Buchkritik: Nach dem Monsun, von John David Morley (2001) – 6 Sterne

Das Buch enthält vier etwa gleich lange Teile über:

  • Singapur mit englischer Familie und malaiischen Angestellten;
  • England mit erweiterter englischer Familie;
  • Ghana mit englischer Familie und afrikanischen Angestellten; sowie
  • England im Internat.

Morley schreibt über Jahre ab etwa 1952, er ist vier bis etwa zehn Jahre alt. Er schreibt aus Kinderperspektive, wir lernen vor allem seine zwei Schwestern, Schulfreunde und einheimische Hausangestellte kennen. Er liest sich halbwegs interessant, Motive aus frühen Buchteilen kehren später wieder, verbinden so (halbwegs) die sehr disparaten Lebensabschnitte.

Asien:

John David Morley (1948 – 2018) schildert zunächst frühe Kindheitsjahre mit Eltern, zwei Schwestern und 13 malaiischen Hausangestellten in Singapur. In den drolligen Erinnerungen agieren die (meist erwachsenen) Malaiien wie Mina, Sitiawa, Suppiah und Supina teils   kindischer   kindlicher als die englischen Kinder („they were like children“, schreibt Morleys Mutter Patricia Morley in ihren eigenen Singapur-Memoiren, My Other Family (1994)). Obwohl oder weil Morleys Vater in der Kolonialverwaltung arbeitete, hören wir im asiatischen Buchteil nichts Politisches. Bilder der asiatischen Angestellten sieht man nur im Buch der Mutter.

Allerdings erzählt Morley nur grob 70 Seiten lang aus Singapur, etwa mit fünf folgt er seiner Familie nach England. Hier erzählt er unübersichtliche Familienlegenden und langweiliges Zeug.

Afrika:

Dann geht’s weiter nach Ghana, Hier kommen ein paar politische Noten in Morleys Bericht, doch überwiegend schildert er nur seine Umwelt wieder mit kindlich naivem, wachem Blick. Der Teil beginnt mit der abenteuerlichen Zeit, die Morleys Vater zuvor ohne Familie im nördlichen Nigeria verbracht hatte.

Der lange, letzte Teil über das englische Internat klingt anders: Fast verbittert, als wolle er es seinen Peinigern und den Eltern reinreiben, schildert Morley Prügelstrafen, Drill und Ekelfraß in der Anstalt („das Grundnahrungsmittel… waren eingelegte Zwiebeln“). (Schon im viel früher geschriebenen Japan-Buch Grammatik des Lächelns/Pictures from the Water Trade hatte Morley geschrieben, japanisch enge Wohnverhältnisse erinnerten ihn an „English boarding school to close for comfort“.)

Deutsch:

Es gibt im deutschen Buch seltsame Formulierungen und Fehler, die man nicht erwarten würde, etwa „von geradezu karikaturistischen Ausmaßen“ (S. 28), „Hügelsiedlungen“ (S. 49, für die „hill stations“ in Malaya, m.E. unpassend), „Regents Park“ (sic, mehrfach S. 118 – 120), „mit einem Hammer und Täcks“ (sic, S. 209) oder eingedeutschtes Grotesk-Englisch wie „Wör freuen uns söhr, daß Sö zöm Dönner zö ons kommen“ (S. 51) oder „ein dommer Junge“ (S. 178, kursiv wie im Buch). Ich hatte das Malik-Piper-Hardcover von 2001.

Was mich noch wunderte: Worauf bezieht sich der Buchtitel „Nach dem Monsun“? Hat Singapur einen Monsun? Oder einfach laufend viel Regen, ohne fixe Regenzeit? Morley sagt im Buch (wie seine Mutter), dass es in Singapur „durchschnittlich fast jeden zweiten Tag regnet“ (spricht aber auch von den „regenschweren Monaten am Jahresbeginn“). Seine Mutter (s.u.) bezeichnet Singapur als „land without seasons“.

Kann man da von Monsun reden? Ein paar Webseiten tun’s. Nach meiner Übersicht erscheint das Wort „Monsun“ nicht im Buch.

Das englische Original:

Laut Buch-Impressum schrieb Morley das Buch auf Englisch unter dem Titel East of the Sun, West of the Moon; übersetzt ins Deutsche wurde es lt. Impressum von Bernd Rullkötter. Diese Angaben liest man auch online überall. Erschienen 2001.

Natürlich wollte ich das auf Englisch lesen – aber die englische Ausgabe ist nirgends zu finden, der Titel East of the Sun, West of the Moon steht auch nicht in der Morley-Bibliografie bei Wikipedia (er erscheint im deutschen Buch auf Deutsch als Teil eines Lieds). Auch kein anderer englischer Morley-Titel scheint den Inhalt von Nach dem Monsun zu enthalten.

Hat Morley das wirklich auf Englisch geschrieben? Warum ist das Buch mit seinen urenglischen Themen (Kindheit in Kolonien, Nachkriegsengland) dann nicht auf Englisch zu haben? Oder gibt’s die englische Fassung nur als Privatmanuskript? Oder schrieb Morley Nach dem Monsun direkt auf Deutsch?

Morley lebte offenbar jahrzehntelang in und um München, schrieb auch für die Süddeutsche Zeitung, und er schrieb für die SZ nach meinem Eindruck direkt auf Deutsch (so enthält z.B. dieser deutsche SZ-Artikel Morleys von 2001 keinen Übersetzer-Hinweis, wie ihn die SZ bei übersetzten Texten zu bringen pflegt).

Bei Buecher.de liest man zwei Stimmen von zwei SZ-Autoren zum Buch, aber keinen Hinweis auf die Originalsprache.

Definitiv bringt John David Morley in seinem 2001er Buch auf Deutsch Beschreibungen und Details, die genau so auf Englisch bereits im 1994er Buch seiner Mutter standen. Dazu gehören auch Erinnerungen an Krankenhaus und Taufe, die er aus seinem Geburtsjahr 1948 haben will. Eine Mutter-Sohn-Kooperation wird weder im Buch von Patricia noch von John David Morley erwähnt.

Wollte Morley sein Monsun-Buch nicht auf Englisch sehen? Wer nur die gedruckten Bücher und sonst nichts von der Familie kennt, könnte meinen, John David Morley habe den Bericht seiner Mutter schriftstellerisch geschickt leicht fiktionalisiert und vor allem die Chronologie verschoben.

Wer weiß was?

Morley

Englisch schreiben, Deutsch veröffentlichen:

Autoren, die nicht in der Muttersprache, sondern einer später erworbenen Sprache schreiben – wie J.D. Morley zumindest für die Süddeutsche Zeitung –, gibt es ja öfter, s. Nabokov, Vicki Baum, Joseph Conrad etc. (zu schweigen von den vielen, die mit einer kleinen Regionalsprache aufwuchsen und in einer Kolonial- oder Zentralsprache schrieben).

Diese AutorInnen, die Deutsch und Englisch können, in DE leb(t)en und auf Englisch schreiben, aber womöglich nur auf Deutsch veröffentlichen, fallen mir ein:

  • Irene Dische: „As with all Dische’s work, this will first be published in Germany…“ ( Wiki). Erscheint lt. Wiki immer in DE und in UK, teils nicht in USA. Dt. Wiki: „Seitdem fanden die aus dem Englischen übersetzten Geschichten oft zuerst, manchmal sogar ausschließlich in deutscher Sprache ihre Verbreitung.“
  • Nell Zink: US-Amerikanerin, lebt in Brandenburg, veröff. in USA und DE, schreibt offenbar auf Englisch und lässt andere ins Deutsche übersetzen, ist selbst auch Übersetzerin.
  • Womöglich John David Morley.
  • Patricia Clough über Emin Pascha (das ist ein deutsches Thema, kein englisches wie bei J.D. Morley).

Assoziationen:

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