Kritik Biografie: Ludwig Thoma und die Frauen, von Martha Schad (1995) – 5 Sterne

Meine Meinung:

Martha Schad schreibt unübersichtlich, mit irritierenden Zeitsprüngen, eingeschränktem Fokus, sprachlich altbacken. Doch sie hat viele spannende Quellen, aus denen sie manchmal zu ausführlich zitiert, interessante Abbildungen, und sie hat vor allem eine spannende Geschichte an der Hand – gleich zweimal flext Ludwig Thoma die vermeintliche Frau seines Lebens aus einer bestehenden Ehe heraus, dokumentiert in vielen Briefen.

Zeitgeschichte und Thomas literarisches Werk kommen für meinen Geschmack zu kurz, freilich konzentriert sich das Buch explizit auf „Ludwig Thoma und die Frauen“.

Mutter, Verlegerin, Kolleginnen:

Das Thema Thoma und die Frauen geht Martha Schad (*1939) gründlich an: das erste Kapitel handelt von Mutter, Schwestern und Kindermädchen/Zugehfrau Viktorl.

Auch nach dem Kapitel über die Familie folgen keine Herzensbande, sondern Kapitel über „Verlegersgattin Dagny Björnson-Langen“ und über „Literarische Mitarbeiterinnen“ beim ‚Simplicissimus'“. Da gerät Schad tief in die 1900er Jahre – und muss später wieder zurückspringen in die Jahre 1892 bis 1895, als Ludwig Thoma (1867 – 1921) bereits einmal zarte Bande knüpfen wollte. Über frühe Puffbesuche und Heiratsannoncen verlautbart wenig.

Doch während Zeitgeschichte und Thomas Belletristik unterbelichtet bleiben, stellt die Autorin Thomas Mysogynie klar heraus. Ebenso ausführlich dokumentiert sie Thomas Antisemitismus, nicht erst seit 1920 im Miesbacher Anzeiger, sondern schon Jahrzehnte früher.

An anderer Stelle bleibt die Biografin diskret. Thoma-Lebensfrau Marie/Maidi litt „viele Jahre… an einer unheilbaren Krankheit“ (S. 258), mehr sagt Schad dazu nicht. Marie/Maidi überlebte Thoma um rund 50 Jahre, doch der spätere Lebensgefährte Hans Förg taucht kaum auf (1x ganz am Ende).

Zeitsprünge:

Heftige Zeitsprünge kredenzt Historikerin Schad öfter mal; so erscheint auf Seite 33 ein Absatz über „Juni 1902“, dem folgt abrupt der „November 1919“. Der Zusammenhang tritt erst auf Seite 34 hervor.

Ein anderes Beispiel: Oben auf Seite 91 sind wir „Ende Januar 1907“, zwei Absätze weiter dann in „1933… 1942… 1941“.

Zwischen Teil 2 und  Teil 3 von 4 zerfällt die Chronologie endgültig:

  • Am Ende von Teil 2, auf Seite 185, wird Ludwig Thoma 1921 in Rottach-Egern zu Grab getragen, Lebensfrau Maidi von Liebermann ist „fassungslos“.
  • Auf Seite 205 in Teil 3 wird Thoma erneut begraben, auf Seite 205, diesmal ist Teilnehmerin Thinka Ganghofer „fassungslos“.

In Teil 3 erwartet man wohl das Nachleben seiner zweiten Lebensliebe Marie/Maidi (Marietta/Marion, Lebensliebe 1, wurde schon behandelt). Doch die Autorin springt zurück in die Jahre 1899, 1907, die Beziehung zur ersten Lebensliebe Marietta/Marion. Per que?

Die Zwischenüberschriften in Teil 3 lauten „Von Thoma bewundert und verehrt“ sowie „Von Thoma verachtet und verhöhnt“ – aber das beschreibt nur Ausschnitte dieses Bereichs, Schad bringt teils normale Biografie, teils inkohärente Aufsätze über Thoma-Zeitgenossinnen wie Lena Christ oder Rosa Luxemburg.

Damit wirkt das Buch unübersichtlich. Es entsteht nie der Eindruck eines Lebens und seiner Nachwirkungen.

Ebenso wie über den Verzicht auf Zeit- und Literaturgeschichte wundert man sich in dieser Aufstellung der Zeitgenossinnen über den weitgehenden Verzicht auf Männer. Diesen Filter setzt Schad fort, wenn sie im Zusammenhang mit der Ludwig-Thoma-Medaille nur „die Namen der weiblichen Preisträger“ nennt (interessant gegendert).

Zu enge Sicht:

Dass Schad nur über die Frauen schreibt und den sonstigen Thoma kaum beachtet, irritiert immer wieder:

  • So feiert Thoma einmal seinen Roman „Andreas Vöst“, lt. Schad ein „Höhepunkt seiner Autorenkarriere“ (S. 75) – doch weiter erfahren wir nichts vom Buch, weder Entstehung, Inhalt noch Rezeption.
  • Thomas Partnerin Marietta/Marion war Vorbild für die Halbinderin Cora in vier der sechs Tante-Frieda-Geschichten (Lausbuben 2), doch darüber redet die Biografin kaum.
  • Thoma „widmete“ Gustl Ganghofer die Lausbubengeschichte „Die Besserung“ (S. 201), doch auch hier bringt Schad kein Zitat, keinen Inhalt.

Sogar relevante Information unterschlägt Schad:

  • Sie schildert früh seitenlang, wie die hoffnungslos verliebte „Frau G.“ Thoma belagerte und sagt, Thoma habe die Verehrerin in seinem Schwank „Die Witwen“ in der „Figur der Gisela Werreck.. nachgezeichnet“ (S. 60) – doch Schad bringt kein einziges Werrek-Zitat aus den „Witwen“.
  • Seine erste große Liebe Marietta/Marion raubt Thoma praktisch aus den Armen ihres ersten Mannes, eines Impresarios, der damit auch seine Startänzerin verlor. Wie der Verlassene sich arrangierte, sagt die Biografin nicht.

Lustig:

In viel zu langen Briefzitaten raubt Thomas frauenverachtender Ton immer wieder den Atem, auch direkt gegenüber Frauen einschließlich Verlegergattin Dagny Björnson-Lange. Mitunter korrespondiert Thoma lt. Schad so „unflätig und zotenreich“, dass sie nicht daraus zitieren mag (S. 67).

Andererseits bringt Schad ein paar damals gedruckte Thoma-Witzchen und Gereimtes auf Kosten von Frauen, die mich laut zum Lachen brachten. Und die Liebesbriefe, in denen der scheinbar so kaltschnäuzige Thoma seiner Marietta/Marion und später seine Marie/Maidi süßhölzern hinterherschmachtet, verblüffen.

Innerlich und äußerlich frei:

Überdeutlich wird immer wieder, wie Thoma sich einen Kehricht um Autoritäten und Konventionen schert, er ist nach eigenem Bekunden „innerlich und äußerlich frei von allen Rücksichten auf Dutzende“, brüskiert auch die Frau seines Verlegers und lässt sechs Mahlzeiten/Tag auftragen.

Und beide Frauen seines Lebens bricht er aus bestehenden Ehen heraus, worunter der frühere Mann auch geschäftlich leidet, aber Thoma verhandelt jeweils mit ihm; er himmelt diese Frauen brieflich an und drückt ihnen eigene Namen auf (Maria/Marietta/Marion, Marie/Maidi).

Stil:

Biografin Martha Schad textet reizlos, teils etwas verschachtelt und mit überflüssigen rhetorischen Fragen (S. 14):

Wer war nun diese Viktoria Pröbstl?

Warum sagt sie’s nicht gleich?

Die Autorin bringt gelegentlich Dativ-e („dem großformatigen Bilde“, S. 73) und Schreibweisen wie „voll fibrierender Spannung“ (sic, ebf. S. 73) oder Ausdrücke wie „Stallungen wurden in einem Wohnhaus umfunktioniert“ (S. 258).

Wunderlich auch der Satz (S. 60):

Vor seiner Abreise aus München belog er offensichtlich seine Geliebte über die geplante Länge seines dortigen Aufenthalts

Richtig wären „Vor seiner Abreise nach Berlin“ und/oder „über die geplante Länge seiner Abwesenheit“.

Dazu kommen drollige Formulierungen wie (S. 87)

Es enthielt auch den Hinweis auf die für Marions Ehescheidung notwendige Bestätigung mangelnder Gravidität.

Doch Thoma erhielt dennoch… ((S. 85))

Doch hin und wieder mußte er doch… ((S. 116))

Zitierweise:

Die Autorin nennt häufig Zitaturheber nicht direkt beim Zitat, sondern verweist durch eine hochgestellte Ziffer am Zitat auf eine Endnote. Das ist umständlich. So steht auf S. 21 ein interessanter Ausspruch über Thoma. Wer den Sprecher erfahren will, muss zur Endnote 12 auf Seite 269 blättern. Und dort heißt es:

Wie Anm. 5, Seite 117.

Die Endnoten zum Haupttext um S. 117 herum finden sich dann einer anderen Seite. Was für ein Marathon, und warum nennt Schad nicht einfach den Sprecher im Haupttext, und warum produziert sie Querverweise innerhalb der Endnoten, sogar von vorn nach hinten (s.o.).

Manche Zitate erscheinen ganz ohne Urheber, etwa auf S. 53:

Ossip Schubin wird – allerdings in heutigen Literaturlexika – als „wertlose Vielschreiberin“ bezeichnet.

Wer sagte das? Eine hochgestellte Ziffer mit Verweis auf eine Quellenangabe fehlt nicht nur hier. Auch auf S. 116 steht ein psychologisierendes Zitat über die „geheimen Erwartungen“ der Eheleute Thoma – ganz ohne Urheber.

Einmal auch raunt die Biografin über Thoma+Maidi (S. 153):

Es war abzusehen, daß aus dieser Beziehung, die noch viele weitere, intime Facetten hatte, nie eine dauerhafte Bindung geworden wäre.

Was sie wohl damit meint?

Abbildungen:

Interessant: Als Titelbild der Biografie erscheint ein Slevogt-Gemälde, von dem lt. Schad viele nicht wissen, dass es Thomas Geliebte Marietta/Marion zeigt. Dazu kommen viele interessante SW- und einige Farbfotos auf Fotodruckpapier innen im Buch, darunter erneut die vom Titel bekannte Slevogt-Marietta (ich hatte das Pustet-Hardcover, die Ausgaben von Allitera- oder Monacensia-Verlag, teils „Weiberheld und Weiberfeind“  betitelt, kenne ich nicht).

Martha-Schad sprach mit Nachfahren der Hauptakteure und sah private Briefe der letzten Thoma-Geliebten Maidi von Liebermann ein. Daraus entsteht viel Drama bis Hysterie. Schad erwähnt ihre Recherchen kurz im Vorwort, schreibt aber nie aus der Entstehungszeit der Biografie heraus, sagt zum Beispiel nicht, wie es bei Manuskriptabgabe am Ludwig-Thoma-Haus aussieht. Dass/ob/wie Martha Schad neue Erkenntnisse ans Licht holte, betont sie kaum.

Freie Assoziation:

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