Buchkritik: Erinnerungen einer Überflüssigen, von Lena Christ (1912) – 7 Sterne

Dieses Buch bietet genug Anlässe, es aus dem Fenster zu werfen: eine kitschig-idyllische oberbayerische Kindheit mit Karikaturdörflern; das Personal ein krasses Schwarzweiß aus bösartigen Monstern (u.a. die Mutter der Ich-Erzählerin) und Herzensguten (viele Fremde, aber zufällig auch die Ich-Erzählerin und ihr Opa); viele Seiten in einem absurd bigotten Kloster.

Doch die Memoiren bezaubern mit liebreizendem Bairisch (nur in den zahlreichen Dialogen, kaum in der Erzählstimme), mit reizvollen Einblicken in versunkenene Welten; und Autorin Lena Christ (1881 – 1920) präsentiert auch Figuren mit Zwischentönen – so bei der platonischen Romanze mit einem katholischen Geistlichen. Christ erzählt zudem wie immer kurz angebunden, ohne ein Wort zuviel und unsentimental, ohne romantische Anwandlungen zu verschweigen. Trotz all des Elends klingt sie zumeist nicht wehleidig.

Freie Assoziation:

  • Frühe Kindheit auf dem Dorf, dann der Wechsel in die Stadt zur Mutter aller Grauen – wie in Lena Christs Lausdirndlgeschichten
  • Das ausführliche Landleben in Lena Christs Rumplhanni erinnert an das kurze Landleben in den Erinnerungen einer Überflüssigen, auch wenn die Hauptfiguren unterschiedlich alt sind; ebenso findet in beiden Büchern eine beliebte Wirtsmagd im Wirtshaus ihren Hochzeiter
  • Eine Autorin wurde als Kind kleingehalten und schreibt nun ihre teuflisch-dominante Mutter in Grund und Boden, da dachte ich auch an Bücher von Paula Fox (v.a. die ländlichen Jugendmemoiren In fremden Kleidern) und von fern an Paul Theroux‘ Mutterland
  • Natürlich erinnern die Erinnerungen einer Überflüssigen an die oberbayerischen Romane von Oskar Maria Graf – wegen der Eisenbahn in beiden Büchern nicht zuletzt an Grafs Bahnvorsteher Bolwieser
  • Auf HansBlog.de: Warum ich *diese* Autobiografien *trotzdem* lese

Lena Christ bei HansBlog.de:

1912

Erinnerungen einer Überflüssigen (7 Sterne)

Milieu: 1/4 Dorf, 1/4 Kloster, 2/4 München, u.a. Wirtshäuser, große Bürgerhochzeit

Besonders: Memoiren, nicht Fiktion

1913

Lausdirndlgeschichten (5 Sterne)

Milieu: Kinder und Erwachsene a.d. Dorf u.i.d. Stadt

Besonders: sehr kurze Geschichten aus Kinderperspektive

1914

Mathias Bichler (5 Sterne)

Milieu: Dorf, Pflegekinder, Kirchliches, Brauchtum, Walz im Alpenland

Besonders: Religiös märchenhafter Kinderbuchton, männl. Ich-Erzähler

1914/15

Unsere Bayern anno 14/15 (7 Sterne)

Milieu: 3/4 München, 1/4 Dorf; Auswirkung des Kriegs auf Heimat

Besonders: viele kurze nüchterne Geschichten; gutes Bairisch in Dialogen

1916

Die Rumplhanni (8 Sterne)

Milieu: 3/4 Dorf, 1/4 München, dort u.a. Gefängnis, Wirtshaus

Besonders: scharfe Dialoge, auch Erzählstimme im Dialekt, extra "bairisch"

1919

Bauern: Bayerische Geschichten (7 Sterne)

Milieu: Hofbesitzer auf dem Dorf

Besonders: viele kurze unverbundene humoristische Kurzgeschichten

1920

Madam Bäuerin (7 Sterne)

Milieu: Städter und Dörfler auf dem Dorf

Besonders: relativ breiter, schenkelklopfender Humor

Wie bei allen Büchern von Lena Christ oder auch aus Papua-Neuguinea hätte ich gern ein Glossar für fremde Ausdrücke und Sitten. Schon das "Jungfernkrönlein" (in Erinnerungen einer Überflüssigen und in Mathias Bichler) konnte ich mit Google nicht eindeutig klären. Und was sind "schwarze Blonde"? Meine Lena-Christ-Taschenbücher von dtv liefern keine Hintergründe.

Ausführlich kommentiert dagegen Walter Schmitz in Lena Christs Gesammelten Werken 1 – 3 im Süddeutschen Verlag (offenbar zumindest in der Auflage von 1988/89/90, evtl. nicht bei früheren Auflagen). Ich kenne davon nur den 2. Band mit Rumplhanni und Unsere Bayern – er liefert genaueste bi/bli/ografische Aufklärung, aber kein Oberbayerntumglossar.

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