Buchkritik: Bauern: Bayerische Geschichten, von Lena Christ (1919) – 7 Sterne

Lena Christ erzählt viele kurze, unverbundenene, humoristische Anekdoten vom Dorf um 1918. Sie schwafelt nicht lang rum, sondern schreibt zackig knapp über ihre typischen Themen vom Bauernstand: Pokern und Schachern um die geldigste Hochzeiterin; Kälber, Ferkel, Hunde und Gockel; Streit mit dem Gespons, dem Nachbarn, der anderen Generation; uneheliche Kinder; Missachtung und Ausbeutung der Alten; Heirats- und Hundevermittler (“Schmuser”); (keine) Rückkehr aus dem Krieg; Statusgehabe der Bossbäuerin; Sterben, Erbschaft, Erbzank; Nachbarschaftsdiplomatie; Gier, Missgunst & Betrug.

Kalauer:

Fast immer erinnert der Ton an einen Bauernschwank, nur einmal wird Christ besinnlich. Und auffällig: Liebe, Triebe, Herz, Schmerz und dies und das figurieren gar nicht.

Lena Christ (1881 – 1920) schreibt erfreulich dialogreich und in der wörtlichen Rede mit viel drolligem und kreativem oberbayerischem Bairisch. Auch die Erzählstimme hat einen unterhaltsam bayerischen Einschlag samt manchmal triefender Ironie (“er liebt den Trunk zur guten Stund und noch mehr zur schlechten”). Die 17 Kurzgeschichten enden abrupt, keine hat mehr als fünf oder acht Seiten. Das liest sich federleicht.

Teils zu konstruiert:

Christ kredenzt zwar keine platten Bauernschwänke, und der Humor wird nie unfreiwillig. Aber so sozial scharfäugig wie ihre Rumplhanni sind die Bayerischen Geschichten nicht. Einzelne Stories wirken zu konstruiert, unrealistisch. Die Geschichte Lord wirkt wegen des Ich-Erzählers untypisch, auch sonst scheint hier ein anderer Ton zu herrschen; auch die Geschichte Dorfdummerl hat einen Ich-Erzähler, sonst aber den üblichen Lena-Christ-Sound.  

Freie Assoziation:

Lena Christ bei HansBlog.de:

1912

Erinnerungen einer Überflüssigen (7 Sterne)

Milieu: 1/4 Dorf, 1/4 Kloster, 2/4 München, u.a. Wirtshäuser, große Bürgerhochzeit

Besonders: Memoiren, nicht Fiktion

1913

Lausdirndlgeschichten (5 Sterne)

Milieu: Kinder und Erwachsene a.d. Dorf u.i.d. Stadt

Besonders: sehr kurze Geschichten aus Kinderperspektive

1914

Mathias Bichler (5 Sterne)

Milieu: Dorf, Pflegekinder, Kirchliches, Brauchtum, Walz im Alpenland

Besonders: Religiös märchenhafter Kinderbuchton, männl. Ich-Erzähler

1914/15

Unsere Bayern anno 14/15 (7 Sterne)

Milieu: 3/4 München, 1/4 Dorf; Auswirkung des Kriegs auf Heimat

Besonders: viele kurze nüchterne Geschichten; gutes Bairisch in Dialogen

1916

Die Rumplhanni (8 Sterne)

Milieu: 3/4 Dorf, 1/4 München, dort u.a. Gefängnis, Wirtshaus

Besonders: scharfe Dialoge, auch Erzählstimme im Dialekt, extra "bairisch"

1919

Bauern: Bayerische Geschichten (7 Sterne)

Milieu: Hofbesitzer auf dem Dorf

Besonders: viele kurze unverbundene humoristische Kurzgeschichten

1920

Madam Bäuerin (7 Sterne)

Milieu: Städter und Dörfler auf dem Dorf

Besonders: relativ breiter, schenkelklopfender Humor

Wie bei allen Büchern von Lena Christ oder auch aus Papua-Neuguinea hätte ich gern ein Glossar für fremde Ausdrücke und Sitten. Schon das "Jungfernkrönlein" (in Erinnerungen einer Überflüssigen und in Mathias Bichler) konnte ich mit Google nicht eindeutig klären. Und was sind "schwarze Blonde"? Meine Lena-Christ-Taschenbücher von dtv liefern keine Hintergründe.

Ausführlich kommentiert dagegen Walter Schmitz in Lena Christs Gesammelten Werken 1 – 3 im Süddeutschen Verlag (offenbar zumindest in der Auflage von 1988/89/90, evtl. nicht bei früheren Auflagen). Ich kenne davon nur den 2. Band mit Rumplhanni und Unsere Bayern – er liefert genaueste bi/bli/ografische Aufklärung, aber kein Oberbayerntumglossar.

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