Kritik Theaterstück: Bunbury – Ernst sein ist alles, von Oscar Wilde (1895) – 6/10

Das ist witzig und allzu routiniert geschnitzt: Oscar Wildes Figuren parlieren in einer Tour widersprüchlich, respektlos oder gegen die Norm. Sie gewinnen wenig Kontur, weil ihr Dialog immer die Lustspielmaschine befeuern muss. Speziell die zwei jungen Damen reden zu absurd und gekünstelt dümmlich, und beide wollen nur einen Mann namens Ernst heiraten, alles klar. (Engl. Titel The Importance of Being Earnest.)

Jack heißt Ernst, und Algernon auch:

Die Situation ist noch absurder, als man es in einer Verwechslungskomödie sehen möchte: Jack heißt Jack nur auf seinem Landsitz; in der Stadt nennt er sich fälschlich Ernst. Den Bewohnern des Landsitzes – einschließlich der Schutzbefohlenen Cecily – lügt er vor, er habe einen jüngeren Lotterbruder Ernst in der Stadt. Jacks Londoner Verlobte Gwendolen akzeptiert Jack nur, weil er (vermeintlich) den wundervollen Namen Ernst trägt.

Und Jacks Kumpel Algernon treibt sein eigenes Verwirrspiel, indem er angeblich wiederholt ans Krankenbett des (fiktiven) Freundes Bunbury eilt; doch er will sich schlicht vor Tante Augustas Abendgesellschaft drücken. Als Algernon unangemeldet auf Jacks Landsitz auftaucht, wird er für Jacks fiktiven Bruder Ernst gehalten – und Cecily willigt sofort in die Ehe ein, weil er (vermeintlich) Ernst heißt, Algernon sei zu banal.

Zickenkrieg um vermeintliche Ernste:

Zwischendurch zicken Gwendolen und Cecily um ihre (vermeintlichen) Ernste. Das Durcheinander kocht im dritten, letzten Akt noch höher.

Alles klar also. Die Zutaten für ein lustiges Verwirr-Spiel sind beisammen: schnöseliges Adelsvolk, zwei verliebte Gockel, zwei altklug plaudernde Jungfräulein, Landsitz und Stadt-Palais, fake news ohne Ende, Verwechslungen und vor allem ein überdreht eloquenter Autor (1854 – 1900).

Dichtung und Wahrheiten:

Beispiele für Oscar Wildes amüsante, aber sinnfreie Sophistereien:

The amount of women in London who flirt with their own husbands is perfectly scandalous. It looks so bad. It is simply washing one’s clean linen in public.

I don’t like novels that end happily. They depress me so much.

This suspense is terrible. I hope it will last.

Scherz pour l’ Scherz. Manche Sätze biegt Wilde so widersprüchlich hin, dass man gar nichts mehr versteht, etwa:

Now produce your explanation, and pray make it improbable.

Oscar Wildes Figur Gwendolen sagt selbst:

In matters of grave importance, style, not sincerity, is the vital thing.

Gelegentlich entrutscht Oscar Wilde jedoch eine schmerzliche Wahrheit:

All women become like their mothers. That is their tragedy.

Assoziation:

Die Cornelsen-Ausgabe für Schüler:

Ich hatte die englische Oberstufen-Ausgabe des Cornelsen-Verlags (“Senior English Library”). Sie erklärt pro Doppelseite fünf oder zehn Vokabeln. Doch wie bei Oscar Wildes anderen Stücken brauchte ich keine Vokabelhilfe: sein Englisch ist leicht. Das Problem liegt eher in der teils verwickelten Handlung sowie in kulturellen oder historischen Besonderheiten.

Allerdings dekretiert Oscar Wildes Algernon auf Seite 30 (bei mir noch nicht gecancelt):

The only way to behave to a woman is to make love to her, if she is pretty, and to someone else if she is plain.

Dieses “to make love to” in seiner alten, nicht-sexuellen Bedeutung erklärt die Cornelsen-Ausgabe nicht, während es in manchen kommentierten Henry-James- und Jane-Austen-Ausgaben erläutert wird. Was denken die Oberstufenschüler hier, an die sich der Cornelsen-Band explizit richtet?

Statt Vokabelhilfe hätte ich bei Oscar Wilde lieber Kommentare zu englischen Sitten und Gebräuchen, wie sie David M. Shapard so vorbildlich für Jane Austen liefert, zum Beispiel den Unterschied zwischen “dinner” und “supper” etc. etc. (Und diese Erklärungen sollten auf derselben Doppelseite stehen wie der Text, nicht hinten im Anhang.)

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