Kritik Nacherzählungen: Shakespeare erzählt, von Michael Köhlmeier (2004, Piper-Verlag) – 8 Sterne

Vergleich: Die Shakespeare-Nacherzählungen von Michael Köhlmeier (Piper-Verlag), Walter E. Richartz (Diogenes-Verlag) und Urs Widmer (Diogenes-Verlag Teil 2):

Alle Autoren erzählen William Shakespeares Dramen vollmundig eigenwillig, aber gut lesbar. Jedes Drama bringen sie auf rund 15 bis 22 Seiten zu Ende. Kein Autor bringt Interpretierendes, Historisches, Englisches und zumeist keine Zitate aus dt. Übersetzungen.

  • Michael Köhlmeier schreibt besonders eigenwillig und stakkato, bleibt dabei aber gut lesbar. Scheinbar hält er sich strenger ans Original, verzichtet aber wohl auf geflügelte Worte der jeweiligen Stücke. Köhlmeier schreibt eher chronologisch, die Handlung lässt sich gut verfolgen – für Shakespeare-Neulinge günstig. Die Geschichten ähneln sich in Ton und Struktur, jedoch erzählt Köhlmeier nur 11 Geschichten. (8 Sterne)
  • Walter E. Richartz flicht im Diogenes-Shakespeare-Band I scheinbar mehr geflügelte Shakespeare-Zitate ein (auf Deutsch), bringt mehr Details und Personal, erfindet aber auch erklärtermaßen mehr hinzu, so dass die Plot-Quelle nie ganz klar ist. Er erzählt die 19 Geschichten teils in Rückblenden oder aus Ich-Perspektive, und damit unübersichtlicher als Köhlmeier. Wer die Stücke nicht schon kennt, tut sich mit der Orientierung schwer. Ton und Struktur ändern sich von Geschichte zu Geschichte. (4 Sterne)
  • Urs Widmer erzählt im Diogenes-Shakespeare Band II deutlich übersichtlicher als Walter E. Richartz, dabei immer noch eigenwillig und gern vulgär. Widmer erzählt nur weniger bekannte Dramen, v.a. die Königsdramen u.a. aus England und der Antike. Ton und Struktur ähneln sich von Geschichte zu Geschichte. (5 Sterne)

Ihr eigenwilliger Erzählton unterscheidet die Autoren von den sachlichen Online-Nacherzählungen etwa bei Wikipedia, Get Abstract oder Dieter Wunderlich. Und nur so macht das Lesen Spaß; denn die nüchternen Nacherzählungen ermüden schnell, selbst wenn sie momentweise übersichtlicher wirken als Köhlmeier oder Richartz.

Schroffe Sätze:

Michael Köhlmeier schreibt schroff, eigenwillig mit kurzen Sätzen. Zwei Beispiele aus MacBeth:

Er hält keine lange Rede, kann er nicht und ist nicht nötig.

Muckertum ist die Folge.

Oder aus Julius Cäsar:

Cassius ist bitter. Casca ist bitter. Sie planen eine Verschwörung. Die planen sie schon lange. Ihre Pläne sind belanglos. Weil unrealistisch. Weil jeder…

Köhlmeier erzählt von elf bekannteren Dramen scheinbar nur die Haupthandlung und bleibt dabei stets übersichtlich, Plot und Konstellationen stehen klar vor Augen, und alle Geschichten erklingen ähnlich. Besonders fesselt Hamlet; auch der dialog-satte Julius Cäsar, in dem die Titelfigur Nebenfigur bleibt, beeindruckt.

Geflügelte Worte scheint Köhlmeier – bewusst? – nicht einzubauen, so steht in seinem Hamlet zwar „in Dänemark“, aber das Wort „faul“ fehlt nach meiner Übersicht. In diesem Stück steht nach meiner Erinnerung auch nichts vom „Nichtsein“, im Cäsar kein „Auch du, Brutus“.

Anachronismen:

Gelegentlich baut Köhlmeier Anachronismen ein, die mich störten:

  • Im Timon von Athen, lange vor Christi Geburt, teilt ein Dichter „nur Autographen, nichts Getipptes“ (S. 110)
  • In Wie es euch gefällt erwähnt er „Aktienfonds oder Wohnbaukredite“, „Supermärkte“, „ein Reihenhaus am Stadtrand“.

Beim Wintermärchen produziert der Erzähler überflüssige Vergleiche mit Othello und Jago (aus einem anderen Drama; doch die Geschichte muss stand-alone konsumierbar sein) und überflüssige Sätze wie „Polyxenes vögelt Hermione“ oder andernorts „einen Tritt in seinen Arsch“, also bitte. Österreicher Köhlmeier bringt vereinzelt auch Alpen-Regiolekt wie „Helena hatscht“, „rot wie ein Brennhafen“, „Herzenskammern ausweißeln“.

Mich irritierte die Schreibweise „niedermachen, mit Stumpf und Stil“ (sic, sonst keine Tippfehler im Buch), und gleich danach „der Stiel von der Pfanne“.

Insgesamt liefert Köhlmeier nur elf Shakespeares. Mir fehlten die Stücke Julius Cäsar und Der Widerspenstigen Zähmung; Timon von Athen hätte nicht sein müssen. Ich hatte die 4. Auflage Juli 2006. Auch das Hörbuch ist erfolgreich.

Persönliche Erklärung des Rezideppen:

Ich kannte Shakespeares Plots zuvor kaum und kann nicht beurteilen, wie präzise die Autoren nacherzählen.

Ich weiß, dass ich den Plot hier nicht kritisieren sollte, weil er von Shakespeare vorgegeben ist. Ich musste mich aber sehr über MacBeth und erneut über Othello wundern – zum einen angeblich erfolgreiche Feldherren und Massenmörder, andererseits weinerliche Weicheier, Warmduscher, Frauenversteher? Auch staune ich, dass Othello sowie Gloster aus Lear (und das Theaterpublikum) auf wunderliche Intrigen hereinfallen, bei denen sie zufällig nur einzelne Partikel eines Gesprächs belauschen und daraus falsche Schlüsse ziehen sollen.

Wirre Assoziation:

  • Der auffällige Ton des Erzählers, der für die Handlung keine Rolle spielt, das gibt’s auch bei den Brenner-Romanen von Wolf Haas
  • Michael Köhlmeier schreibt Romane und Gedichte, man kennt ihn aber eher wegen seiner Sagen-, Shakespeare- und Bibelbücher – ist das frustrierend? Und geht es Paul Theroux ähnlich, der Romane schreibt, den man aber eher wegen seiner Reisebücher kennt?
  • Shakespeare-Zitate Englisch-Deutsch recht übersichtlich, leider ohne Übersetzer-Angabe, bei Quotez

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