Kritik Nacherzählungen: Shakespeares Geschichten, von Urs Widmer (1980, Diogenes-Verlag) – 5 Sterne

Vergleich: Die Shakespeare-Nacherzählungen von Michael Köhlmeier (Piper-Verlag), Walter E. Richartz (Diogenes-Verlag) und Urs Widmer (Diogenes-Verlag Teil 2):

Alle Autoren erzählen Shakespeares Dramen vollmundig eigenwillig, aber gut lesbar. Jedes Drama bringen sie auf rund 15 bis 22 Seiten zu Ende. Kein Autor bringt Interpretierendes, Historisches, Englisches und zumeist keine Zitate aus dt. Übersetzungen.

  • Michael Köhlmeier schreibt besonders eigenwillig und stakkato, bleibt dabei aber gut lesbar. Scheinbar hält er sich strenger ans Original, verzichtet aber wohl auf geflügelte Worte der jeweiligen Stücke. Köhlmeier schreibt eher chronologisch, die Handlung lässt sich gut verfolgen – für Shakespeare-Neulinge günstig. Die Geschichten ähneln sich in Ton und Struktur, jedoch erzählt Köhlmeier nur 11 Geschichten. (8 Sterne)
  • Walter E. Richartz flicht im Diogenes-Shakespeare-Band I scheinbar mehr geflügelte Shakespeare-Zitate ein (auf Deutsch), bringt mehr Details und Personal, erfindet aber auch erklärtermaßen mehr hinzu, so dass die Plot-Quelle nie ganz klar ist. Er erzählt die 19 Geschichten teils in Rückblenden oder aus Ich-Perspektive, und damit unübersichtlicher als Köhlmeier. Wer die Stücke nicht schon kennt, tut sich mit der Orientierung schwer. Ton und Struktur ändern sich von Geschichte zu Geschichte. (4 Sterne)
  • Urs Widmer erzählt im Diogenes-Shakespeare Band II deutlich übersichtlicher als Walter E. Richartz, dabei immer noch eigenwillig und gern vulgär. Widmer erzählt nur weniger bekannte Dramen, v.a. die Königsdramen u.a. aus England und der Antike. Ton und Struktur ähneln sich von Geschichte zu Geschichte. (5 Sterne)

Ihr eigenwilliger Erzählton unterscheidet die Autoren von den sachlichen Online-Nacherzählungen etwa bei Wikipedia, Get Abstract oder Dieter Wunderlich. Und nur so macht das Lesen Spaß; denn die nüchternen Nacherzählungen ermüden schnell, selbst wenn sie momentweise übersichtlicher wirken als Köhlmeier oder Richartz.

 Königsdramen:

In Shakespeares Geschichten, Band II, erzählt Urs Widmer weniger bekannte Shakespeare-Stücke nach, die Historienstücke/Königsdramen, v.a. Römisches inkl. Julius Cäsar und englische Könige wie Richard II., Richard III., Heinrich IV., Heinrich V., mehrteilig Heinrich VI. sowie Heinrich VIII., nie länger als rund 15 Seiten.

Auf fällt, dass Widmer weniger schrill als Richartz aus dem ersten Diogenes-Band schreibt und vielleicht mit weniger Eigenerfindung. Er sagt selbst im Vorwort, er wolle

„gute“ Geschichten ((…)) schreiben, und solche, die man, jenseits von Fragen der literarischen Qualität, als Inhaltsangaben lesen kann. ((…)) Nicht jede Einzelheit kommt bei Shakespeare vor. Aber ich habe mir nie erlaubt, einen wesentlichen Handlungsstrang zu verändern.

Häufiger beginnt Widmer mit ermüdenden Verallgemeinerungen: ein bis zwei Seiten  Beschaulichkeit ohne erkennbaren Zweck, während Köhlmeier sofort medias in Handlung und Dialog geht.

Auch nach dem einleitenden Räsonnieren des Erzählers klingt etwa Widmers Julius Cäsar lahmer als bei Köhlmeier, dazu fast dialogfrei, wenn auch nicht so schrill wie bei Walter E. Richartz. Allerdings sagt auch Widmers Marcus Antonious (S. 59),

Hör mal… Lepidus ist ein altes Arschloch

In Antonius und Cleopatra schmettert Widmer stolz mindestens 4x das f-Wort heraus (u.a. S. 65), davon dreimal in einem Satz, an anderer Stelle 3x das Sch-Wort in einem Satz – m.E. keine gelungene Umsetzung Shakespearescher Derbheiten.

Rollende Köpfe:

Chronologisch schreibt auch Widmer nicht immer. So legt er den Timon von Athen als Rückblende aus Sicht der Nebenfigur Apemanthus an; sicher eine schriftstellerische Leistung, aber un übersichtlich. Nur in diesem Stück bringt Widmer einige unterhaltsame deutsche Verszeilen aus dem Drama.

Das Personenkarussell in Richard III. habe ich nicht verstanden, auch bei anderen vielgestaltigen Dramen fand ich das Wer-köpft-wen teils konfus, konnte Blutströme nicht auseinanderhalten; Coriolanus war dagegen leicht. In einer anderen Geschichte störte mich angesichts der sonstigen Sprachgewalt ein offenkundiges Englischrelikt wie (S. 21)

Troilus küsste Cressida, und ihre Abwehren schmolzen dahin.

Sehr verblüffend die „Pallisaden“, (sic, S. 31) und die Betonung „korrekter Ortografie“ (sic, S. 98).

Offenbar gibt es dieses Buch auch fest gebunden unter dem Titel Shakespeares Königsdramen, mit Zeichnungen von Paul Flora.

Persönliche Erklärung des Rezideppen:

Ich kannte Shakespeares Plots zuvor kaum und kann nicht beurteilen, wie präzise die Autoren nacherzählen. Von Widmer las ich nur gut die Hälfte des Buchs, u.a. alle mediterranen Geschichten, aus dem „England“-Teil nur Richard III., Heinrich VIII. und die Windsor-Weiber.

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