Romankritik, Filmkritik: Der Liebesbrief, von Cathleen Schine (1995, 1999, engl. The Love Letter) – 6 Sterne – mit Video

Der Roman (1995, 6 Sterne):

Fazit: Cathleen Schine schreibt eine gedruckte romantische Komödie, fluffig, lustig, unrealistisch, etwas belanglos.

Die Hauptfigur, Buchhändlerin Helen, ist Ü40, lässig, attraktiv, unliiert und produziert ebenso wie das andere Buchpersonal unentwegt coole Einzeiler – unplausibel, aber vergnüglich. Ein Beispiel (ich kenne nur das engl. Original):

You read my mind even when there’s nothing in it.

Autorin Cathleen Schine ist zu verliebt in ihre Figur: Schine beginnt den Roman zwar mit einer kurzen Szene in der erzählten Jetztzeit, dann aber lässt sie ihre Buchhändlerin die Vergangenheit reminiszieren und müßig spekulieren. Sie beschreibt unermüdlich ihr fantastisches Aussehen. Und im Bett ein Feger. Bis die Handlung in Fahrt kommt, lauschen wir gut 70 Seiten dem fluffigen Gedankenstrom einer unrealistisch unterbeschäftigten, aber zauberhaften Kleinstadtbuchhändlerin, die alles auf die leichte Schulter nimmt.

Gefühlt ab Seite 1 kündigt sich die Mutter der Hauptfigur zu Besuch an – sie erscheint erst auf Seite 179. Bis dahin kann man viele Erinnerungen abspulen.

Schine produziert dazu nichtssagende Sophistereien:

How could one know what next until it was no longer next, but was now, which made it, almost immediately, then?

Schon die Ausgangssituation überzeugt nicht: Die Buchhändlerin findet in ihrer Post einen Liebesbrief ohne klar erkennbaren Absender oder Empfänger. Sie spekuliert immer wieder seitenlang, wer Verfasser und Adressat sein könnten, wiederholt immer wieder Zeilen aus dem Brief. Tatsächlich hätte gerade diese sonst so direkte Buchhändlerin mutmaßlich Beteiligte einfach fragen oder den Brief vergessen können.

Das einsame Spekulieren ist absurd, soll aber die Spannung hochhalten – wie auch die Frage, ob die Buchhändlerin ihren jungen Sommerjobber noch ins Bett bekommt.

Im Laden der Buchhändlerin arbeiten vier Frauen und ein Mann. Zu Haus bei der Buchhändlerin wohnen zeitweise vier Frauen, deren eine sich als Lesbe outet; Männer kommen nur für Sex und andere handwerkliche Arbeiten ins Haus. (Cathleen Schine sagt, rein statistisch habe der US-Buchmarkt mehr weibliche Leser, und die Toprezensionen bei Goodreads stammen scheinbar sämtlich von Frauen. Cathleen Schine hat auch eine geheiratet.)

Die alten Damen von den hinteren Buchseiten benehmen sich aufdringlich skurril. Nur auf altklug-niedliche Kinder verzichtet Cathleen Schine. Die zwei Hauptmotive des Romans, Mysteriöser Brief und Alte mit Jungem, lösen sich uninteressant und ohne wechselseitigen Bezug auf.

Gegen Ende löffelt Cathleen Schine tief im Schmalz, garniert mit Banalität:

He listened to the sound of her breathing. He inhaled the closeness of her. He felt that here, at least, Helen was his. „Here, at least, you’re mine,“ he said, and she smiled, and said, „Yes. I am“

Assoziation zum Roman:

Der Film (1999, 3 Sterne):

Eine Literaturverfilmung muss nicht buchgetreu sein. Sie muss nur gut sein.

Die Verfilmung von Der Liebesbrief ist weder noch. Sie ist schrecklich melodramatisch (also nix Romkom), verwendet die guten Dialoge aus dem Roman kaum und zwischen den zwei Protagonisten knistert nichts (auch nicht zwischen den Paaren in Nebenrollen).

Spielberg-Ehefrau und Hauptdarstellerin Kate Capshaw ist im Film ein sensibles Ding, wörtlich und figurativ nah am Wasser, hat nichts von der taffen Sprücheklopferin aus dem Buch. Ihre Film-Mutter ist nur zehn Jahre älter, und das fällt unangenehm auf.

Gegenüber dem Buch bringt der Film zusätzliche Liebesverwicklungen und eine eigene Auflösung zum mysteriösen Brief (sofern ich das richtig verstanden habe). Meine DVD hatte ein mittelprächtiges Bild und etwa 18 Minuten aussortierte Szenen, die so wenig mitrissen wie die verwendeten Szenen (Regie Peter Chan).

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