Rezension Biografie: Richard Avedon, What Becomes a Legend Most, von Philip Gefter (2020) – 7/10

Den Menschen Richard Avedon lernt man nur teils kennen, dachte ich in der ersten Buchhälfte: Dort beschreibt Gefter einen endlosen Promi-Reigen – Fotomodelle, Filmstars, Politiker (noch keine Supermodels) – und wie Avedon sie im Studio und on location handhabte, wie man dinierte und zelebrierte. Zu den bekanntesten Künstlern, mit denen Avedon auch arbeitete, zählen Diane Airbus, ihre Tochter Doon Arbus, Truman Capote, Andy Warhol, Harold Brodkey und der einstige Mitschüler James Baldwin; auch Leonard Bernstein war ein Freund.

Besonders interessant ist die fragile Zusammenarbeit mit dem distanzierten Fotokurator John Szarkowski vom Museum of Modern Art: Gefter zitiert und interpretiert den heiklen Briefwechsel. Vom Liebesleben und homosexuellen Neigungen hören wir außer Andeutungen zunächst wenig. In der zweiten Hälfte wird das Buch mit seinen gut recherchierten rund 570 Seiten Haupttext (plus Anhang) deutlich persönlicher.

Gefter sagt kaum etwas über Avedons Fototechnik, ein paar Mal fallen die Ausdrücke Rolleiflex, Hasselblad und Deardorff. Wie Avedon in der Praxis ausgerechnet mit der umständlich zu ladenden Deardorff-Großformatkamera seine Porträts erlangte, verrät Gefter nicht. Ebenso wenig, wie er neben der Deardorff stehend auslöste wenig oder ob Avedon seine Porträts mit der Perspektivkorrekturdieser Kamera gezielt verzerrte. Nichts über Filme, Papiere und Beleuchtung (ein Studio hatte ein Oberlicht). Wir hören, dass Avedon seine Riesendrucke im Labor an die Wand projizierte und seinen Laboranten noch kompliziertes Abwedeln und Nachbelichten aufgab. (Einen Avedon-Probedruck mit einem Dutzend Tonwertkorrekturanweisungen an den Laboranten sieht nur im Bildband Evidence.)

Ein paar Dinge kehren immer wieder:

  • das Zitat “every wrinkle, stubble, wen and nervous tick”, gelegentlich auch variiert
  • Robert Frank, August Sander
  • Avedons Ringen mit Homosexualität, Jüdischsein und Antisemitismus
  • Name-dropping, Luxusgeprotze und Statushuberei samt
  • Concorde, Kaviar und ”one of the best Restaurants in New York”
  • ob Fotografie Kunst ist und ob Avedon Kunst ist und der Unterschied zwischen inszenierter und nicht inszenierter Fotografie

Dabei hält Philip Gefter Fotografie ganz offenbar für Kunst und Avedon für einen exzellenten Künstler, auch wenn er das selten ausformuliert. Erstmals auf Seite 270 erklingt ernsthafte künstlerische Kritik an Avedon – an der Zusammenstellung seines Buchs Nothing Personal.

Ausführlich behandelt die Biografie alle großen Ausstellungen Avedons von New York bis Berkley – wie er alles selbst plante, dazu Modelle der Ausstellungsräume mit Miniaturen seiner Bilder pflasterte, und die teils niederschmetternde Reaktion der Hochpresse (sie erkannte ihn nicht als Kunstschaffenden an).

Bilder:

Meine englische Hardcover-Ausgabe hat zwei Schwarzweiß-Fotodruckteile, die jedoch nur Familienbilder und Arbeitsfotos aus dem Studio und on location zeigen – und kein einziges Foto, mit dem Avedon berühmt wurde, zudem keine Autografen, keine Doppelseiten aus  Bildbänden oder Magazinen und keine Dokumentation von Ausstellungen, die Avedon stets so gründlich plante.

Stattdessen beschreibt der Autor viele Bilder über viele Zeilen hinweg, um sie anschließend zu kommentieren – etwas ermüdend. Man kann sich diese Fotos zwar online zusammenkratzen oder ein dickes Extra-Buch kaufen wie Evidence, aber das bleibt mühsam. Viel besser in dem Punkt ist die vierteilige Picasso-Biografie von John Richardson, die zum Text zahllose Picasso-Werke abbildet – und Arbeitsfotos auch.

Mein Lieblingsmoment im Buch:

1949 bekommt Richard Avedon 25.000 Dollar vom Life-Magazin und fotografiert 6 Monate lang New York statt schöner Frauen. Anschließend gibt er das Geld zurück, weil er mit seinen Bildern und dem Genre nicht zufrieden ist.

Mein Lieblingssatz im Buch: Avedon fotografiert einen Sikh in New York und sagt:

”We are all refugees.”

Der überraschendste Satz im Buch ist der letzte überhaupt am Ende des Dankworts auf Seite 573:

Finally, and deeply, thank you, Richard, …

Redet er von Avedon? Der Satz geht weiter:

…, my husband…

Stil:

Philip Gefter schreibt leicht lesbar, auch feuilletonistisch, wie man es vielleicht von einem Journalisten der New York Times erwartet. Mir gefielen die eleganten, überraschenden und doch stimmigen Themenwechsel.

Der Autor textet aber auch für die bildungsbürgerliche Galerie, produziert innerhalb weniger Zeilen die Ausdrücke

Proustian, petit madeleine, halcyon, syllogistic

Einmal schreibt er über Avedons vielleicht erfundene Jugendgeschichten,

each anecdote fashioned with a certain je ne sais quoi to suggest in retrospect the clever precocity and quiet derring-do of the nascent artist.

Gut gesäuselt.

In den Jugendkapiteln fällt mehrfach auf, wie Gefter interessante Dinge erst im Nachhinein sagt. So belegt der Jugendliche Richard Avedon Kurse in Bildhauerei, Tanz und Malen – aber wir hören erst Kapitel später davon. Ein anderes Beispiel: Gefter schreibt ein paar Seiten über Avedons Zeit als Fotoassistent bei der Handelsmarine, kommt dann zu Avedons ersten Jobs als freier Fotograf und erwähnt

the Rolleiflex his father had given him when he enlisted 

– also Jahre vor dem erzählten Zeitabschnitt.

Assoziation:

  • Dorothy Parker tagte nah am Zuhause des jugendlichen Richard Avedon, von ihm bewundert und in einem Schul-Essay beschrieben, im Algonquin-Hotel in Manhattan
  • Colette taucht mehrfach nebenbei auf, sie wie auch Avedon hatten Beiträge in derselben Ausgabe des Harper’s Bazaar
  • Avedon porträtierte HansBlog-Heldin Tania Blixen/Isak Dinesen, eins seiner bekanntesten Bilder
  • Avedon arbeitete mit Judith Thurman (Kennenlernen nur in besten Restaurants), die einst auch eine Biografie über Tania Blixen und eine weitere über Colette schrieb
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