Buchkritik: Unsere Bayern anno 14/15, von Lena Christ (1914/15) – 7 Sterne

Fazit:

Lena Christ liefert kurze, lebensnahe Vignetten voller Dialog aus den ersten Monaten des ersten Weltkriegs in München und auf dem Dorf – mal kabarettistisch, mal herzerwärmend, gelegentlich beklemmend; schlicht, und doch pfiffig, jedenfalls in den Auszügen der Gesammelten Werke (s.u.). Im Gegensatz zu ihren teils entflammten Figuren klingt die Erzählerin weder hurrapatriotisch noch pazifistisch; doch erklärte Kriegsgegner gibt’s bei ihr nicht, nur eine genervte Totengräberin, der die Bayernfahne „an gscheckatn Fetzn“ ist.

Die Erzählstimme ist weitgehend Hochdeutsch, die vielen Dialogzeilen schreibt Christ in entzückendem Münchner Bairisch. Das reden in einer Geschichte auch der „Himmelvater“, die „Himmelmutter“ und ihre Engel (trotzdem keine Anklänge an den Münchner im Himmel).

Die Russen kommen:

Teils entsteht Humor, weil die Leute jeden Schmarrn glauben (Wasser vergiftet, Russen kommen) und in Aktionismus (Männer) oder Panik (Frauen) ausbrechen. Teils enden die Geschichten pointenlos, teils mit einer warmherzigen Geste oder resigniert.

Schauplatz sind vor allem die „Münchnerstadt“ und Oberbayern: ausrückende oder paradierende Soldaten, Kriegsspiele der Kinder und immer wieder die Diskussionen der einfachen Leute in der Kirche und auf dem Friedhof, im Wirts- und Treppenhaus („die Frau Sekretär im weißen Unterrock und rosa Nachtjackerl“). Allerlei Lebensmittel werden knapp und/oder teuer – auch Bier.

Kriegsgrauen schildert Lena Christ (1881 – 1920) in naiv-bairischen Feldpostbriefen („d Franzosen müassen boarisch wern, ehnder gebn ma koan Ruah!“). Immer wieder berichtet Christ von weinenden Frauen und verstummenden Männern, wenn Söhne und Verlobte einrücken oder fallen.

Ausgaben:

Die Geschichten aus Unsere Bayern stehen heute meist in einem einzigen Buch. Sie erschienen jedoch zu Kriegsbeginn 1914/15 in drei kleinen Bänden – sie wurden „Lena Christs größter Publikumserfolg“, heißt es dazu im Anhang ihrer Gesammelten Werke des Süddeutschen Verlags von 1990. Sogar der König lud nach Lektüre die Autorin neugierig in den Wittelsbacher Palast, und 1916 erhielt Lena Christ das Ludwigskreuz.

Gleichwohl bringen die Gesammelten Werke die Geschichten nur deutlich gekürzt. Der Anhang der Gesammelten Werke nennt auf Seite 364 all die gestrichenen Seiten, insgesamt sicher an die 100.

Mehr als diese Auszüge in den Gesammelten Werken kenne ich von Unsere Bayern nicht, meiner Besprechung oben liegt also nicht der Gesamttext zugrunde. Nicht auszuschließen, dass Herausgeber Hans Schmitz gezielt schwächere, seichtere Vignetten rauswarf – und/oder besonders kriegerische Stücke, das legen die Überschriften in der Streichliste nah. Deutlich vollständiger ist offenbar Unsere Bayern im Allitera-Verlag, mit dem „Text der Erstausgabe von 1915 in drei Teilen“; dort kenne ich aber nur das IHV.

Freie Assoziation:

  • Wie der 1. Weltkrieg auf die Daheimbleibenden in Bayern wirkt, das schildert Lena Christ auch in der Rumplhanni
  • Zu ähnlicher Zeit in München, aber unter etwas besser situierten Leuten, spielt Ludwig Thomas Der Münchner im Himmel – und beide Bücher zeigen Münchner im Himmel
  • Hier wurde ich erst auf Lena Christ aufmerksam: Eine vergnügliche Lesung von Unsere Bayern im BR.
  • Kaum vorstellbar, dass zeitgleich mit Lena Christ auch Thomas Mann in town war (wenn nicht in Tölz) und hier Tod in Venedig und mehr schrieb

Lena Christ bei HansBlog.de:

1912

Erinnerungen einer Überflüssigen (7 Sterne)

Milieu: 1/4 Dorf, 1/4 Kloster, 2/4 München, u.a. Wirtshäuser, große Bürgerhochzeit

Besonders: Memoiren, nicht Fiktion

1913

Lausdirndlgeschichten (5 Sterne)

Milieu: Kinder und Erwachsene a.d. Dorf u.i.d. Stadt

Besonders: sehr kurze Geschichten aus Kinderperspektive

1914

Mathias Bichler (5 Sterne)

Milieu: Dorf, Pflegekinder, Kirchliches, Brauchtum, Walz im Alpenland

Besonders: Religiös märchenhafter Kinderbuchton, männl. Ich-Erzähler

1914/15

Unsere Bayern anno 14/15 (7 Sterne)

Milieu: 3/4 München, 1/4 Dorf; Auswirkung des Kriegs auf Heimat

Besonders: viele kurze nüchterne Geschichten; gutes Bairisch in Dialogen

1916

Die Rumplhanni (8 Sterne)

Milieu: 3/4 Dorf, 1/4 München, dort u.a. Gefängnis, Wirtshaus

Besonders: scharfe Dialoge, auch Erzählstimme im Dialekt, extra "bairisch"

1919

Bauern: Bayerische Geschichten (7 Sterne)

Milieu: Hofbesitzer auf dem Dorf

Besonders: viele kurze unverbundene humoristische Kurzgeschichten

1920

Madam Bäuerin (7 Sterne)

Milieu: Städter und Dörfler auf dem Dorf

Besonders: relativ breiter, schenkelklopfender Humor

Wie bei allen Büchern von Lena Christ oder auch aus Papua-Neuguinea hätte ich gern ein Glossar für fremde Ausdrücke und Sitten. Schon das "Jungfernkrönlein" (in Erinnerungen einer Überflüssigen und in Mathias Bichler) konnte ich mit Google nicht eindeutig klären. Und was sind "schwarze Blonde"? Meine Lena-Christ-Taschenbücher von dtv liefern keine Hintergründe.

Ausführlich kommentiert dagegen Walter Schmitz in Lena Christs Gesammelten Werken 1 – 3 im Süddeutschen Verlag (offenbar zumindest in der Auflage von 1988/89/90, evtl. nicht bei früheren Auflagen). Ich kenne davon nur den 2. Band mit Rumplhanni und Unsere Bayern – er liefert genaueste bi/bli/ografische Aufklärung, aber kein Oberbayerntumglossar.

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