Lese-Eindruck: Der Traum meiner Mutter, von Alice Munro (1998)

Die vier Geschichten im deutschen Band Der Traum meiner Mutter bilden die zweite Hälfte des engl. Originalbandes The Love of a Good Woman (1998). Die erste Hälfte des englischen Originals – ebenfalls vier Geschichten – kamen auf Deutsch unter dem Titel Die Liebe einer Frau heraus.

Fünf der acht Geschichten aus dem englischen Original The Love of a Good Woman erschienen zuerst im New Yorker. Ich kenne nur die englischen Buchfassungen, gegenüber den Magazinversionen laut Munro-Vorwort stark bearbeitet.

Ausführlich und interessant besprochen werden die Geschichten einzeln in den englischen Blogs Mookse and Gripes und Slaphappylarry. Die Geschichten Vor dem Wandel und Der Traum meiner Mutter habe ich nicht gelesen.

Ländliches Kanada:

Alice Munro schreibt sehr realistische, plastische Erzählstimmen und Dialoge, lässt allerdings zu viel offen und den Leser frustriert grübeln. Ihre Kurzgeschichten wirken teils undramatisch sowie nicht geschriftstellert glattpoliert und dadurch realistischer. Sie erzählt überwiegend aus den 1950er und 1960er Jahren im ländlichen Kanada – eingebettet in Rückblenden aus den circa 1990er Jahren, die Munro jedoch weit weniger interessieren. In den Hauptrollen agieren meist junge Frauen.

Alice Munro  (*1931, Nobelpreis 2013) klingt präzis, ohne männliche Herbheit à la Raymond Carver oder teils Richard Yates. Jedes Wort sitzt, nichts klingt unangenehm oder verbesserbar.

Assoziation:

Die Kinder bleiben hier ᛫ engl. The Children Stay ᛫ 1998 ᛫ 6,5/10

Ehepaar mit zwei kleinen Kindern urlaubt mit seinen Eltern. Sie besucht sonntags eine Theatergruppe mit offenbar charismatischem Leiter.

Wie immer hoch-atmosphärisch; aber der Theaterregisseur fasziniert mich nicht, das Handeln der jungen Mutter wirkt sehr willkürlich. Wie in mehreren der acht Geschichten aus dem englischen Originalband zitiert Munro ausführlich andere Literatur, hier besonders breit die Sage von Orpheus und Eurydike und das entsprechende Theaterstück von Jean Anouilh; Kenntnis dieser Texte würde das Verständnis der Munro-Geschichte sicher vertiefen.

Assoziation:

Stinkreich ᛫ engl. Rich as Stink ᛫ 1998 ᛫ 7/10

Eine Elfjährige besucht ihre Mutter für die Sommerferien. Die Mutter teilt sich offenbar ihren neuen Partner mit dessen Ehefrau, die nahbei wohnt und oft besucht wird. Es gibt Spannungen und Unausgesprochenes.

Ruhige, eigentümliche Geschichte mit nur wenigen, übersichtlichen Zeitsprüngen, in der lange wenig passiert und einiges rätselhaft bleibt. Munro lässt Dinge offen oder erklärt sie nur halb nach und nach, so dass der Leser sich diesen oder jenen Reim machen kann. Die Elfjährige wirkt weitaus zu erwachsen für ihr Alter.

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