Buchkritik: When in French. Love in a Second Language, von Lauren Collins (2016) – 4 Sterne

Fazit:

Lauren Collins ist zu ergriffen von allem: die lieben lebenslustigen französischen Schwiegereltern, das savoir vivre, die Linguistik, mehr Linguistik, Mutterglück auf Französisch, und noch mehr Linguistik – die Dinge strömen aufs Papier, die Autorin verliert sich.

Die US-Amerikanerin Lauren Collins (*1980) trifft in London den französischen Mathematiker Olivier; sie heiraten und ziehen ins frankophone Genf. Autorin Collins spricht zunächst kaum Französisch. Sie erzählt einzelne interkulturelle und linguistische Wunderlichkeiten aus London, Genf, Korsika und Bordeaux, der Heimat ihres Mannes, und sie berichtet subtil und interessant von den Schwierigkeiten, wenn man die Landessprache kaum versteht.

Überfrachtet:

Diese Abschnitte klingen interessant, momentweise lustig und gehen tiefer als übliche Auswandern– und Liebes-Memoiren. Es sind jedoch nur kurze Intermezzi. Denn Lauren Collins überfrachtet ihr Buch massiv mit anderem:

  • Sie streut in großem Stil linguistische und ethnologische Forschungsergebnisse ein – das Nachwort listet Sekundärliteratur über mehrere Seiten.
  • Sie erzählt öd und lang von ihrer US-Jugend und von ihren Eltern in „southeastern North Carolina“ (S. 52) sowie von einer ganzen Kadenz von Männerbeziehungen
  • Sie produziert zu viele clevere Sentenzen, am liebsten mit Bezug auf Geistesgrößen verflossener Jahrhunderte und/oder Sexuelles/Skatologisches.

Da bleibt für das Titelthema Love in a Second Language nicht viel Platz, jedenfalls nicht für ihre persönlichen Erlebnisse.

Und nicht alle Vor-Ort-Erlebnisse, die Collins zwischen ihren langen Wissenschaftsreferaten platziert, faszinieren: nacherzählter US-Film beim Kinobesuch in Bordeaux; Norwegen-Kurztrip; korsischer Volkstanz; Krankenhaus-Essen. Manches wirkt unübersichtlich oder wird unrund abgebrochen, sobald der sprachlich interessante Teil erledigt ist. Als eins der wenigen interessanten Live-Erlebnisse außerhalb der Familie schildert Collins die Sitzung eines französischen Komitees, das englische Ausdrücke durch französische ersetzen soll.

Bildungshuberei:

Schon privat spürt Collins offenbar (S. 81)

the obligation of attempting to be intelligent, witty, or well informed

Unentwegt zitiert Lauren Collins (darum?) im Buch Geistesgrößen und Kulturdenkmäler verflossener Jahrtausende, u.a. Lord Byron, Balzac, Nabokov, Mondrian, Kandinsky, „Plato, Lucretius, Cicero, Voltaire, Rousseau, and Emerson“ (S. 19). Und (S. 18f):

Herodotus reported that the pharaoh Psammetichus… In Greece… In Hindu mythology…

Kaum lasen wir ein, zwei Absätze aus ihrem Alltag, folgen mehrere Seiten über Dichter und Denker.

Klug gesagt:

Aufdringlich „intelligent, witty“ will Collins auch texten, immer gern mit mild paradoxen Sätzen, hier über Genf:

It seemed sad, though, that the main selling point of the place where we lived was its proximity to places where we’d rather live.

Noch lieber mit einem Kulturdenkmal darin (S. 8):

Balzac wrote that behind every great fortune lies a crime. In Switzerland, behind every crime seemed to lie a great fortune.

Gelegentlich klingt sie aufdringlich gebildet, kredenzt en passant ein „quintuple homonym“ (S. 128) und trendige Anspielungen wie „unreliable auditor“ (S. 138). Oder (S. 74, Kursivierung wie im Buch, über englisches Englisch):

The word bellend was the most efficient synecdoche i’d ever heard.

Auch sonst hat sie es mit sexuellen und skatologischen Bezügen, zwangsläufig, denn (S. 194):

In French, it is difficult to be excited in a nonsexual way.

Ihre erste Assoziation beim englischen Wort „member“ ist (darum?) „penis“ (S. 136). Und (S. 182):

According to tradecraft, a person will always reveal his native language at the moment of orgasm.

Vorleben:

Ermüdend auch Collins‘ Teenagereien in den USA (S. 50):

In ninth grade i transferred to New Hanover, a public school of…

Und dann die ganzen Olivier-Vorgänger, ihr „catalog of relationships“ (S. 71):

For several years i had been dating an Englishman who had… my first boyfriend, in high school, had been… After that i went out with… In college i fell in love with…

Monoglot:

Ohnehin fragte ich mich: Lauren Collins schrieb mit 27 schon für das Eliteblatt New Yorker – und so eine spricht nichts außer Englisch? (Sie ist also „monoglot“, wie Collins es polyglott formuliert.) Und tut sich dann dermaßen schwer beim Zweitspracherwerb? Gibt es solche New-Yorker-Autoren?

Sehr amerikanisch klingt die lange Danksagung am Buchende: Collins grüßt Olivier, die Familien links und rechts vom Atlantik (die sie schon im Lauftext anhimmelte), viele Freunde und Zuarbeiter, auch Guardian-Kolumnistin Hadley Freeman (die so ein Buch viel cooler geschrieben hätte als Collins).

Lauren Collins muss Atheistin sein, denn sie gehört zu den Amerikanern, die dem lieben Gott hier nicht danken.

Assoziation:

  • Mit einem besonders dicken Text-Bussi dankt Lauren Collins ihrem NYer-Redaktionschef David Remnick; der überfrachtete seine Obama-Biografie genau wie Collins ihr French-Buch mit ausschweifenden Bildungsexkursen
  • Auch Katherine Wilson ist eine US-Amerikanerin, die staunend nach Europa kommt, einem Eingeborenen verfällt und darüber ein Buch raushaut (Only in Naples). Wie Katherine Wilson schreibt auch Collins zu viel über ihre Familie an der US-Ostküste. Beide Autorinnen danken in in mehrseitigen Nachworten scheint’s Gott und der Welt, beide bekommen kein flüssiges Narrativ hin
  • Wie eine Engländerin ihre italienische Schwieger-Familie in Italien kennenlernt, beschreiben Annie Hawes und Katherine Wilson (Only in Naples) – ganz anders als Lauren Collins
  • Ebenfalls in Genf spielen die Ashenden-Spionage-Kurzgeschichten von W. Somerset Maugham

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