Kritik Japan-Buch: Grammatik des Lächelns, von John David Morley (1985, engl. Pictures from the Water Trade) – 6 Sterne

John David Morley beschreibt das Japan der 1970er mit großen staunenden Augen, wie ein Tourist, zu genau, zu nacheinander, zu angelesen, und nicht schriftstellerisch abgeklärt, nicht souverän gefiltert. Er erzählt ein paar Begegnungen fast zu detailliert; dazu kommen lange verallgemeinernde Seiten voll kursivierter japanischer Ausdrücke. Dafür gab’s allerhöchstes Lob.

Ganz genau:

Das beginnt schon mit dem ersten Kapitel, ein lokaler Bonze schleift die Hauptfigur Boon durch Nachtclubs: Morley schildert alles gewissenhaft, bis zum Nackttanz auf dem Tresen, und frohlockt andertags doch tatsächlich:

Boon woke up to find that overnight he had arrived in Japan.

Kein Wunder, dass der Erzähler alles Japanische erklärt – von Tatami bis Kotatsu -, im Lauftext und erneut im Glossar.

Ganz allgemein:

Und teils verallgemeinert Morley dröge wie ein Ethnologe (kursiviert wie im Buch):

with the short, slightly feminine steps characteristic of geta (clogs), never seemed in the least self-conscious… the swathe of the yukata made them look broader; but, as Boon discovered when he tried it out himself, an element of gaki-daisho, a robust, cock-of the-walk swagger, was as inalienable from the man’s geta as a quality of subdued grace from the woman’s kimono.

Oder:

They supplied the social context of the individual that was considered indispensable to his dealings with others. Without this information many Japanese were… As in many parts of Asia, women in Japan… According to Ono Susumu in his book Nihongo no nenrin (The year-rings of the Japanese language)… one could also often find sentences that closed with the particle introducing the object, omitting the verb…

Diese übertrieben präzise Schilderung wird nicht besser durch abgehangene Phrasen und Schnörkel wie

not at all reassured… a man of very capacious eating habits… no slouch either… It would be straining the meaning of the word unduly to say that… It would not be altogether surprising then, … to and fro… far and wide they came in droves… there and then…

Die Verallgemeinerungen führen dazu, dass Morley jedes Thema einmal angeht und dann erschöpfend darüber generalisiert – zum Beispiel mehrere Seiten am Stück über Ansager in der U-Bahn oder über Kalligraphie (dies mit Besuch bei der attraktiven Lehrerin). Er sagt, dass die Hauptfigur sich häufig ins Nachtleben stürzt, beschreibt aber nur einen einzigen Abend detailliert (im ersten Kapitel) und lässt dann sehr viel allgemeine Lehre folgen, ohne dass manche Bekanntschaften aus dem ersten Kapitel je wieder auftauchen.

Ganz wenig Lächeln:

Und das in einem Buch, dessen englischer Titel „Water Trade“ auf „entertainment provided by geisha, bars, cabarets and so on“ deutet (zitiert von der Buch-Einstiegsseite; ich kenne nur das engl. Original). Der deutsche Titel Grammatik des Lächelns passt auch nicht gut, denn vom Lächeln ist nur einmal die Rede, bei einem pompösen Geschäftsmann (u.a. „smiled indulgently“).

Tatsächlich sind die Kapitel so heterogen, dass sie vielleicht in ganz unterschiedlichen Phasen entstanden.

Zwar heißt die Hauptfigur Boon, nicht Morley, doch alles deutet auf einen autobiografischen Bericht hin. Im Untertitel heißt das Buch An Englishman in Japan, kein Hinweis auf Fiction oder Non-Fiction. Einen chronologischen Überblick über die drei japanischen Jahre der Hauptfigur gewinnt man wegen der thematisch organisierten Kapitel nie; irgendwann zieht er aufs Land, wohnt allein, dann bei einer Familie, pendelt manchmal nach Tokio, aber das bleibt diffus.

Ganz konkret:

Erst nach mehreren meist verallgemeinernden Kapiteln kommt wieder Konkretes, ein Besuch bei den traditionellen Eltern seines Bekannten Suguma. Das ist sehr kurios, doch auch hier erklärt John David Morley (1948 – 2018) zu genau und ergriffen. Zudem redet Morley hier permanent von „grandfather“ und „Suguma’s mother“ und gibt ihnen keine Namen. Namen erhalten zunächst neben Suguma nur Rotlichtfiguren.

Einmal trifft Hauptfigur Boon einen japanischen Soziologen, der gerade drei Jahre in England verbrachte. Klingt nach einem interessanten Gespräch, doch es wird ein mühsam in Dialog gegossener Vortrag über japanische Traditionen, voll kursiviertem Japanisch.

Eineinhalb Kapitel behandeln eineinhalb interkulturelle Liebesbeziehungen der Hauptfigur. Doch weder Boon noch Mariko sind wirklich bereit dafür, und so erzählt John David Morley von allerlei Krampf und Stress. Mit Haruko war es ohnehin mehr FWB.

Und danach – wird es wieder allgemein: Denn der Liebes-Crash mit Mariko habe ihn dazu bewegt, sich tiefer mit Japanischem zu befassen. Es folgen Seiten über Autoren und Denkkonzepte, voll kursiviertem Japanisch, à la

The ideal of fusoku-shugi prescribing the restraint of emotions in art applied analogously to… In Giri to Ninjo (1969), a study of the meanings of these terms in Japanese literature, Minamoto Ryoen suggested that giri constituted…

Und dann: „In the noble cause of learning now Boon took upon himself“ die genaue Erforschung des Nachtlebens:

in the course of a year he sampled over a hundred ((bars))

Wir hören sehr allgemein von allerlei Bars, Abstürzen, Nachtdamen und anderen Ödheiten. Einzelfiguren behandelt Morley höchstens auf ein bis zwei Seiten, dann verallgemeinert er wieder.

Erst gegen Ende besinnt er sich noch mal aufs Storytelling: Boon bettet sich als Untermieter bei einer japanischen Großfamilie ein, erlebt Zickenkrieg, Besuche bei reichen Verwandten und – real? – nächtliche Verführungen. Das Buch endet mit einem Besuch im Krematorium („pieces of bone clearly identifiable as joints“).

Morley

Ganz seltsam:

John David Morley spricht nicht nur Englisch und Japanisch, sondern auch Deutsch und schrieb früher für die Süddeutsche Zeitung, offenbar direkt auf Deutsch. Er lebte wohl auch Jahrzehnte lang in Bayern. Bei einigen englischen Formulierungen in Grammatik des Lächelns/Pictures from the Water Trade hatte ich den Eindruck, dass Morley ein vom Deutschen geprägtes Englisch redet: So verwendet er das englische „brave“ nicht wie „mutig“, „kühn“, sondern wie „brav“, „gesittet“:

Government housing estates catered for brave young couples and not single girls

Oder über Volltrunkene im Moment des Zusammenklappens:

gave up the ghost

Sagt das der Engländer? Oder „Chieko’s high-nosed mother“ (im Sinn von „arrogant“) und „a black arm-band“ (bei einer Trauerfeier)? Gelegentlich flicht Morley unerklärt kursiviertes Deutsch ein:

In the terms of a Weltanschauung which endorsed…

Und später:

… the Kachelofen for people living in the colder parts of Europe…

Oder das

concept of Vorsehung… in the German language

Assoziationen:

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.