Fazit:
Paul Theroux gelingt ein stimmungsvoller, atmosphärischer Roman (reine Fiktion) mit spannenden Dialogen, Details, Konflikten, Querbezügen und lebendigen Protagonisten – teils meisterlich, teils geborener Erzähler. Der Autor bringt jedoch zu viel Belehrung, Kolonialsprech und Altherrenerotik.
Filmi filmi:
Der Mann kann erzählen, einerseits; man fühlt sich sofort in einem Historienfilm von Merchant-Ivory:
She remained in the doorway, the last light of day glowing through her dress, outlining her slender body, as she spoke from under the shadow of her hat… they’d made love in a four-poster under the iridescence of a sunset on the bedroom wall, and afterward she stood naked facing the long mirror
Paul Theroux liefert spannende Dialoge und psychologische Einblicke in einen vergrübelten Außenseiter, einen Mitläufer, dem diese Rolle immer schwerer fällt. Doch teils wird der Autor zu didaktisch, flicht zu viel indischen Kolonialismus ein, burmesische Kultur, karikiert Rassismus und Brutalität der englischen Kolonialisten aufdringlich. Auch die Verwandlung von Eric Blair zu George Orwell, seine zunehmende Ablehnung des Systems und der Wunsch zu schreiben erscheinen etwas mechanisch eingeführt, vielleicht geht es aber nicht anders.
Es gibt in der ersten Hälfte und darüber hinaus kaum Plot, keinen zentralen Konflikt, keine erkennbar handlungstiftende Begegnung; Theroux erzeugt atmosphärische Stimmungsbilder an immer neuen Standorten der Kolonialverwaltung. Hauptfigur Eric Blair (George Orwell) ist dabei ziemlich langweilig. Freilich ploppen einzelne Begegnungen und Dialoge hunderte Seiten später wieder auf, erhalten neue Bedeutung.
Spannung entsteht lediglich aus Blairs Bekanntschaften mit Nichtbioweißen und zunehmender Gegnerschaft zum Kolonialregime, dem er selbst als kleiner und manchmal widerlicher Polizist dient; er muss sich ständig verstellen und Dinge verbergen. Doch diesen Widerspruch der Hauptfigur zum räuberischen Kolonialismus und zum eigenen Denken betont Paul Theroux zu deutlich.
Ein bisschen Ehebruch bringt Leben in die Bude, und Blair will seine umtriebigen Halbblut-Verwandten verzweifelt vor den englischen Kollegen verheimlichen – Anlass für etwas Drama.
Pukka sahib und burra memsahib:
Snobistisch referiert Paul Theroux in meiner englischen Originalausgabe unübersetzte Fremdsprachen wie Hindi und Birmanisch sowie Idiome wie Schottisch oder Altmodisches und Kolonial-Englisch:
”We’re low on grog, down to our last buckshee ration of gin, confiscated from the evidence locker… A history sheeter would have scarpered… poodle-faking… popinjay… a mali lazily clawing at the driveway with a mamoti…”
Immer wieder “pukka sahib“ und “burra memsahib“. Viele der kolonialen, militärischen, historischen Phrasen bestehen aus mehreren Wörtern, die man nicht einfach im Wörterbuch nachschlägt – ich habe die KI befragt, ich brauchte sie mehr als bei jedem anderen Buch überhaupt.
Direkt im Romantext erwähnt Paul Theroux den Hobson-Jobson, das bekannte Wörterbuch für Kolonial-Englisch. Vermutlich hat Theroux sich ausführlich daraus bedient – das Posieren des Autors mit diesen historischen, exotischen Ausdrücken bremst den Lesefluss meiner englischen Ausgabe. Es gibt kein Glossar, keine Landkarte, keine Stadtpläne.
Alternative Fakten:
Über Eric Blair (George Orwell) und sein Umfeld in Burma schreibt Paul Theroux immer wieder bewusst oder nachlässig Falsches, weit über die historisch nicht belegten Sexkapaden hinaus.
Ein langer Aufsatz bei der George Orwell Society findet bei Paul Theroux viele historische Abweichungen und resümiert:
The novel was more fiction than biography or history…
Theroux hat vermutlich die myanmarischen Örtlichkeiten auch nicht zeitnah besucht, wenn überhaupt jemals.
Dichtung und Wahrheit:
Fiktionalisierte Biografien und Biopics faszinieren und frustrieren. Theroux implementiert viel Fiktion – das frustriert ähnlich wie das ahistorische Ende des Margaret-Mead-Romans Euphoria von Lily King.
Schreiben die Romanciers bewusst alternative Fakten, um die Forderung nach Historizität eindeutig wegzuwischen? Freilich, nur durch hinzuerfindendes Ausmalen können Autoren einen opulenten Roman hinstellen – und Paul Therouxs Buch ist definitiv opulent; aber sollten Autoren dann nicht auf bekannte historische Namen verzichten und jeden aufdringlichen Hinweis auf Ähnlichkeit vermeiden?
Theroux hat offenbar gründlich recherchiert, exzerpiert, reflektiert, komponiert – und imaginiert, bevor er uns Burma Sahib präsentierte. Am Ende kennen wir scheinbar George Orwell, vormals Eric Blair; nein, wir kennen nur eine Romanfigur.
Alterswerk:
Wie in anderen Büchern schildert Paul Theroux die Püffe heißer Länder. Zudem erfindet er die verheiratete Mrs Jellicoe – eine Buch- und Fickfreundin, ein feuchtwarmer Männertraum, versaut und sophisticated, eine Leserin! Dazu sagt Claudia Fuchs, Jahrgang 1967, (altersmild?) im SWR:
Diese erotischen Altmännerfantasien mag man einem inzwischen 84-jährigen Autor nachsehen, dem mit diesem Alterswerk doch eine Menge gelungen ist: glaubwürdige, lebendige Dialoge, eine spannende Handlung, die über 600 Seiten trägt, und die Beschwörung einer verschwundenen Welt
Einmal will die Hauptfigur das Gespräch mit einem schmierigen Kolonialsoldaten vermeiden und fürchtet:
He’d start soon on tarts
Genau das fürchtet man auch beim Autor Paul Theroux, speziell wenn die Geschichte in Hotcountryhausen spielt. Aber die Püffe sind immer noch besser als Therouxs Schilderung der leichenfressenden Ratten – und der Soldaten, welche diesen Anblick lässig beim Frühstück kommentieren. Man fragt sich, ob Theroux mit ihnen konspiriert.
Später betont der Autor – augenzwinkernd? – ”furious obscenities“ und ”hideous details” in den Kriegserzählungen seiner Protagonisten. Auch einen Tod durch Galgen nebst zynischer Kommentare der englischen Aufseher gönnt uns Paul Theroux.
George Orwell war 1922 bis 1927 in Burma (heute Myanmar). Einige Gedanken Eric Blairs sprachen mich direkt an:
What a frightful tangle of lies one has to tell in order to be left alone… „I have standards… sadly, I don’t always live up to them”
Anspielungen:
Einiges in diesem kolonialen Männermilieu ist anzüglich bis versaut, ohne dass heutige Leser und Nicht-Muttersprachler sofort durchblicken. Dazu kommen Anspielungen auf die Werke von George Orwell, Shakespeare, Kipling und D.H.Lawrence, am Rand Joseph Conrad, die Hauptfigur liest H.G. Wells, Maughams Chinese Screen sowie Casuarina Tree und Forsters Passage to India.
Einmal fragt sich die Hauptfigur, und zitiert dabei einen späteren Buchtitel von Bruce Chatwin: “What am I doing here?“ Ein Kapitel bei Theroux heißt Seeley’s Folly, sicher eine Anspielung auf Joseph Conrads Almayer’s Folly. Einmal imaginiert sich die Hauptfigur ”on the bummel“ – vielleicht eine Anspielung auf das englische Reisebuch Three Men on a Bummel/Drei Männer auf Bummelfahrt, von Jerome K. Jerome (1900).
Theroux bringt auch die Handlung aus George Orwells Elefantengeschichte; die ist nicht eindeutig historisch belegt – aber sehr bekannt (Wiki). Ich hätte es noch cooler gefunden, die Episode zu ignorieren. Aber sie passt gut in die aufdringlich geschilderte geistige Abkehr vom Kolonialismus; Theroux erweitert Orwells Erzählung signifikant.
Weitere Assoziation:
- Natürlich Tage in Burma von George Orwell (von Theroux ausführlich verwendet) und die exzellente moderne Recherche dazu, Finding George Orwell in Burma von Emma Larkin (sie sollte es mit Blick auf den Roman von Paul Theroux und die aktuelle Lage in Myanmar neu recherchieren)
- Nebenfiguren reden unübersetztes Hindi, das ich dank meiner Bollywood-Vergangenheit gut verstand
- In früheren Büchern hat sich Paul Theroux an V.S. Naipaul abgearbeitet; diesmal also an einem anderen großen Autor, womöglich wieder neidzerfressen. Historische Reiseberichte und Biografien kommentiert und bevorwortet Theroux ohnehin gern, so auch die Orwell-Biografie von Jeffrey Meyers
- William Boyd lobte dieses Buch von Paul Theroux. Beide schrieben Romane über heiße Länder, ohne dort gewesen zu sein (Boyd unter anderem über die Philippinen und über Ostafrika)
- Weitere Fiktion von Paul Theroux über Südostasien: Saint Jack (Singapur), Kowloon Tong (Hongkong), The Consul’s File (Malaysia)
- Das Treiben mit der sinnenfrohen Mrs Jellicoe erinnert vag an die Engländer im kolonialkenianischen Happy Valley der 1920er
- Entfernte Verwandtschaft zu den englischen Kolonialisten im historischen Malaya von Maugham
- Tiefgehender, kritischer Faktenabgleich bei der Orwell Society
- englischer Rezensionsspiegel bei Complete Review
- Wieder einer dieser Romane, die in der englischen und deutschen Ausgabe gleich heißen
- Die Zeile Bye-Bye Blackbird taucht auf, die mich nicht an das bekannte Lied, sondern an eine Autobiografie erinnerte: “Bye-Bye Blackbird: An Anglo-Indian Memoir“ von Peter Moss
- Winston Churchill wird kurz erwähnt
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