Buchkritik: Madam Bäuerin, von Lena Christ (1919) – 7 Sterne – mit Video

Fazit:

Jungbauer Franz und „Stadtmamsell“ Rosalie wollen heiraten. Doch beide Mütter protestieren gegen eine Stadt-Land-Ehe; zudem ist Rosalie einem spröden Assessor versprochen.

Aus diesem schlichten Konflikt zimmert Lena Christ (1881 – 1920) eine alpenländische Romkom, einen heiteren Intrigantenstadl mit vielen vergnüglichen Sprüchen in derbem Bairisch. Die Autorin trägt den Humor etwas breit und schenkelklopfend auf – nie peinlich, aber auch nicht so pointiert und sozial aufschlussreich wie in ihrer Rumplhanni. Gelacht habe ich allemal öfter, und das passiert nicht bei allen „lustig“ gemeinten Texten.

Schachern und Pokern um geldige Hochzeiter:

Andere Qualitäten wahrt Lena Christ auch hier. So erzählt sie einigermaßen zügig ohne Geschwafel, ohne Tümelei oder Rührseligkeit und mit viel Dialog. Der Roman schließt markant mit einem gelungenen Einzeiler.

Ein paar Einblicke in Alltag und Denkweise der Landbevölkerung gibt’s dazu, nicht zuletzt das listige Schachern und Pokern um geldige Hochzeiter (Franz‘ Zukünftige „erheiratet ((…)) einen Bauernhof im Wert von mindestens achtzigtausend Mark und leichtlich an die zwanzigtausend Mark bares Geld“, S. 121 m. dtv-Ausgabe). Dazu kommen verblüffende Wortbildungen („O du Stadtschnappen, du zahnete“; „du Lalln, du zahnluckete“).

„Wie die Geißen aus dem Stall“:

Wie üblich schildert Lena Christ Männer einnehmender als Frauen, die bei ihr oft hysterisch, berechnend und pompös auftreten („das Scherzen der Burschen und das Kreischen der Maidln“, S. 114; „wie die Geißen aus dem Stall ((…)) wie eine Herde Gänse“, S. 123). Aufdringlich strahlende Ausnahmefrau ist Städterin Rosalie. Der selbstverhängte Priviatlockdown der Schiermoserin im letzten Fünftel wirkt unrealistisch.

Die 1993er TV-Verfilmung von Franz Xaver Bogner (Video unten) mit Julia Stemberger, Hannah Schygulla und Franz Xaver Kroetz scheint deutlich von der Romanvorlage abzuweichen (Wiki, Amazon).

Freie Assoziation:

  • Natürlich erinnert der Bauernteil an die Romane und Memoiren von Oskar Maria Graf.
  • Viele Motive erinnern an andere Lena-Christ-Romane; so gibt’s eine überfallartige Verlobung in kleinem Kreis auch in den Erinnerungen einer Überflüssigen, und das Dorfleben erinnert an die Rumplhanni (dort ist es besser); auch die Schiermoser-Hofbesitzer aus Madam Bäuerin erinnern deutlich an die Hauser-Hofbesitzer aus der Rumplhanni: eine standesbewusste, leicht zänkische Bäuerin und ein geruhsamer, abwägender Ehemann
  • Lena Christs Bayerische Geschichten klingen deutlich nach Madam Bäuerin, und in beiden Büchern gibt’s Schiermoserbauern (nicht verwandt oder verschwägert)
  • Die Oberbayernbauerndoku Das Ei ist eine gschissene Gottesgabe

Lena Christ bei HansBlog.de:

1912

Erinnerungen einer Überflüssigen (7 Sterne)

Milieu: 1/4 Dorf, 1/4 Kloster, 2/4 München, u.a. Wirtshäuser, große Bürgerhochzeit

Besonders: Memoiren, nicht Fiktion

1913

Lausdirndlgeschichten (5 Sterne)

Milieu: Kinder und Erwachsene a.d. Dorf u.i.d. Stadt

Besonders: sehr kurze Geschichten aus Kinderperspektive

1914

Mathias Bichler (5 Sterne)

Milieu: Dorf, Pflegekinder, Kirchliches, Brauchtum, Walz im Alpenland

Besonders: Religiös märchenhafter Kinderbuchton, männl. Ich-Erzähler

1914/15

Unsere Bayern anno 14/15 (7 Sterne)

Milieu: 3/4 München, 1/4 Dorf; Auswirkung des Kriegs auf Heimat

Besonders: viele kurze nüchterne Geschichten; gutes Bairisch in Dialogen

1916

Die Rumplhanni (8 Sterne)

Milieu: 3/4 Dorf, 1/4 München, dort u.a. Gefängnis, Wirtshaus

Besonders: scharfe Dialoge, auch Erzählstimme im Dialekt, extra "bairisch"

1919

Bauern: Bayerische Geschichten (7 Sterne)

Milieu: Hofbesitzer auf dem Dorf

Besonders: viele kurze unverbundene humoristische Kurzgeschichten

1920

Madam Bäuerin (7 Sterne)

Milieu: Städter und Dörfler auf dem Dorf

Besonders: relativ breiter, schenkelklopfender Humor

Wie bei allen Büchern von Lena Christ oder auch aus Papua-Neuguinea hätte ich gern ein Glossar für fremde Ausdrücke und Sitten. Schon das "Jungfernkrönlein" (in Erinnerungen einer Überflüssigen und in Mathias Bichler) konnte ich mit Google nicht eindeutig klären. Und was sind "schwarze Blonde"? Meine Lena-Christ-Taschenbücher von dtv liefern keine Hintergründe.

Ausführlich kommentiert dagegen Walter Schmitz in Lena Christs Gesammelten Werken 1 – 3 im Süddeutschen Verlag (offenbar zumindest in der Auflage von 1988/89/90, evtl. nicht bei früheren Auflagen). Ich kenne davon nur den 2. Band mit Rumplhanni und Unsere Bayern – er liefert genaueste bi/bli/ografische Aufklärung, aber kein Oberbayerntumglossar.

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