage-Drama, dazu ein paar Liebesgeschichten. Wenig Gewalt, und nie durch die Hauptfigur Ashenden. Dieser Protagonist aller Geschichten, Schriftsteller und Teilzeit-Spion, ist altmodisch, bieder, gewaltfrei – und eng an Maughams eigene Spionagejobs aus dem 1. Weltkrieg angelehnt.

Ashenden analysiert und manipuliert seine Zielpersonen aber gerissen und liefert sie bei Nichtgefallen dem Tod aus – auch liebe Landsleute mit Wuffihund und Gattin. Dass Maugham tatsächlich als Spion arbeitete, gibt den Geschichten zusätzlichen Kitzel. (Nach Selina Hastings‘ Maugham-Biografie scheint Maugham sein Spionieren fast wörtlich in Literatur umgesetzt zu haben – oder Hastings nahm Maughams Kurzgeschichten zu wörtlich. Sie sagt auf S. 237 auch, dass Maugham einige Geschichten nur von Kollegen kannte.)

Wiederholt wühlen dramatische Geschichten auf, enden jedoch mit einer etwas flachen Pointe. Absurde Liebe zu liederlichen Showgirls erscheint mehrfach.

Nicht alle Geschichten wirken so rund konstruiert wie sonst bei Maugham, weil der Autor sie jeweils aus älteren kürzeren Stories zusammensteckt. Einzeln überzeugen praktisch alle Elemente, doch die Kombinationen erscheinen teils willkürlich.

Story-Baukasten:

In neueren englischen und deutschen Buchfassungen der Geschichten um den Schriftsteller-Spion Ashenden verschmolz W. Somerset Maugham (1874 – 1965) jeweils zwei bis drei separate Kurzgeschichten zu einer neuen Geschichte (s. Wiki). Dabei heißen die neuen, längeren Geschichten jeweils so wie eine der verwendeten kürzeren Texte – Verwechslungsgefahr.

Ich kenne nur die engl. Collected Short Stories Volume 3 als Penguin-TB von 1977; dort erscheinen die zusammengefassten, längeren Stories. Der Band enthält vier Ashenden-Spionagegeschichten aus Westeuropa (Basis Schweiz, mit Dienstreisen nach Frankreich und Italien), die um 1916 spielen.

Zwei weitere Ashenden-Geschichten spielen 1917 in Russland unmittelbar vor der Revolution, haben aber weder mit Geheimdienst noch mit der Revolution viel zu tun. Dazu kommt die Geschichte The Sanatorium, die nicht von Krieg oder Spionage handelt und offenbar 1938 erschien (in das schottische Sanatorium reiste Maugham noch 1917, direkt nach seiner Russland-Mission). (Verblüffend, dass Maugham zwischen seinen tatsächlichen Spionage-Jobs 1916 in Genf und 1917 in Petrograd eine lange Südseereise mit seinem Lover Gerald Haxton unternahm und noch seine Frau Syrie heiratete.)

Die neu gebauten Geschichten belegen je rund 30 bis knapp 40 Seiten. Mindestens sechs der sieben Geschichten aus Collected Short Stories 3 stehen auch in

  • Ashenden or The British Agent
  • Ashenden oder Der britische Geheimagent (1972, 1976, nicht 1967)
  • Maugham-Everyman-Collection.

Heterogen:

Nicht alle aus Altmaterial neu zusammengsteckten Stories klingen rund. Man runzelt fast die Stirn über Maugham, sonst der souveräne Meister des gepflegten Narrativs:

So mixt Maugham im Text Miss King allerlei Personen aus ursprünglich drei Geschichten. Sie haben wenig miteinander zu tun, das Ende enttäuscht. Passend dazu mokiert sich der Protagonist in der Geschichte Miss King selbst über

those modern novels that give you a number of unrelated episodes and expect you by piecing them together to construct in your mind a connected narrative

Auch The Traitor entstand aus zwei Geschichten und hat zwei getrennte Handlungstränge. Es fällt weniger unschön auf, weil Maugham einen spannenden Spionageplot mit doppelbödigen Dialogen und spannendem Konflikt kredenzt. Letztlich könnte aber der erste Teil (um Gustav) auch wegfallen.

Die Geschichte His Excellency zeigt ebenfalls Schwächen: Hauptfigur Ashenden trifft in Russland unmittelbar vor der Revolution zwei westliche Botschafter, die sich nicht grün sind – daraus könnte etwas Schönes entstehen. Stattdessen erzählt jedoch der eine Botschafter eine lange Liebes-Geschichte in der Geschichte aus grauer Vorzeit. Die ist spannend, auch schmalzig, und hat nichts mit Spionage oder dem Moskauer Szenario zu tun. Der traurige Diplomat, der dem reisenden Schriftsteller seinen Liebesfrust ausschüttet, erinnert deutlich an den Diplomaten aus The Human Element (Coll. Shorties Vol 2).

In Mr. Harrington’s Washing stückt Maugham wieder Heterogenes aneinander: Auf den ersten etwa elf Seiten wird der Ami Harrington in die Pfanne gehauen – ein selbstgefälliger Dampfplauderer, dem Protagonist Ashenden bei einer endlosen Transsib-Fahrt nicht entkommt, eine wohlfeile Satire. Als sie nach elf Tagen in St. Petersburg eintreffen, beginnt eine ganz andere Handlung, wieder mit Rückblenden nach London und Paris. Dann in Teil 3 agiert wieder Harrington. (Unerträgliche, unentrinnbare Dampfplauderer im Zugabteil oder a.d. Schiff beschreibt WSM auch in den Kurzgeschichten Mr. Know-All und in Winter Cruise (Vol 4). Die russische Bahnhofsatmosphäre kehrt wieder in der Sehrkurzgeschichte The Dream in Collected Shorties Vol 2.)

Homogen:

Die ebenfalls aus mehreren Geschichten zusammengesteckte Story The Hairless Mexican wirkt wesentlich homogener. Sie unterhält zudem mit coolen Charakteren, nonchalanten Sprüchen und einer knackigen (etwas flachen) Schlusspointe.

Auch die Geschichte Guilia Lazzari zeigt keine Schwächen, spendiert sogar mit Liebe und Betrug eine Extraportion Dramatik. Vielleicht redet Erzähler deshalb auf den ersten zwei Seiten von Langeweile-Anfällen. Auch hier – nach viel existentieller Aufregung – erscheint die Schlusspointe banal.

Ganz anders die Geschichte Sanatorium: Es gibt keinen Krieg, keine Spionage, keine durchgehende Handlung. Protagonist Ashenden agiert noch weniger als in den anderen Geschichten, sondern beobachtet die Mitpatienten in einem TBC-Heim. Dabei klingt Maugham wie fast immer flüssig und souverän.

Betulich bis spöttisch:

Maugham klingt teils betulich altmodisch, hier z.B. aus Miss King:

Ashenden in reaction from his previous perturbation was feeling exceedingly debonair

Dazu kredenzt Maugham allerlei blümerantes Vokabular, etwa troublous times, titivate a little, knaves, knavish, opprobrious, nosegay, acidulous, guttersnipe, hansom (sic), bathbun, r(h)odomontade

Aber Maugham textet oft auch stilvoll spöttisch. So etwa in der Geschichte Miss King:

She was a high-coloured blonde with golden hair of a metallic lustre ((…)) it was not the sort of hair you would like to find in your soup.

Oder in His Excellency über die Wirkung des Botschafters auf seinen Besucher:

He was received ((…)) with a frigidity that would have sent a little shiver down the spine of a polar bear.

Diese Geschichten stehen in Maughams  Collected Short Stories Volume 3 u.i.w. Ausgaben:

Miss King Schweiz 4/10 Ev31
The Hairless Mexican 6/10 Ev31
Giulia Lazzari Schweiz, Frankreich 7/10 Ev31
The Traitor 7/10 Ev31
His Excellency Russland, Frankreich 6/10 Ev31
Mr Harrington’s Washing Russland 6/10 Ev31
Sanatorium Schottland 7/10 Ev31
    Ø 6,1  

Assoziation:

  • Britischer Spion in der Fremde, und Einheimische spielen keine Rolle, das klingt nach Graham Greene (besonders auffällig bei Maughams Russland-Geschichten: die Revolution steht bevor, doch die Protagonisten haben Wichtigeres zu tun, sie erzählen lang verflossene Liebesgeschichtchen aus Frankreich und England)
  • Und es erinnert natürlich an James Bond, wobei Protagonist Ashenden weit weniger Gewalt, Frauen, Snobismo und Machismo braucht
  • Ob es auch an John Le Carrée erinnert, weiß ich nicht
  • Protagonist Ashenden agiert in Maughams Roman Cakes and Ale (dt. Seine erste Frau, 1930) als Autor-Erzähler. Aber die Spionage-Kurzgeschichten und der Roman haben nichts miteinander zu tun, außer dass Ashenden Schriftsteller ist, ohne viel davon zu reden, er berichtet lieber über andere
  • Das TBC-Sanatorium aus der letzten Geschichte erinnerte mich an ähnliche Einrichtungen bei Richard Yates

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