Romankritik: Rumplhanni, von Lena Christ (1916) – 8 Sterne – mit Video

Fazit:

Die ersten drei Viertel spielen auf dem Land und bereiten viel Freude: Deftiges Bairisch, scharfzüngige Dialoge und schöne Beobachtungen, wenn „die Bauern ((…)), die Jungen und die Dienstigen“ interagieren, ganz zu schweigen von den Männern und den Frauen. Ich habe oft laut gelacht, wann gibt’s das schon. Das München-Viertel am Ende klingt ganz anders: Die Autorin beklagt wehleidig soziale Kluft und kalte Staatsmacht. Dieses Viertel wirkt angeklebt.

Erzählstimme:

Etwas wunderte mich die Erzählperspektive: Als allwissende Erzählerin blickt Autorin Lena Christ mal in diesen, mal in jenen Kopf – nicht nur Hanni begleitet sie, Lena Christ (1881 – 1920) versetzt sich nach Bedarf auch in den Hauserbauern, die Ödhuberwirtin oder die Krämerin Franzi. Doch Christs Erzählstimme klingt stets nach dem scharfen, selbstbewussten Mundwerk der Hanni – zumal auch die Erzählstimme Dialekt schreibt. Als Ich-Erzählung hätte der Roman wohl mehr überzeugt (und auch eine Ich-Erzählerin Hanni hätte immer noch in die Köpfe der anderen Figuren blicken können).

Lena Christ begann die Rumplhanni als Theaterstück und machte nach Kritik ihres Mannes einen Roman daraus.

Nach drei Vierteln Landleben hat Hanni ihre Dorfintrigen überdreht und muss in die „Münchnerstadt“ fliehen. Hier verlässt Hanni ihre Komfortzone, und hier kredenzt Lena Christ zu aufdringlich Sozialkitsch – trostloses Leben, trostlosen Tod, wehleidige Sentimentalität und viele private Erfahrungen. Zudem zerfällt der München-Teil in dreieinhalb unverbundene Episoden: Ankunft, bei Franzi, im Gefängnis, im Martlbräu-Wirtshaus.

Offene Enden:

Im Zug trifft Hanni nach langer Zeit zufällig ihren entfremdeten Vater – doch nach ein, zwei Seiten endet die Episode und hat kein Nachspiel. Warum präsentiert die Autorin den Vater dann überhaupt?  In München steckt ihr ein reicher Herr seine Visitenkarte zu, Hanni ist interessiert – kommt aber nie auf die Offerte zurück. Warum überhaupt davon anfangen? Die Figurenkonstellation auf dem Land hatte Lena Christ noch virtuos komponiert.

Ich habe nicht alle Figuren auf dem Land immer überblickt. Zwar konzentriert sich Lena Christ nur auf etwa drei Höfe, doch dort gibt es überreichlich Personal, wenn man die Bediensteten dazunimmt. Ein Organigramm des Dorfs Öd bei Aibling hätte ich gebrauchen können. Auch klingt der Text etwas gehetzt – es gibt keine Kapitel, nur gelegentlich mal eine Leerzeile zum Atemholen, und die vielen Dialoge wie auf dem Theater erscheinen ohne Zeilenschaltung; nur ein Gedankenstrich trennt die Sprecher.

Auch über etwas Anderes komme ich nicht hinweg: Lena Christ schreibt die bairischen Dialoge so genau und zugleich so bösartig-distanziert, dass sie in der Szene einerseits ganz drin (gewesen) sein, andererseits auch den kalten Blick von außen haben muss. So eine scheinbare Verschränkung von Innnen- und Außenblick kenne ich sonst nicht.

Rumplhanni, die Empowerte:

Der Deutschlandfunk würde die Rumplhanni-Figur gewiss als „empowert“ bezeichnen: Arm an Reichtümern, doch reich an Verstand. Mundwerk und Reizen, setzt die Rumplhanni ihr Kapital ein, um sich einen Mann zu angeln, der ein Leben in Sicherheit verspricht (und möglichst ohne Schwiegereltern). Zuneigung spielt keine Rolle. So etwas darf nur eine Frau texten, und deswegen ist Autorin Lena Christ womöglich auch „empowert“. Die meisten Männer erscheinen bei ihr als hechelnde Hormontanker, die zudem vorzeitig schlapp den Löffel abgeben.

Freie Assoziation:

  • Nach langer Zeit auf dem Land geht’s in die „Münchnerstadt“ und dort interimistisch in den Knast – wie bei Lena Christs Mathias Bichler .
  • die Schiermoser-Hofbesitzer aus Madam Bäuerin erinnern deutlich an die Hauser-Hofbesitzer aus der Rumplhanni – eine standesbewusste, zänkische Bäuerin und ein geruhsamer, abwägender Ehemann. Anklänge gibt’s auch an Christs Bayerische Geschichten.
  • Wie der 1. Weltkrieg auf die Daheimgebliebenen in Bayern wirkt, das schildert Christ auch in Unsere Bayern anno 14/15.
  • Das ausführliche Landleben in der Rumplhanni erinnert an das kurze Landleben in Christs Erinnerungen einer Überflüssigen, auch wenn die Hauptfiguren unterschiedlich alt sind; ebenso findet in beiden Büchern eine Wirtsmagd im Wirtshaus einen feschen Hochzeiter, der ihr tatsächlich zusagt
  • Natürlich erinnert Rumplhanni an die Romane von Oskar Maria Graf. Auch dort wird ein (westlicheres) Bairisch geredet, und die Zeit ist teils dieselbe (samt Einrücken zum Krieg). Nach meiner Erinnerung schreibt Graf die Erzählstimme nicht im Dialekt, und das wirkt wesentlich romanhafter als in der Rumplhanni. Obwohl ich Bairisch mag und verstehe, hat mich das Oberbairisch der Christschen Erzählstimme (nicht in den Dialogen) manchmal irritiert und gebremst.
  • Die aggressive Unwirschheit, mit der sich auch einander Nahestehende derb angranteln, kenne ich sonst nur aus indischen Filmen und Romanen. Herrliche Beleidigungen auf Bairisch liefert aber auch Ludwig Thoma in seiner Kino-Geschichte
  • Die Bayernbauerndoku Das Ei ist eine gschissene Gottesgabe
  • Vergnügliche Mundart – hier ist es Bairisch, und in den frühen Romanen von V.S. Naipaul das Pidgin-Englisch der Trinidad-Inder

Lena Christ bei HansBlog.de:

1912

Erinnerungen einer Überflüssigen (7 Sterne)

Milieu: 1/4 Dorf, 1/4 Kloster, 2/4 München, u.a. Wirtshäuser, große Bürgerhochzeit

Besonders: Memoiren, nicht Fiktion

1913

Lausdirndlgeschichten (5 Sterne)

Milieu: Kinder und Erwachsene a.d. Dorf u.i.d. Stadt

Besonders: sehr kurze Geschichten aus Kinderperspektive

1914

Mathias Bichler (5 Sterne)

Milieu: Dorf, Pflegekinder, Kirchliches, Brauchtum, Walz im Alpenland

Besonders: Religiös märchenhafter Kinderbuchton, männl. Ich-Erzähler

1914/15

Unsere Bayern anno 14/15 (7 Sterne)

Milieu: 3/4 München, 1/4 Dorf; Auswirkung des Kriegs auf Heimat

Besonders: viele kurze nüchterne Geschichten; gutes Bairisch in Dialogen

1916

Die Rumplhanni (8 Sterne)

Milieu: 3/4 Dorf, 1/4 München, dort u.a. Gefängnis, Wirtshaus

Besonders: scharfe Dialoge, auch Erzählstimme im Dialekt, extra "bairisch"

1919

Bauern: Bayerische Geschichten (7 Sterne)

Milieu: Hofbesitzer auf dem Dorf

Besonders: viele kurze unverbundene humoristische Kurzgeschichten

1920

Madam Bäuerin (7 Sterne)

Milieu: Städter und Dörfler auf dem Dorf

Besonders: relativ breiter, schenkelklopfender Humor

Wie bei allen Büchern von Lena Christ oder auch aus Papua-Neuguinea hätte ich gern ein Glossar für fremde Ausdrücke und Sitten. Schon das "Jungfernkrönlein" (in Erinnerungen einer Überflüssigen und in Mathias Bichler) konnte ich mit Google nicht eindeutig klären. Und was sind "schwarze Blonde"? Meine Lena-Christ-Taschenbücher von dtv liefern keine Hintergründe.

Ausführlich kommentiert dagegen Walter Schmitz in Lena Christs Gesammelten Werken 1 – 3 im Süddeutschen Verlag (offenbar zumindest in der Auflage von 1988/89/90, evtl. nicht bei früheren Auflagen). Ich kenne davon nur den 2. Band mit Rumplhanni und Unsere Bayern – er liefert genaueste bi/bli/ografische Aufklärung, aber kein Oberbayerntumglossar.

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