Romankritik: Cecile, von Theodor Fontane (1886) – 5 Sterne – mit Übersicht

Fontane hat viele interessante Frauenfiguren geschaffen (der New Yorker nannte ihn „Heroine Addict„) – so Effi Briest; die Lene aus Irrungen, Wirrungen; oder Melanie aus L’Adultera. Cécile aber ist anders: Jung, und verheiratet mit einem weit älteren, höflichen Oberst – so weit, so fontanesk –, leidet sie maßvoll in einer Kurpension im Harz vor sich hin. Aber ihr Charakter lässt sich kaum erahnen.

Derweil ergehen sich die Pensionsgäste in allerartigsten Plaudereien historisch-politischer Natur, Geschehnisse zurückliegender Jahrtausende kenntnisreich reminiszierend. Das ist hübsch, das ist kultiviert und verbalelegant, aber auch weitschweifig.

Nicht viel passiert, nein falsch, lange passiert gar nichts, und das, obwohl ein außerehelicher Galan mit schottischen Wurzeln Cécile ausdauernd charmiert. Wir sind bei Fontane, wir kennen Effi Briest, L’Adultera und Unwiederbringlich, wir dürfen sehr wohl Ehebruch verlangen, und doch –

Cécile bleibt ein schwammiges Rätsel. Ihr Predigerfreund sagt, wie der Leser:

„Was ist es wieder, meine liebe gnädigste Frau? Sie müssen diese Melancholie von sich abtun.“

Reaktion der Titelheldin, so Fontane: „Ein nervöses Fliegen und Zittern“.

Erst etwa bei Seite 187 von 239 werden plötzlich Dinge klar und kommt allerlei Neues dezidiert in Gang. Wer sich an die Dialoge der Seiten 1 bis 189 noch erinnert, entdeckt gewiss viele versteckte Andeutungen und Hinweise – sie sind aber definitiv weniger aufdringlich als in Fontanes anderen Ehebruchiaden. Wer’s ernst meint, liest noch einmal von vorn. Ab Seite 190 wecken die Figuren auch mehr Interesse.

Meine TB-Ausgabe des Ullstein-Verlags enthielt viele gute Anmerkungen zu historischen und französischen Begriffen, aber auch einige Tippfehler im Haupttext.

Assoziationen:

  • Parallelen zu Fontanes Effi Briest: Auch hier ist eine junge Frau mit einem weit älteren Mann zusammen. Dazu kommen weitere Handlungsparallelen.
  • Parallelen zu Fontanes L’Adultera: Auch hier ist eine junge Frau mit einem weit älteren Mann zusammen. Auch hier – wie so oft – stellt Fontane dunkelhaarige, eventuell slawische/jüdische/katholische Frauen gegen blonde Protestantinnen und Protestanten.
  • Paralleln zu Fontanes Unwiederbringlich: Auch hier geht es um Ehebruch, kommt es zu ausgedehnten historischen Betrachtungen in lieblichem Deutsch.

Theodor Fontane bei HansBlog.de:

Handlung Milieus Good­reads.com** Amazon.de Hans­Blog.de
1880* L'Adultera Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch Geschäftsleute in Berlin; etwas Berliner und Schweizer Mundart; eher kurz 3,18 (106 Stimmen) 3,6 (8) 7
1885 Unterm Birnbaum Leben eines Wirtsleute-Ehepaars, nachdem es einen Mord begangen hat; kein Liebesdrama Dorf im Oderbruch um 1831; viel Mundart; eher kurz 3,13 (327) 3,5 (52) 7
1886 Cécile Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe Oberst und andere Militärs, lange in einem Kurort, dann in Berlin 3,4 (85) 3,5 (13) 5
1887 Irrungen, Wirrungen Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin, Ehe ohne Liebe; Kleinbürger und Adlige viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern und adligen Militärs, Schauplatz Berlin und Umland 3,22 (1392)   4,2 (54) 7
1889 Stine Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin zu Versorgungszwecken viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern, Bürgern und Kleinadligen, Schauplatz Berlin 3,31 (85) 3,7 (3) bzw. 4,3 (3) 7
1892 Unwieder­bringlich Ehe unterschiedlicher Charaktere, Ehebruch und dessen Folgen; Adlige lange Dialoge voller historischer Anspielungen; die letzten 60 Seiten plötzlich mit viel Handlung; Schauplatz Ostseedorf und höfisches Kopenhagen 3,72 (292) 4,4 (12) 6
1892 Frau Jenny Treibel Ehen über Standesgrenzen hinweg in Berlin; Kaufleute, Lehrer und Unternehmer Relativ großes Personaltableau, deutliche Satire, keine dramatischen Gefühle oder Konflikte, kaum Mundart 2,97 (627) 4,0 (56) 7
1894 Effi Briest Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch und dessen späte Folgen Wenig Mundart, eher homogenes soz. Mittelschichtmilieu, Schauplatz meist Provinz; lang 3,23 (6656) 3,6 (188) 8
1895 Die Poggenpuhls Soziale Nöte des verarmten Adels Verarmte Majorsfamilie in Berlin, wenig Mundart, wenig Handlung, keinerlei Drama, Geldnot und Klasse sind Themen; kurz 3,36 (61) 4,7 (6) 6
* Datum jw. erstes Erscheinen als Fortsetzungsroman in der Zeitung, nicht als Buch, Quelle jw. Wikipedia ** Maximum Leserwertung bei Amazon und Goodreads jw. 5; bei HansBlog 10; erfasst Juli/August 2017

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