Kritik Doppel-Biografie: The Mountbattens. Their Lives and Loves, von Andrew Lownie (2019) – 5/10 Sterne

Edwina Mountbattens unzählige Reisen, Lover und Promi-Bekanntschaften in den 1920er und 1930er Jahren leiert Andrew Lownie runter wie eine verbalisierte Exceltabelle. Küchenpsychologisiert er doch einmal, klingt es nur peinlich:

Now that Dickie was prepared to turn a blind eye to her lovers, they did not hold the same attraction… Restless and bored, Edwina now decided to go travelling… she needed to make up for all those lost years of frivolity…  in her confused state of mind, she also continued to love him..

Dies oft ohne nähere Erklärung, außer ein paar Seiten lang die Wechseljahre. Insgesamt berichtet Lownie sehr nüchtern und faktenorientiert auch die ausschweifende Polyamourie der Eheleute, und Louis Mountbattens eifersuchtfreie Zugewandtheit belegt Lownie mit vielen Briefauszügen.

Alle wilderen Spekulationen behandelt Lownie im Kapitel „Rumours“ am Buch-Ende, nach der Mountbattan-Trauerfeier: Dort spult Lownie völlig überraschend erstmals seitenlang Gerüchte über Mountbattens Bisexualität ab, stellt sie schließlich als Fakt dar. Über eine wichtige Mountbatten-Bekanntschaft meint Lownie hier (S. 367):

It is a relationship worthy of closer study.

Auf Seite 375 orakelt Lownie:

It appears there are still Mountbatten secrets to be revealed.

Er hätte diese Fragen nicht nur stellen, sondern auch beantworten sollen.

Master of Desaster:

War Louis Mountbatten ein uniformgeiler Spreizgockel und Egomane, der selbst seine Trauerfeier bis zum letzten Böllerschuss plante? Ein Frauenversteher und -beschmachter? Ein Master of Desaster? Letzteres legen Mountbattens  Fehlleistungen vor Dieppe und bei der indischen Teilung nah. Dann wieder glänzt er scheinbar bei Truppenführung und Marinereform. Ein eindeutiges Bild gibt es nicht.

Die letzten Monate der chaotischen indischen Teilung belegen nur gut 50 Seiten im Buch (bei insgesamt rund 383 Seiten Haupttext, plus Anhang), weil auch Mountbatten erst kurz vor Schluss eingeflogen wurde. Man fragt sich gleichwohl, ob die knappe, nicht immer Mountbatten-zentrische Darstellung der „Partition“ irgendwie angemessen ist und ob Lownie das Thema der Teilung im Griff hat.

Formulierungen:

Die nicht gemeinsam verbrachte Jugendzeit der zwei Hauptfiguren zerhackt Lownie in viele kleine Abschnitte, laufend wechselnd zwischen Edwina und „Dickie“ (wie er Louis Mountbatten unentwegt nennt). Längere Teile zu einer Person wären besser lesbar.

Androw Lownie formuliert oft enttäuschend, teils miss- bis unverständlich, nie flüssig. Teils meint man, Sätze wurden vergessen oder durcheinandergeworfen. Lownie verwendet Begriffe wie „KC“, „Oswald Mosley“ u.v.a.m. völlig unerklärt.

Seite 52 bringt innert 8 Zeilen die peinlich gleichlautenden Satzanfänge

Their next stop was Spain, where Dickie ((…)) Their next stop was Spain and a stay ((…))

Weitere weniger auffällige sprachliche und inhaltliche Doppler folgen. Mitunter scheinen sich Sätze zu widersprechen. Andrew Lownies Schreib-Schwäche fiel mir besonders auf, nachdem ich zuvor das brillant geschriebene Churchill-Buch von Andrew Roberts gelesen hatte.

Generell schreibt Lownie nur „whilst“, nie „while“, und das noch viel zu oft, es rollt mir die Zehennägel hoch. Selbst „amongst“ schreibt er, wenn auch nicht so häufig.

 Biograversagen:

Lownie bringt 24 Fotodruckseiten mit ordentlich reproduzierten Fotos und Typografen, teils in Farbe (ich hatte das 2020er-Blink-TB; keine Landkarten; kein Stammbaum). Ansonsten begeht Lownie typische leicht vermeidbare Biografenfehler:

  • So liefert er im Haupttext allerlei Zitate, ohne den Urheber zu erwähnen. Man weiß nicht, ob es ein zeitgenössisches oder späteres Zitat ist, ob es privat oder öffentlich geäußert wurde, von Familie, Presse, Kollegen oder Wissenschaft. Um den Urheber in Erfahrung zu bringen, muss man nach hinten in die 919 Endnoten blättern.
  • Diese 919 Endnoten enthalten nicht nur Quellenhinweise, sondern teils auch inhaltlliche Ergänzungen. Die gehören aber nicht nach hinten in die Endnoten, sondern auf die betreffende Haupttextseite – als weiterer Haupttext (evtl. in Klammern) oder als Fußnote auf der Seite.
  • Bei Bezügen auf die Zeit des Schreibens, etwa beim Geldwert, sagt Lownie zum Beispiel „in current values“ – klarer wäre eine konkrete absolute Zeitangabe wie „2019“; denn ich will nicht darüber nachdenken müssen, wann Lownie die Zeilen wohl verfasste.

Assoziation:

  • Das Leben der Mountbattens erinnert etwas an die Engländer im kenianischen Happy Valley in den 1920er Jahren, und es gibt einen Kurzbesuch; der junge Louis Mountbatten erinnerte mich momentweise an Bror Blixen
  • Schon in den 1920ern erscheint auch Winston Churchill nebst einigen Churchill-Sidekicks wie Max Beaverbrook und Pug Ismay
  • Churchill-Biograf Andrew Roberts wird im Haupttext mit einem Mountbatten-Verriss zitiert

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