Tag Archive for Kurzgeschichten

Kritik Erzählung: Freya von den Sieben Inseln, von Joseph Conrad (1912, engl. Freya of the Seven Isles) – 7 Sterne

Dieser Ich-Erzähler berichtet sehr sicher und gefällig, wie ein Seebär beim Cognac, man folgt der Geschichte gern. Die beginnt freilich auch zu malerisch: Die schöne Freya im Haus überm Meer spielt auf dem Klavier, und ihr Galan Jasper reist per Zweimaster an. Freyas wohlmeinender Kapitänvater retiriert derweil verständnisvoll auf die hintere Veranda. Der Ton ist…

Kritik frühe Kurzgeschichten: Geschichten der Unrast, von Joseph Conrad (1898, engl. Tales of Unrest) – 7 Sterne

Fazit: Joseph Conrad (1857 – 1924) präsentiert in fünf frühen Kurzgeeschichten äußerst gemischte Themen, Kulissen, Stile und Wortzahlen – vielleicht nicht ideal für einen Kurzgeschichtenband, aber zu ähnlich sollen die Geschichten ja auch nicht klingen. Zu den Themen gehören: Rasend Verliebter bringt unschuldige Nahestehende zu Tod und ist darob unhappy ever after (2x). Weiße Handelstreibende…

Kritik Kurzgeschichten: Heiraten (Ehegeschichten), von August Strindberg (1884, 1886) – 7 Sterne

August Strindberg (1849 – 1912) schreibt schnarrig unwirsch sarkastisch über Ehe-Alltag. Der beginnt oft mit blumigen Illusionen und enttäuscht schon bald bitter. Entscheidungen und Wendungen bahnt Strindberg nicht einfühlsam an; er verkündet sie nassforsch im Kasernenton: „Es setzte eine heftige Reaktion ein“, so beginnt etwa der Umschwung in der Geschichte Zweikampf. Öfter wollen Gockelmänner mit…

Kritik: Die Dame mit dem Hündchen, Erzählungen 1897 – 1903, von Anton Čechov – 7 Sterne

In diesem vierten und letzten Band seiner gesammelten Erzählungen schreibt Anton Tschechow (Anton Čechov, 1860 – 1904) kenntnisreich und einfühlsam über das Leben geschundener Bauern und Tagelöhner – mit Intrigen und Gaunereien wollen sie das Überleben sichern. Nicht besser sind aber auch die Krämer, die Beamten und die Fabrikanten. Positiv ist wenig. Tier- und Pflanzenwelt,…

Kritik Kurzgeschichten: Eine letzte Liebschaft, von Richard Yates – 7 Sterne

Dieser Band enthält Yates-Stories, die in den USA nie oder zumindest nicht zwischen Buchdeckeln erschienen, die jetzt aber auch auf Englisch in Yates‘ Collected Stories herauskamen. Offenbar basieren die meisten Geschichten auf Yates‘ eigenem Leben: biografische Skizzen zum Autor lesen sich wie die Zusammenfassung einer Yatesschen Kurzgeschichte, und die Themen kehren auch in Yates‘ Romanen…

Kritik Kurzgeschichten: Verliebte Lügner, von Richard Yates (1982, engl. Liars in Love) – 7 Sterne

Diese Kurzgeschichtensammlung gibt es auch auf Englisch als Teil der Collected Short Stories von Richard Yates. Weitere deutsche Kurzgeschichten – mit etwas anderem Charakter – stehen in den Bänden Elf Arten der Einsamkeit und Eine letzte Liebschaft. Häufig geht es um Geschiedene, um deren Kinder, um ambitionierte Künstler in demütigenden Kommerzjobs, meist in und um…

Kritik Kurzgeschichten: Elf Arten der Einsamkeit, von Richard Yates (1962, engl. Eleven Kinds of Loneliness) – 9 Sterne

Yates schreibt lakonisch über kleine Leute in New York und den Vororten, mit hochrealistischen Dialogen – ohne Effekthaschen, aber als ob er sie genau so selbst vernommen hätte. Oft geht es um Unangenehmes – Hintergedanken, Sorgen. Männer blähen sich auf und sind schnell gekränkt. Teilweise ist das besser als in Yates‘ besten Romanen. Amazon-Werbelinks: Richard…

Kritik Kurzgeschichten: Ernest Hemingway: The Collected Stories – 7 Sterne

Der Sammelband enthält die Hemingway-Kurzgeschichten der ursprünglichen Bände in our time (kleingeschrieben), In Our Time (großgeschrieben, und in our time mit enthaltend), Men Without Women und Winner Take Nothing sowie danach veröffentlichte Geschichten wie Snow on the Kilimanjaro und The Short Happy Life of Francis Macomber. Die Einleitung schrieb James Fenton, der die Geschichten auswählte.…

Kritik Kurzgeschichten: Männer ohne Frauen, von Ernest Hemingway (1927, engl. Men without Women) – 7 Sterne – mit Video

Der kurze Band bringt nicht weniger als 14 Kurzgeschichten auf knapp 130 Seiten (ich hatte die engl. TB-Ausgabe von Triad Grafton und kann Eindeutschungen nicht beurteilen). Einige dieser short stories gelten als Meisterwerke des Kurzgeschichtenhandwerks überhaupt. Die Geschichten spielen u.a. in Spanien, Italien, Schweiz, USA und Chicago vor allem unter harten Männern – Jäger, Boxer,…

Kritik Kurzgeschichten: Von Männern, die keine Frauen haben, von Haruki Murakami (2014) – 4 Sterne

Die sieben Geschichten transportieren nicht nur gleichförmige Stimmung und Figuren, sie sind mit 30 bis 40 locker bedruckten Seiten auch gleichförmig lang (gefühlte Länge 22 Seiten; ich hatte die von Dumont lizenzierte Büchergilde-Ausgabe). Man liest sie mühelos (wenn man sich nicht an Verrätseltem stört). Distanz und Mittelmäßigkeit: Obwohl hier ein Mann über einsame Männer schreibt,…

Kritik Kurzgeschichten: Fleischeslust, von T.C. Boyle (engl. Without a Hero, 1994)

Ich konnte nur wenige der 15 Kurzgeschichten lesen, viele habe ich sofort abgebrochen. Sie handelten zu oft von Umweltkatastrophen oder Vegetariern, und T.C. Boyle schreibt oft aufdringlich laut, etwa der Einstieg zur Geschichte Beat: Yeah, i was Beat. We were all Beat. Hell, I’m Beat now ((…)) Häufig sind die Situationen grell absurd übertrieben. Geschichten,…

Kritik Kurzgeschichten: The Relive Box, von T.C. Boyle (1990, engl. Descent of Man)

Ich konnte nur wenige der 12 Kurzgeschichten lesen, viele habe ich sofort abgebrochen – sie waren zu grotesk unrealistisch oder komplett sciencefiktional, u.a. Are we not Men, Argentine Ant und Five Pound Burrito. Keine Geschichte erreicht die Qualität Boylescher Romane wie Wassermusik (1981), The Road to Wellville (1993) oder Grün ist die Hoffnung (1984). Geschichten,…

Kritik Kurzgeschichten: Tod durch Ertrinken, von T.C. Boyle (engl. Descent of Man, 1979) – 3 Sterne

Boyle erzählt grotesk, ironisch, mild unterhaltsam, aber nie vom Hocker reißend, in seiner ersten Kurzgeschichtensammlung. Die Kurzgeschichten sind gelegentlich gelungen parodistisch, viel öfter jedoch öd unrealistisch oder unverständlich und wirr – sie amüsieren nie wie Boyle-Romane wie Wassermusik (1981), The Road to Wellville (1993) oder Grün ist die Hoffnung (1984). An prima Dialoge erinnere ich…

Kritik Memoiren, Kurzgeschichten: Die Zigarette und andere Stories, von Paula Fox (2011, engl. News from the World: Stories and Essays) – 7 Sterne

᛫ ᛫ ᛫ Mit In fremden Kleidern und Der kälteste Winter schrieb Paula Fox zwei knappe autobiografische Bücher. Weitere autobiografische Skizzen, die an diese zwei Bände anschließen, liefert die erste Hälfte von Die Zigarette und andere Stories (2011, engl. News from the World: Stories and Essays); es gibt nur zwei kurze punktuelle inhaltliche Überschneidungen (1).…

Kritik Kurzgeschichtensammlung: Mein Müßiggang, von Italo Svevo – 8 Sterne

Die Hauptfiguren der meisten Kurzgeschichten kratzte Italo Svevo scheint’s im Cognac-Rauchereck einer Ü60-Party zusammen: Gediegen rüstige Signores mit ihren Gebresten, ihren Geschäften, ihrem Hunger auf Zigaretten und hübsche junge Dinger. Diese Themen kennt man so ähnlich aus Italo Svevos berühmtem Altersroman, Zenos Gewissen (Zeno Cosini, 1923) oder aus der späten Svevo-Erzählung Der alte Herr und…

Buchkritik: Der alte Herr und das schöne Mädchen, von Italo Svevo (1929) – 7 Sterne

Einsamer alter Herr verguckt sich in armes junges Ding, gibt ihr Geld und gutes Essen, sie gibt sich. Doch der Triestiner Zuckerdaddy kann seine zweite Jugend nicht freudig genießen: Denn nicht nur blickt die Haushälterin sehr sauertöpfisch auf das tugendlose Treiben; auch muss der alte Herr unentwegt über sein kurioses Verhältnis theoretisieren und schreiben –…

Rezension Thai-Geschichten: People of Esarn, von Pira Sudham (1997) – 5 Sterne

Die Hauptfiguren im eher literarischen Teil dieses schmalen Buchs sind Ich-Erzähler aus dem Isaan, der armen flachen Gegend im Nordosten Thailands. Manche können nicht lesen. Sie berichten von ihrem armseligen Landleben, Pech in der Liebe, einige gehen zum Arbeiten nach Bangkok. Schmucklose Protokolle: Die Geschichten klingen fast wie Interview-Protokolle, so schmucklos und ohne Effekthascherei schreibt…

Zur Textsammlung: Anthologie des schwarzen Humors, von André Breton (1997)

Mehrere Vorwörter scheinen sagen zu wollen, dass André Breton diese auf Französisch erstellte Sammlung mehrfach erweiterte. Ich hatte die dt. Ausgabe 2011 des Verlags Rogner & Bernhard, die lt. Impressum auf frz. Ausgaben von 1979 und 2000 beruht. Breton bringt kurze Auszüge u.a. dieser Autoren: Jonathan Swift, de Sade, G.C. Lichtenberg, de Quincey, Fourier, Grabbe,…

Rezension Kurzgeschichten: Like Birds, Like Fishes, von Ruth Prawer Jhabvala (1963) – 8 Sterne

Sechs der elf unverbundenen Kurzgeschichten erschienen im New Yorker. Ruth Prawer Jhabvala erzählt meist von städtischen indischen Mittelschichtfamilien der frühen 1960er Jahre. Mal beschreibt Prawer Jhabvala mit vielen Dialogen einen einzigen Nachmittag in einer Familie; mal rafft sie ein ganzes Leben auf 20 Seiten zusammen, fast ohne Dialog. Doch stets fließen die Geschichten stimmig dahin,…

Leseeindruck Kurzgeschichten: Siesta, von Hans Herbst (1984)

23 Sehrkurzgeschichten auf etwa 217 Seiten. Hindurch eiern männlich-herbe Mackermänner in männlich-stolzgeschwollenem Schritt, so aufgeplustert, dass sie kaum noch gehen können. Kernige, schweigsame Kerle. Sie nehmen Drogen, Leben, Frauen und harten Alk. Sie treten heraus aus dem Bahnhof ins gleißende Licht eines heißen Landes. Sie spüren den eiskalten Stahl der .38er Smith&Wesson in ihrer  Schlangenlederjackentasche.…

Kritik Erzählungen: Diesseits des Van-Allen-Gürtels, von Wolfgang Herrndorf (2007) – 7 Sterne

Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) schreibt ungemein trocken und lakonisch über leicht verwirrte junge Erwachsene in und um Berlin. Das klingt inhaltlich abstoßend, aber er stammt ja nicht aus der Leipziger Schreibfabrikantenproduktion (über die er sich hier einmal selbst mokiert). Hat ein anderer deutscher Zeitgenosse je so unterhaltsam läppische Dialoge geliefert? (Nur in einer Geschichte…

Buchkritik: Raumpatrouille, von Matthias Brandt (2016) – 7 Sterne

Der bekannte Schauspieler Matthias Brandt (*1961), Sohn des Ex-Bundeskanzlers Willy Brandt, liefert 14 liebenswerte Skizzen aus seiner Kindheit im Kanzlerbungalow – so den Austausch mit dem Sicherheitspersonal und dessen Hunden oder seine Besuche beim Altpräsidenten Lübke. Dazu kommen weitgehend politik- und prominenzfreie Kindheitserinnerungen etwa ans Fußballspiel. Oder sind es keine Erinnerungen? Laut Vorbemerkung hat Brandt…

Die Kuba-Geschichten The Other Side of Paradise, von Julia Cooke (2014)

Journalistin und Schreiblehrerin Julia Cooke lebte etwa ein Jahr unter einfachen Bedingungen in Havanna, gerade als Raúl Castro gewisse Veränderungen erlaubte. Ihre leicht fiktionalisierten Geschichten stellen jeweils eine andere, meist junge Person in den Mittelpunkt. Tatsächlich aber schwenkt Cooke hierhin und dorthin, überwältigt von ihrem Material. Jeder Absatz hat zu viele ablenkende Randbemerkungen, jeder Satz…

Buchkritik: Cuba Linda, von Hans Herbst (Kurzgeschichten 2002) – 7 Sterne

Die Kurzgeschichten erzählen geruhsam, melancholisch und hochatmosphärisch von Begegnungen auf Kuba offenbar in den 90er Jahren. Oft spürt man den Schmerz demütigender Armut, politischer Unterdrückung und brutaler Verfolgung – insgesamt ein bedrückendes Buch. Weiteres Hauptthema ist traditionelle Musik. In manchen Stücken tauchen gar keine Europäer auf, in anderen nur als Nebenrolle; typische Touristenthemen wie Hotels,…

Buchkritik: Frauen in Spanien, Erzählungen (1989) – 5 Sterne

Von den ca. 19 Texten habe ich ca. sieben oder acht gelesen. Davon hat mich keiner sonderlich angesprochen. Sie handelten überwiegend von jungen, modernen, städtischen Frauen – ohne jede mediterrane Romantik. Teils schienen mir die Kurzgeschichten nicht weiter frauenspezifisch, aber was weiß ich. In zwei Geschichten spielten nichtspanische Kunstwerke eine Rolle – die Mona Lisa…

Buchkritik: Die Leute von Port Madeleine, von Klaus Harpprecht (1989) – 6 Sterne

Das plätschert so ganz nett dahin: 15 einheitlich kurze Geschichtchen aus dem fiktiven Örtchen Port Madeleine an der Côte d’Azur, sicherlich dem südfranzösischen Wohnort des deutschen Autors nachempfunden, aber leider als Fiktion ausgegeben. Wir lernen die ganze Dorfgesellschaft kennen: den Wirt, seine Wirtin, die Postlerin, den Pfaffen, den Bürgermeister, seinen Stellvertreter und ihre Schreibkraft. Nach…

Rezension Erzählungen: In einem freien Land, von V.S. Naipaul (1971) – 9 Sterne

Das schmale Bändchen (engl. „In a Free State“) enthält fünf Geschichten, die inhaltlich nicht verbunden sind: Die Titelgeschichte „In einem freien Land“ spielt in Afrika, umfassst rund 120 Seiten und wirkt wie ein kurzer Roman. Zwei weitere Erzählungen belegen je rund 40 Seiten. Dazu kommen zwei sehr kurze Stücke von je rund fünf bis sieben…

V.S. Naipaul & Familie: Die frühen, humorvollen Trinidad-Romane in der Übersicht

V.S. Naipauls vier erste Romane spielen unter indischen Zuwanderern auf Trinidad, sind alle humorvoll und sehr lesenswert. Geschrieben hat er sie ab Mitte der Fünfziger in England, in dieser Reihenfolge: Miguel Street Der mystische Masseur Wahlkampf auf karibisch Ein Haus für Herrn Biswas Das zuerst geschriebene Buch erschien erst nachträglich: „Der mystische Masseur“ erschien allerdings…

Rezension: Leihen Sie uns Ihren Mann, von Graham Greene (Kurzgeschichten 1967, engl. May We Borrow Your Husband?) – 8 Sterne – mit Presse-Links

Graham Greene schreibt nonchalant, exquisit humorvoll mit geistreich-mokanten Dialogen, jederzeit ohne Wort-Bling, kaum einmal unverständlich enigmatisch. Das Gehabe ist englisch steif und passt in 40er-Jahre-Komödien; es erinnert auch an (einen strikt entkrassten) Mr. Bean. Schwule Inneneinrichter, alternde verlassene Damen, einfühlsame Jungehefrauen und lächerliche Pekinesen bevölkern die Kurzgeschichten, die zum Teil in Antibes und Nizza an…

Rezension: Frauen auf den Philippinen, Kurzgeschichtensammlung 1987 – 5 Sterne

Neben Kurzgeschichten enthält der schmale dtv-Band auch drei biografische Protokolle sowie Gedichte, die ich nicht gelesen habe, weil mir die Lyrik-Ader fehlt. Die Texte stammen ausschließlich von Frauen, u.a. von Ester Vallado DaRoy, Lina Espina Moore, Amelia Lapeña Bonifacio und Ines Taccad Camayo. (Zum Vergleich: Der Band Frauen in Thailand, 1989, bringt fast nur Kurzgeschichten,…