Romankritik: Unwiederbringlich, von Theodor Fontane (1891) – 6 Sterne – mit Pressestimmen & Übersicht

Völlig überraschend kommt im letzten Fünftel echtes Drama in den lange dahinplätschernden Roman. Fontane schreibt die Ehebruchiade mit sicherer Stimme, chronologisch, in nuancierten Dialogen – das liest man gern. Den Unterschied zwischen dem lockeren Ehemann und seiner gestrengen Gattin formuliert Fontane jedoch überdeutlich, in ihren eigenen Dialogen als auch in den Kommentaren der Umgebung. Der Abweg vom rechten Pfad deutet sich ebenfalls etwas überklar in Dialogen und unheilvollen Vorzeichen an.

Dialoge klingen hier noch eleganter und schwungvoller als in anderen Fontane-Romanen. Das liegt am hochadligen Milieu, aber Fontane war wohl auch in guter Form. Allerdings parlieren die Figuren seitenlang über Geschichte und Adelswelt Schleswig-Holsteins und Dänemarks in allerlei Jahrhunderten; das klingt immer geistreich, aber teils auch nach dem Goldenen Blatt. Dem Ex-Journalisten Fontane bereiten die Reminiszenzen und politischen Anspielungen erkennbar Freude; vielleicht wollte er seinen Roman so auch strecken. Heutige Leser sind eventuell weniger interessiert und kriegen wegen Allgemeinbildung-Mangels noch ein schlechtes Gewissen. Einiges habe ich nicht verstanden.

Das gilt auch für verschiedene Ausdrücke und Zitate Fontanes wie medisant, Satyrspiel, divinatorisch, Froufrou, Epitheton ornans, diverses Französisch, die Sagenfiguren Ägisth und Phädra. Mein Insel-Taschenbuch liegt zwar gefällig in der Hand, doch anders als eine Schülerausgabe liefert es keinerlei Erklärungen, weder zu alten Ausdrücken noch zu historischen Bedingungen (die Ausgaben von dtv und Aufbau-Verlag bieten offenbar Erklärungen).

Viele Dialoge und Briefe formuliert Fontane aber auch psychologisch genau und – obwohl die Ziele etwas deutlich herausstechen – interessant vielschichtig und zweideutig. Der Seitensprung bahnt sich über viele dialogselige Seiten hin an. Erst auf Seite 223 ändert die Geschichte nachhaltig die Bauart: bis zur letzten Seiten 284 gibt es viel Handlung, überraschende Entwicklungen und keinerlei charmante Plaudereien mehr.

Assoziationen:

  • Vergleich mit Fontanes Effi Briest (1894): In beiden Ehebruch-Romanen geht es um zwei Eheleute, deren einer streng diszipliniert, der andere entspannt freigeistiger und unbekümmerter ist. Diese Gegensätze schildert Fontane jeweils etwas zu deutlich, ebenso wie er die Vorzeichen des Ehebruchs zu sehr herauskehrt.
  • Der Fontane-Roman Unwiederbringlich hat einige dramatischere, aber auch viele stärker verplauderte Stellen als Effi Briest. Die Handlung ist teils ähnlich, teils deutlich abweichend konstruiert.
  • Vage Erinnerung an Keyserlings Roman Wellen, der in etwa ähnlicher Zeit auch an der Ostsee spielt, allerdings eine Urlaubsszenerie hat.

Kommentare:

Frankfurter Allgemeine:

Das Besinnliche ist seine Sache und das Beschauliche, das aber nie in die Nähe des Betulichen gerät. Er erzählt entspannt, locker und souverän… Er ist eher ein Plauderer, freilich nicht nur ein gemütlicher, sondern auch ein begnadeter. Nicht der effektvolle artistische Auftritt ist also seine Sache, sondern die Arabeske… die Prosa des Romanciers Fontane bleibt frei von kalter Perfektion und sprachlicher Routine. Er verheimlicht nicht, daß gerade der saloppe Ton ihm Spaß und Freude bereitet. Er schreibt einen so unangestrengten Stil, daß man auf die Idee kommen könnte, er strenge sich nicht an – was, versteht sich, Unsinn wäre… Er wird heute wie kein anderer deutscher Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur gerühmt, sondern auch tatsächlich gelesen. Seine Romane werden ähnlich wie zu seinen Lebzeiten als schöne, doch nicht übermäßig anspruchsvolle Belletristik konsumiert… Holk und seine Frau sind ziemlich eintönig und leider durchaus nicht widerspruchsvoll… Es wimmelt in diesem Buch von Lebenskritik und Lebensweisheit, von schönen Formulierungen und klugen Beobachtungen – und es stört uns nicht sonderlich, daß man sie mitunter von Personen zu hören bekommt, denen man derartige Äußerungen nicht zutrauen kann. Sie sind es, die die Lektüre auch dieses Fontane-Romans zu einem wahren Vergnügen machen… ((Über die letzten 60 Seiten:)) Alles geht jetzt holterdiepolter…

Belletristik-Couch:

…eine lehrreiche und unterhaltsame Studie über eine Beziehung, die eine falsche Richtung nimmt, in der sich die Fronten verhärten und sich beide Partner immer mehr auf ihre Position zurückziehen. Fontane erweist sich auch in diesem Werk als kluger Beobachter, der dem heutigen Leser noch so einiges über Beziehungen und Konfliktfähigkeit zu sagen hat… ein überaus lesenswertes Buch

Buecher4um:

Die feine Psychologie und der treffsichere Stil machen auch diesen Fontane-Roman zu etwas ganz besonderem… Für mich ist dieser Roman einer der besten, die ich bisher von Fontane gelesen habe. Gerade die traurige, leise Grundstimmung bestimmt die Atmosphäre und Fontanes Blick entgeht weder die Schuld noch die Lebensfreude der handelnden Personen.

Mit-Buechern-um-die-Welt.de:

sprachlich überaus elegant, psychologisch raffiniert konzipiert und ergreifend. Trotzdem konnte mich dieser Roman nicht überzeugen, da mir der Raum, den Fontane der Tagespolitik und ihren kleinen, nur angedeuteten Episoden und Anekdoten widmet, zu groß war. Trotz Recherchen im Internet konnte ich leider sehr vieles nicht nachvollziehen, was dem zeitgenössischen Leser sicher vertraut war.

Theodor Fontane bei HansBlog.de:

Handlung Milieus Good­reads.com** Amazon.de Hans­Blog.de
1880* L'Adultera Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch Geschäftsleute in Berlin; etwas Berliner und Schweizer Mundart; eher kurz 3,18 (106 Stimmen) 3,6 (8) 7
1885 Unterm Birnbaum Leben eines Wirtsleute-Ehepaars, nachdem es einen Mord begangen hat; kein Liebesdrama Dorf im Oderbruch um 1831; viel Mundart; eher kurz 3,13 (327) 3,5 (52) 7
1886 Cécile Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe Oberst und andere Militärs, lange in einem Kurort, dann in Berlin 3,4 (85) 3,5 (13) 5
1887 Irrungen, Wirrungen Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin, Ehe ohne Liebe; Kleinbürger und Adlige viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern und adligen Militärs, Schauplatz Berlin und Umland 3,22 (1392)   4,2 (54) 7
1889 Stine Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin zu Versorgungszwecken viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern, Bürgern und Kleinadligen, Schauplatz Berlin 3,31 (85) 3,7 (3) bzw. 4,3 (3) 7
1892 Unwieder­bringlich Ehe unterschiedlicher Charaktere, Ehebruch und dessen Folgen; Adlige lange Dialoge voller historischer Anspielungen; die letzten 60 Seiten plötzlich mit viel Handlung; Schauplatz Ostseedorf und höfisches Kopenhagen 3,72 (292) 4,4 (12) 6
1892 Frau Jenny Treibel Ehen über Standesgrenzen hinweg in Berlin; Kaufleute, Lehrer und Unternehmer Relativ großes Personaltableau, deutliche Satire, keine dramatischen Gefühle oder Konflikte, kaum Mundart 2,97 (627) 4,0 (56) 7
1894 Effi Briest Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch und dessen späte Folgen Wenig Mundart, eher homogenes soz. Mittelschichtmilieu, Schauplatz meist Provinz; lang 3,23 (6656) 3,6 (188) 8
1895 Die Poggenpuhls Soziale Nöte des verarmten Adels Verarmte Majorsfamilie in Berlin, wenig Mundart, wenig Handlung, keinerlei Drama, Geldnot und Klasse sind Themen; kurz 3,36 (61) 4,7 (6) 6
* Datum jw. erstes Erscheinen als Fortsetzungsroman in der Zeitung, nicht als Buch, Quelle jw. Wikipedia ** Maximum Leserwertung bei Amazon und Goodreads jw. 5; bei HansBlog 10; erfasst Juli/August 2017

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