Kritik Dating-Memoir: Zum Glück gibt’s Anzeigen, von Christian Nürnberger (1993, 2002) – 3 Sterne

Top-Journalist Christian Nürnberger findet und heiratet die Studentin und spätere Top-Journalistin Petra Gerster per Print-Kontaktanzeige 1982 in der „Zeit“. Nürnbergers textet sein Buch über diese Eroberung flott, der Inhalt ödet aber an: Nürnberger verallgemeinert, er spekuliert, er zitiert länglich Filmszenen statt wahres Leben. Als wolle er das Manuskript angestrengt längen.

Nürnbergers eigene Kontaktanzeige und die konkreten Begegnungen daraus belegen gefühlt höchstens 70 von 190 Seiten. Die Annäherung an Petra Gerster benötigt gefühlt höchstens 30 dieser gefühlt 70 Seiten. Nürnbergers Spaziergänge mit Gerster in Paris und die Dialoge dort klingen wieder wie Filmszenen.

Nürnberger zitiert knapp einige Zuschriften auf seine Bekanntschaftsanzeige, verschweigt aber zunächst, wen er traf und was passierte. Und dann wird’s wieder allgemein, aufreizend langatmig, allein auf Seite 51f heißt es drög:

Ehemänner, die die Frauen betrügen, und Ehefrauen, die ihre Männer hörnen… Von morgens bis abends, von der Kindheit bis zum Tod… Haben Menschen überhaupt das Recht… Ist es nicht viel ehrlicher… Ehen wurden früher von wirtschaftlichen Zwängen… Die Untreue ist uns… Auch der Aachener Psychologe und Soziologe…

Oder Seite 157:

Vielleicht hätte ich… Dann wäre es vielleicht… und ich hätte mir…

Zur Sache, Christian! Bring uns die blonde Petra! Oder ein paar andere konkrete Frauen auf Freiersfüßen.

Nichts dergleichen. Nürnberger rezitiert selbstgefällig-nonchalant auf vielen weiteren Seiten sein aufdringlich didaktisches, briefliches Kontaktanzeigen-Consulting für einen angeberischen Krösus, unter Überschriften wie „Erstes Zwischenspiel für Interessenten, Kapitel 8.2.1“.

Zuguterletzt, auf Seite 100 von 190, ein erstes Lebenszeichen der späteren ZDF-Ikone:

Dann schrieb Petra aus Paris. Sie hatte nur ein billiges Passfoto beigelegt…

Bis hierhin, über die Buchmitte hinaus, hat Nürnberger noch nicht eine Frau persönlich getroffen, nach meiner Übersicht noch nicht eine Zuschrift beantwortet, sondern nur räsonniert und Briefstapel sortiert.

Petra taucht weiterhin kaum auf, außer in Briefzeilen. Dafür erledigt Christian schnell noch ein paar Kneipenaufrisse, bevor’s in die Zwangsjacke der Ehe geht. Er setzt einschläfernd sein selbstgefälliges Kontaktanzeigen-Consulting fort.

Und er spaziert „mit der komplizierten Pfarrerstochter Angela“ und separat mit einer anderen, hageren Kandidatin ausgiebig durch Frankfurt, monologisierend. Die Hagere erfüllt allerdings nicht Nürnbergers optische Ansprüche, die er frei von politischer  Korrektheit wiederholt anführt:

…dass ich ins pralle Leben greifen will, wenn ich eine Frau anfasse. Bei Julia würde ich ins Leere greifen.

Dies wunderte mich an Nürnbergers 1982er Dating-Praxis:

  • Er verzichtet teils bewusst auf Telefonate, initiiert nach einigen Briefen sogleich ein persönliches Treffen.
  • Man diagnostiziert beim Treffen dealbreakende Körperlängen, hat’s scheint’s nicht schriftlich abgeklärt.
  • Beim Kontaktanzeigen-Consulting rät Nürnberger dem angeberischen Krösus nach endlosem Austausch zu einem originellen Kurztext, der nichts Konkretes sagt und fast jeden Mann beschreiben könnte.

Zwei Ausgaben:

Laut Wikipedia erschien das Buch zuerst 1993 unter dem Titel „My first lady. Liebe per Inserat und die Folgen“ im Fischer-Taschenbuch-Verlag und dann erneut 2002 unter dem Titel „Zum Glück gibt’s Anzeigen. Wie ich die Frau fürs Leben fand“ im Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Ich hatte die Rowohlt-Ausgabe von 2002, die gebraucht teuer ist. Ich wüsste gern, ob sich die zwei Ausgaben textlich unterscheiden.

Freie Assoziation:

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