Kritik Thailand-Buch: Love, Money and Obligation: Transnational Marriage in a Northeastern Thai Village, von Patcharin Lapanun (ersch. 2019) – 7 Sterne – mit Links

Dies ist ein sprödes Soziologiebuch. Es steckt voller Statistik und Verallgemeinerung aus den Nullerjahren und davor – Eheschließungen, Migration, Gelderwerb, Landwirtschaft, Familienorganisation, Landesgeschichte, Tourismus, Ost-West-Kinder, Glaube, Thai-Familie. Eingestreut sind ein paar kurze Fallgeschichten von Thai-Paaren, gemischten Paaren und einzelnen Thailänderinnen, wiederum spröde erzählt. Eine mehrseitige „Conclusion“ am Ende jedes Kapitels und ein eigenes „Conclusion“-Kapitel am Ende des Buchs erzeugen noch mehr Abstraktion und Redundanz.

Der Thai-Land-Tourist vernimmt viele interessante Fakten und statistische Bestätigungen des womöglich Immer-schon-Vermuteten – und ein paar verblüffende Behauptungen.

Die  Anthropologin Patcharin Lapanun von der Uni Khon Kaen (KKU) liefert überraschende Informationen zu thailändischer Arbeitsmigration und internationaler Ehevermittlung auf Dorfebene. Wie der Titel sagt, will Lapanun genauer ergründen, inwieweit Liebe oder Geld die Paare zusammenhalten und sie findet (S. 134),

money transcends its economic value to represent care, responsibility and love.

Das Buch wirkt betont wertneutral und so trocken wie eine Dissertation. Es ist dabei nicht völlig verschwurbelt, sondern noch lesbar, wenn auch sprachlich freudlos.

Monotone Leier:

Einige Fallgeschichten sollen Lapanuns Verallgemeinerungen illustrieren. Diese kurzen Stories leiert die Autorin monoton herunter: Lapanun verzichtet komplett auf Reportage-Elemente. Wir hören nichts von Gesichtsausdruck oder Gebaren ihrer Gesprächspartnerinnen, nichts von ihrem Verhalten, ihrer Alltagssituation, wenig von Gefühlen. Die einzige Reportageszene des Buchs erscheint gleich im Vorwort – eine internationale Begrüßung am Flughafen Udon Thani mit einem kleinen interkulturellen Ausrutscher.

Ihre eigene Situation thematisiert die Soziologin am Rand: Sie sprach zwar den örtlichen Dialekt. Weil sie aber trotz langen Europa-Aufenthalts keinen Mann hatte, wurde sie nicht voll akzeptiert; allerdings sollte sie westliche Männer an die Dorfsingles vermitteln. Offenbar weil nicht verheiratet, konnte Lapanun mit den Frauen weniger über Intimes reden als erhofft („sexuality ((…)) is admittedly underrepresented in this book“). Die örtlichen Thai-Männer akzeptierten sie noch weniger als Gesprächspartnerin, offenbar auch wegen ihrer Ehelosigkeit.

Die langen verallgemeinernden Abschnitte werden noch öder durch Banales wie

it is clear that interracial marriages shaped by the intersection of gender, class and ethnicity ((…)) Today’s transnational marriage phenomenon is context-specific ((…))

Patcharin liefert ein paar betont unattraktive Schwarzweißfotos vom Dorf, von Bars und Tempeln in Pattaya, aber nicht von Gesprächspartnerinnen.

Na Dokmai, Pattaya, Phuket:

Patcharin Lapanun wuchs im Isaan auf und studierte etwa fünf Jahre in den Niederlanden. Sie sprach für dieses Buch mit 86 Bewohnern aus dem Dorf Na Dokmai (40 km von Udon Thani, gut 4400 EW), mit sieben Frauen aus Pattaya und mit ein paar Thai-NL-Paaren in den Niederlanden. 26 Frauen hatten eine Beziehung mit einem Westler – überwiegend Deutsche (die größte Gruppe), Engländer, Schweden. Meines Erachtens liefert Lapanun auf unterschiedlichen Seiten widersprüchliche Zahlen über die Ost-West-Beziehungen in Na Dokmai.

Gegen Ende meint man alle Dörfler zu kennen, auch wenn sich ihre stets einsilbigen Namen schwer auseinanderhalten lassen (Nang, Phin, Saeng, Sai, Kit, Kann, Sak, Suai, Da, Dao, Tuk, Noi, Jum).

Eingeheiratete West-Männer zitiert Lapanun erstmals knapp auf den Seiten 79 und 80 – sie spielen kaum eine Rolle, ebenso wie Thai-Männer. Von der Erfahrung des Westmanns im Thaidorf hört man nichts. Weiße Frauen erscheinen gar nicht. Lapanun interessiert sich nur für Thailänderinnen vom Dorf.

Zumindest einige der Paare fanden sich im Nachtleben von Pattaya oder Phuket und zogen dann ins Heimatdorf der Thaifrau. Viele der Thai-Frauen von Westmännern hatten zuvor eine enttäuschende Beziehung mit einem Thailänder.

Sex vor der Ehe:

Wovon handelt wohl das Kapitel „Becoming a Woman with a Farang Husband“? Es handelt ausschließlich von Sexarbeit in Pattaya. Doch.

Wieder und wieder erklärt Lapanun, arme Dörflerinnen verrichten Sexarbeit in Pattaya nicht nur zum Geldverdienen, sondern vor allem auch, um dort einen Ehemann zu finden – aus dem Sumpf der Pattaya-Sextouristen.

Prostituierte + Freier = happy ending ever after? Lapanun meint offenbar, dass ihre Gesprächspartnerinnen das meinen (S. 115f, kursiviert stets wie im Buch):

engaging in sex work is a pragmatic means to marrying a farang… The practice of engaging in sex work as a vehicle to enter into transnational marriage

So habe sie es auch von den Prostituierten gehört. Nach Lapanun dient Sexarbeit in Pattaya der Jagd nach einem Ehegespons, das frau zunächst aber auf Spendabilität und Achtsamkeit abklopft. Laut Lapanun befürchten Eltern von mit Ausländern verheirateten Thailänderinnen generell, ihre Tochter werde für eine Ex-Prostituierte gehalten (S. 119).

Ich möchte das bezweifeln. Aber für die befragten Isaan-Frauen in Pattaya trifft es laut Lapanun zu: Enttäuscht von ihren hurenden, saufenden Thai-Männern, angeln sie sich in Pattaya einen hurenden, saufenden West-Mann. Dass manche Sexarbeiterinnen in Pattaya kein Interesse an einer Dauerbeziehung oder vielleicht schon einen festen Partner haben, zieht Lapanun nicht in Betracht. Auch über die Gewohnheit der Thaifrauen, das Kopulationsorgan untreuer Männer abzuschneiden (Quelle 1, Quelle 2), redet Lapanun nicht.

Im Dorf Na Dokmai nennt Lapanun auch andere Eheanbahnungswege, u.a. die Kleinvermittler und eigene Internetrecherchen der Frauen. Dabei scheint es eher um Facebook und allgemeine Webseiten zu gehen. Lapanun erwähnt keine Dating-Seiten für Asien; die spielten auch bis 2012 (als offenbar Lapanuns Recherchen endeten) noch keine große Rolle.

Zu diesem Buch kursieren irreführende Informationen:

  • Wie man überall online liest, erschien Love, Money and Obligation 2019. Dass der Inhalt gutteils schon 2009 – 2011 recherchiert und nur bis 2014 ein paar Mal aktualisiert wurde, erfährt man nicht so schnell. Dazu muss man das Vorwort lesen. Nicht mal die Besprechung in der Asian Review of Books von 2021 (s. Links) weist darauf hin. Praktisch alle Literaturverweise (Statistiken, Soziologie, Touristenzahlen) zielen auf Veröffentlichungen bis 2012, teils vor 2000; nur einmal nennt Lapanun das Jahr 2016.
  • Bei Amazon.de, Amazon.com und anderen wird das Buch mit 256 S. angegeben; beim Verlag mit 208 Seiten. Selbst das ist großzügig gezählt, man muss alle Vorwörter und das Stichwortverzeichnis mitrechnen. Der Haupttext mit einigen Tabellen, aber ohne weitere Anhänge hat 171 Seiten (meine Ausgabe „First edition 2019 Reprint 2021“).

Vermisst:

Die fleißige Datensammlerin Lapanun verzichtet nicht nur auf Reportage- und Live-Elemente, sondern auch auf andere Beispiele. Sie schreibt zum Beispiel allgemein, viele gemischte Ost-West-Thais (luk khrueng)

have become a ((…)) Thai public fascination. Many are popular as actors and actresses, singers, supermodels, beauty pageant contestants and social celebrities

Dazu nennt Patcharin Lapanun jedoch keinen einzigen Promi-Namen – so kann der Leser nicht online nach wohl gemeinten Halbblut-Thai-Stars wie Thongchai oder Tata Young suchen.

Das in Singapur erschienene Buch hat ein paar Schreibfehler, wie man sie vielleicht in Südostasien, aber doch nicht von Akademikern erwartet, etwa „his ex-wife (an English women)“ (sic, S. 91) oder (S. 84, sic):

While village men were aware of negative way in which they were perceived ((…))

Auf Seite 103 schreibt sie „Nio“ statt „Noi“.

Lapanuns Behauptung,das grottige

Pattaya ((…)) has everything foreign tourists could possibly want,

(S. 96) ist eine derbe Beleidigung und typische Arroganz der Mittelschicht-Thais.

Assoziation:

Links:

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