Kritik Justiz-Kurzgeschichten: Die Sau, von Ludwig Thoma (2015) – 7 Sterne

In Ludwig Thomas Justiz-Kurzgeschichten hauen sich Bayernmänner im Bierhaus Bierkrüge und mehr auf den Kopf:

Mit diesen eichenen, buchenen und eisernen Wehren haben die grimmigen Huglfinger Helden gestritten gegen die Mannen von Kraglfing und Hiebe ausgeteilt, daß der weite Saal des Unterbräu erdröhnte…

Bayernfrauen eskalieren verbal, keifen an Wäscheleine und Fensterbank. Solche Konflikte und ihr gerichtliches Nachspiel schildert Ludwig Thoma (1867 – 1921) im Bändchen Die Sau. Gelegentlich zoffen sich Bauern um Ackergrenzen. Diebstahl, Mord, Bigamie oder Erbschleicherei bespricht Thoma kaum.

Allgemein greift Thoma mit Musik in die Saiten, nicht mega-subtil, sondern deftig-krachert: Korbinian Ranftlmoser

knarzt mit seinen neuen Stiefeln tapfer fürbaß.

Das amüsiert. Doch interessanter klingt der Bericht von Thomas Start als Rechtsanwalt in der Kleinstadt (gemeint ist Dachau) – das bange Hoffen auf den ersten Mandanten, die seltsamen Erwartungen der Bauern und Gesetzbuchhandelsreisenden.

Fast wie Fast wie im richtigen Leben:

Die meisten Geschichten scheinen direkt aus dem prallen Leben zu stammen. Konstruiert wirkt nur die Mär vom Gerichtsrat, der olle Bettwäsche an einen Krämer verkauft, dazu einen komplizierten Vertrag aufsetzt und am Schluss eine Überraschung erlebt.

Zu kompliziert schien mir die mit elf Seiten längste Kurzgeschichte von der Dachserin. Die sagt etwas Verbotenes zur Nachbarin, aber der inkriminierte Begriff wird nie ausgesprochen, nur als „Einladung“ umschrieben. Zudem haben beide Frauen einen bürgerlichen und dazu einen völlig anders klingenden Hausnamen, der aus verschiedenen Gründen nicht mehr gilt – daraus erzeugt Thoma überflüssige Verwirrung.

Sprache

Thoma schreibt trocken, forsch, mit viel zuviel Dativ-e und meist in der dritten Person als allwissender Erzähler, nur ausnahmsweise als Ich-Erzähler (wie in „Assessor Karlchen“). Thoma bringt erfreulich viel Dialog. Sein Bairisch finde ich etwas schwerer verständlich als bei Lena Christ:

„In d’Vahandlung geh tean ma, g’straft wem tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“

Thoma bringt sogar Meta-Mundart-Ironie:

„Ja, der Hofbauer waar i.“

„Waren Sie! Und wer sind S‘ denn jetzt?“

„Ja, i waar’s no.“

„Aha, Sie sind’s noch?!“

Dazu kommen Preziosen wie

„Das Mensch ist gar keine Baronin, sondern aus Salzburg.“

Auch in die allwissende Erzählstimme gelangen gelegentlich Bajuvarizismen wie „besser… wie keiner“. Und je nach Geschichte werden Ausdrücke erklärt, besonders deutlich in „Monika“:

oanauget (einäugig)… Mieka (Mittwoch)… g’neißt (gemerkt)… gelt (gilt)

Gelegentlich pflegt Thoma hochgezogene Ironie:

zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten… daß sein Gehaben Vergeltung erheischte

Mehrfach verwendet der Autor jüdische Namen wie Isak Tulpenstock, Thomas antisemitischer Hass seiner späten Jahre scheint jedoch nicht durch. Es gibt auch „den Nazi“, hier ein „Ignaz“ (Thomas Freund Taschner?).

Hervorragendes Lektorat:

Die Fibel des Holzinger-„Verlags“ ist hervorragend ausgestattet:

  • keinerlei Informationen zu den Geschichten, nicht mal Jahreszahlen oder Erscheinungsorte
  • keine Hintergründe wie Thomas Anfänge als Rechtsanwalt in Dachau, Wahrheitsgehalt der Geschichten, die sechs Gefängniswochen des Autors wegen Beleidigung
  • Trenn- und Tippfehler wie „Mona-trettiche“ (S. 4), „auggezeichneter“ (S. 24) (lt. Impressum „vollständiger, durchgesehener Neusatz bearbeitet und eingerichtet von Michael Holzinger“)
  • völlig leere hintere Umschlagseite

Freie Assoziation:

  • Tonfall („enk“) und Dorfkulisse erinnern an Lena Christ, vor allem an Christs Rumplhanni, doch Christ transkribiert besser, erzählt besser, mit Schärfe und Herz
  • Thomas Lausbubengeschichten klingen böser und kälter, weniger juxend

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