Romankritik: Irrungen, Wirrungen, von Theodor Fontane (1887) – 7 Sterne

Fontane erzählt mit sicherer, gemütlicher Stimme von der Romanze zwischen der lieben Kleinbürgerin Lene und dem schneidigen, aber auch menschlichen Baron Botho – doch Lene weiß schon, dass Botho sie aus Standesgründen nicht an den Altar führen wird, und spricht das auch ganz offen an. Fontane stellt Kleinbürgermilieu wie auch militär-affine Adelskreise lebhaft, atmosphärisch und mild sympathisch dar. Er weidet sich am „berlinschen“ Dialekt der Kleinbürger; das selbstgefällig-bräsige Hochdeutsch der Militär- und Adelskreise bereitete mir zeitweise Unwohlsein, auch wenn es sicher gut getroffen ist.

Theodor Fontane erzählt mit Dialog, ohne Verallgemeinerungen und chronologisch – Rückblenden gibt es höchstens innerhalb der wörtlichen Rede. So kann man der Geschichte immer gut folgen.

Die Handlung ist einerseits schön konstruiert – die kleine Lena steht unaufdringlich gülden da, der standeshöhere Baron erscheint letztlich schwach und wie ein Goldgräber. Vielleicht hat von Tane aber auch etwas überkonstruiert: In manchen Dialogen scheinen moralische Positionen allzu deutlich auf, zufällige Begegnungen oder Sichtlinien überzeugen nicht vollends.

Es gibt mehrere überraschende Wendungen und einige Momente wirken ausgesprochen filmi – da wundert es, dass der Roman nicht öfter und prominenter verfilmt wurde. Schließlich gibt es mehr Entwicklungen und Veränderungen als bei Effi Briest, und das in einem kürzeren Zeitraum. Allerdings fügen sich alle Akteure in Irrungen, Wirrungen immer sehr artig und vernunftmäßig in ihr Schicksal. Lene sagt das Ende ja schon früh voraus, sie alle vermeiden Drama nach Kräften.

Ich hatte eine Schulausgabe aus der Schöningh-Reihe EinFach Deutsch. Die vielen Erklärungen unten auf der Seite konnte ich gut gebrauchen, denn Irrungen, Wirrungen liefert mehr als etwa Effi Briest viele Ausdrücke und geschichtliche Anspielungen, die ich auch im Kontext nicht auf Anhieb verstehe, etwa schuddern, simpern, Verbringerei, Husche, Borsdorfrig, Gilka, Wrasen, perhorreszieren oder Sibyllinische Bücher.

Assoziationen:

  • Vergleich mit Fontanes Effi Briest: Irrungen Wirrungen spielt in einer etwas anderen Gesellschaftsschicht, hat mehr Mundart, ist kürzer, richtet wieder Hauptaugenmerk auf junge Frau, hat mehr erklärungsbedürftige Ausdrücke; in beiden Romanen die Motive Duell, Beziehung ohne Liebe und verräterische aufbewahrte Briefe
  • Vergleich mit Fontanes Stine (1889): Über 4/5 der Strecke klingt Stine wie eine Variation des Fontane-Romans Irrungen, Wirrungen mit vielen ähnlichen Motiven: dem Schauplatz Berlin nebst Ausflügen; unehelichen Beziehungen über Standesgrenzen hinweg, teils zwecks finanzieller Sicherstellung; Freunde bezeichnen sich mit literarischen Namen; junge arme, aber nicht korrumpierbare Schneidermamsell als holde Hauptfigur; der Roman Stine klingt jedoch etwas härter, weil einige Hauptfiguren den Versorgungsaspekt so deutlich betonen, während bei Irrungen, Wirrungen die holde Lene ohne finanzielle oder standesamtliche Interessen im Vordergrund steht; Lene erinnert deutlich an Stine, die aber weniger Profil gewinnt. Zudem hat der Roman Stine weniger Entwicklung und einige überdehnte Dialoge.
  • Baron Botho trägt fast den gleichen Nachnamen wie Jahrzehnte später der ebenfalls zu reiche und abtrünnige Liebhaber in Elke Schmitters Roman Frau Sartoris.
  • So wie einst Lene liebte später auch Camilla Rosemary Shand einen nicht standesgemäßen Adelsmann (den Kronprinzen Charles) und heiratete gegen ihre Gefühle einen anderen (Andrew Parker Bowles).

Theodor Fontane bei HansBlog.de:

Handlung Milieus Good­reads.com** Amazon.de Hans­Blog.de
1880* L'Adultera Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch Geschäftsleute in Berlin; etwas Berliner und Schweizer Mundart; eher kurz 3,18 (106 Stimmen) 3,6 (8) 7
1885 Unterm Birnbaum Leben eines Wirtsleute-Ehepaars, nachdem es einen Mord begangen hat; kein Liebesdrama Dorf im Oderbruch um 1831; viel Mundart; eher kurz 3,13 (327) 3,5 (52) 7
1886 Cécile Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe Oberst und andere Militärs, lange in einem Kurort, dann in Berlin 3,4 (85) 3,5 (13) 5
1887 Irrungen, Wirrungen Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin, Ehe ohne Liebe; Kleinbürger und Adlige viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern und adligen Militärs, Schauplatz Berlin und Umland 3,22 (1392)   4,2 (54) 7
1889 Stine Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin zu Versorgungszwecken viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern, Bürgern und Kleinadligen, Schauplatz Berlin 3,31 (85) 3,7 (3) bzw. 4,3 (3) 7
1892 Unwieder­bringlich Ehe unterschiedlicher Charaktere, Ehebruch und dessen Folgen; Adlige lange Dialoge voller historischer Anspielungen; die letzten 60 Seiten plötzlich mit viel Handlung; Schauplatz Ostseedorf und höfisches Kopenhagen 3,72 (292) 4,4 (12) 6
1892 Frau Jenny Treibel Ehen über Standesgrenzen hinweg in Berlin; Kaufleute, Lehrer und Unternehmer Relativ großes Personaltableau, deutliche Satire, keine dramatischen Gefühle oder Konflikte, kaum Mundart 2,97 (627) 4,0 (56) 7
1894 Effi Briest Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch und dessen späte Folgen Wenig Mundart, eher homogenes soz. Mittelschichtmilieu, Schauplatz meist Provinz; lang 3,23 (6656) 3,6 (188) 8
1895 Die Poggenpuhls Soziale Nöte des verarmten Adels Verarmte Majorsfamilie in Berlin, wenig Mundart, wenig Handlung, keinerlei Drama, Geldnot und Klasse sind Themen; kurz 3,36 (61) 4,7 (6) 6
* Datum jw. erstes Erscheinen als Fortsetzungsroman in der Zeitung, nicht als Buch, Quelle jw. Wikipedia ** Maximum Leserwertung bei Amazon und Goodreads jw. 5; bei HansBlog 10; erfasst Juli/August 2017

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