Romankritik: Unterm Birnbaum, von Theodor Fontane (1885) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Fontane-Übersicht

Um 1832 in einem Dorf am Oderbruch: Die Eheleute Hradschek betreiben einen Kramladen nebst Gasthaus. Sie stecken in Geldschwierigkeiten – ein Mord soll die Probleme beiseiteschaffen.

Erst nach der Bluttat beginnt der kleine Roman so richtig. Den Täter kennen wir. Die Frage bleibt, ob oder wie lange er seine Schuld vor dem Dorf verbirgt und was genau in der Mordnacht geschah – ein bisschen wie bei Patricia Highsmith.

Theodor Fontane macht das einigermaßen spannend, die Eindrücke gehen hin und her, naheliegende Vermutungen bewahrheiten sich letztlich nicht. Die Dorfszene mit ihren Wichtigtuern und Hauptamtlichen wird sehr lebendig. Viele Dialoge erklingen in starkem Platt.

Gelegentlich aber reden die Figuren auch überdeutlich prophetisch. Eine Zeugin hält ein wichtiges Detail monatelang zurück – das ergibt keinen Sinn, außer dass die Spannung oben bleibt. Gelegentlich überlagern religiöse Schwingungen das Geschehen. Insgesamt eine angenehme, kurze Lektüre.

Ich hatte den Roman in einer Ausgabe der Klett-Lesehefte. Wie immer bei Fontane gab es viele Ausdrücke und Anspielungen, zu denen ich mir eine Erklärung wünschte. Doch die Klett-Lesehefte erklären zu wenig und wenn, dann nur mit zwei Worten, ohne den Bezug einer Anspielung zum Roman zu erklären. Immer wieder werden geläufige Begriffe erläutert, seltene Ausdrücke jedoch nicht. Ein Beispiel von Seite 76: Das Wort Reputation wird behandelt, das Wort Fouragierung nicht.

Vergleiche mit anderen Fontane-Romanen:

Anders als etwa Frau Jenny Treibel, Irrungen, Wirrungen oder Effi Briest ist Unterm Birnbaum also kein typischer Fontane-Gesellschaftsroman, sondern eher ein Krimi: Es gibt keine vergebliche Liebe, keinen Ehebruch, weder verletzte Ehre noch bestürzende soziale Gräben. Vertraut jedoch: Die Figuren plaudern viel und unterhaltsam, sie reminiszieren historisch und sprechen dem Wein zu. Umgekehrt hat das Buch jedoch relativ viel Handlung und schnelle Veränderungen. Anders als Fontanes Gesellschaftsromane spielt es nicht in etwa zur Zeit der Niederschrift – in den 1880er oder 1890er Jahren – sondern deutlich früher.

Auch Stine (1889) bringt viel Kleine-Leute-Gerede in starkem Dialekt, das jedoch besser zu verstehen ist.

Pressestimmen:

Süddeutsche Zeitung (bei Buecher.de):

ein Verwirrspiel, dessen tragikomischer Aberwitz – zusammen mit der raffiniert trügerischen Idylle des Tatorts und seiner Umgebung sowie mit einer heftigen Prise Sozialkritik – den Reiz des Buches ausmachen. Auch wenn Literaturwissenschaftler da lange die Nase rümpften: Fontanes Leser hatten und haben ihren Spaß daran.

Theodor Fontane bei HansBlog.de:

Handlung Milieus Good­reads.com** Amazon.de Hans­Blog.de
1880* L'Adultera Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch Geschäftsleute in Berlin; etwas Berliner und Schweizer Mundart; eher kurz 3,18 (106 Stimmen) 3,6 (8) 7
1885 Unterm Birnbaum Leben eines Wirtsleute-Ehepaars, nachdem es einen Mord begangen hat; kein Liebesdrama Dorf im Oderbruch um 1831; viel Mundart; eher kurz 3,13 (327) 3,5 (52) 7
1886 Cécile Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe Oberst und andere Militärs, lange in einem Kurort, dann in Berlin 3,4 (85) 3,5 (13) 5
1887 Irrungen, Wirrungen Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin, Ehe ohne Liebe; Kleinbürger und Adlige viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern und adligen Militärs, Schauplatz Berlin und Umland 3,22 (1392)   4,2 (54) 7
1889 Stine Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin zu Versorgungszwecken viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern, Bürgern und Kleinadligen, Schauplatz Berlin 3,31 (85) 3,7 (3) bzw. 4,3 (3) 7
1892 Unwieder­bringlich Ehe unterschiedlicher Charaktere, Ehebruch und dessen Folgen; Adlige lange Dialoge voller historischer Anspielungen; die letzten 60 Seiten plötzlich mit viel Handlung; Schauplatz Ostseedorf und höfisches Kopenhagen 3,72 (292) 4,4 (12) 6
1892 Frau Jenny Treibel Ehen über Standesgrenzen hinweg in Berlin; Kaufleute, Lehrer und Unternehmer Relativ großes Personaltableau, deutliche Satire, keine dramatischen Gefühle oder Konflikte, kaum Mundart 2,97 (627) 4,0 (56) 7
1894 Effi Briest Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch und dessen späte Folgen Wenig Mundart, eher homogenes soz. Mittelschichtmilieu, Schauplatz meist Provinz; lang 3,23 (6656) 3,6 (188) 8
1895 Die Poggenpuhls Soziale Nöte des verarmten Adels Verarmte Majorsfamilie in Berlin, wenig Mundart, wenig Handlung, keinerlei Drama, Geldnot und Klasse sind Themen; kurz 3,36 (61) 4,7 (6) 6
* Datum jw. erstes Erscheinen als Fortsetzungsroman in der Zeitung, nicht als Buch, Quelle jw. Wikipedia ** Maximum Leserwertung bei Amazon und Goodreads jw. 5; bei HansBlog 10; erfasst Juli/August 2017

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