Romankritik: Frau Jenny Treibel, von Theodor Fontane (1893) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Übersicht


Die blasierte Kommerzienrätin Treibel, geb. Bürstenbinder, war einst eine Berliner Krämerstochter; doch sie heiratete in feine Fabrikantenkreise hinauf. Nun stellt die Neureiche ihren Sozialstolz durch viel Getue und Gerede heraus – Fontane zeigt sie und ihre Kreise deutlich spöttischer und satirischer als andere Figuren in seinen Gesellschaftsromanen.

Dicke Satire:

Die Satire trägt Theodor Fontane fast zu dick auf, auch in zahlreichen deftigen Bürgernachnamen wie Wulsten, Wedderkopp, Rindfleisch, Honig und Ziegenhals, die das Fontane-Personal mokant kommentiert; dann ein Agathon Knurzel; und ein Hannibal Kuh hat zwei Töchter, die als Kälber figurieren. Das Schaulaufen zwischen Bürgerlichen und Geldadel, das Fontane hier inszeniert, verlieren die Geldigen mit Verve.

Im Vergleich zu anderen Romanen bringt Fontane in kurzer Zeit ungewöhnlich viel Personal aufs Tapet, teils verschwippt, verschwägert oder durch geplatzte Verlobungen verbunden. Diese Figuren lernen wir palavernd bei zwei Gesellschaften kennen, die das gesamte erste Romanviertel einnehmen. Einige Namen kehren später kaum wieder. Das Online-Figurenlexikon der Uni Saarland ist diesmal hilfreich (Link). Erst ab dem zweiten Viertel wirkt der Roman rund und genussfördernd.

Anders als in Fontane-Romanen wie Effi Briest, Unwiederbringlich oder Irrungen, Wirrungen erscheinen die Konflikte in Frau Jenny Treibel läppisch; hochfliegende Liebe, tödlichen Ernst und bittere Beklemmung beschreibt Fontane diesmal nicht. Zwar verloben sich einige Figuren über Standesgrenzen und Elternwillen hinweg, doch all das geschieht fast beiläufig spielerisch, samt späterer Neuorientierung.

Meine Reclam-XL-Ausgabe enthält neben dem vollständigen Roman allerlei Anmerkungen und Aufsätze. Besonders interessant klingt ein Brief Fontanes an seine Tochter, in dem er die Geburtstagsfeier bei Tante Jenny (sic), das „Speckhökerthum“ und den „Bourgoiston“ in der Verwandtschaft niedermacht.

Die Reclam-XL-Ausgabe ist bei offenbar unterschiedlicher Seitengröße zeilenidentisch mit dem Reclam-Heft ohne Anmerkungen. Daraus resultieren Absurditäten:

  • Die besonders kurzen Anmerkungen zu den vielen historischen, heute weniger bekannten Begriffen erscheinen unten auf der betreffenden Seite; geringfügig längere Erklärungen stehen dagegen am Buchende (darauf verweist jeweils ein kleiner Pfeil neben der betreffenden Zeile). So muss man für einige, aber nicht für alle Erklärungen hinten ein zweites Lesezeichen einstecken (erklärt werden auch sehr schlichte Begriffe wie frivol oder Stuck, andererseits vermisste ich auch Erläuterungen).
  • Beim Blick auf eine Doppelseite sind die äußeren weißen Ränder viel zu breit; dagegen läuft der Text zu eng auf den Steg zu, so dass die auf den Innenrändern gesetzten Zeilennummern fast untergehen.

Assoziationen:

  • Vergleich mit Fontanes Effi Briest (1894): Eine verheiratete Frau ist noch Jahrzehnte später mit einem abgeblitzten Ex-Verehrer befreundet und regelt nun die Verheiratung ihres Kindes ebenfalls mit der Familie des Verehrers oder diesem selbst – diese Situation gibt es in beiden Romanen, doch darüber hinaus bestehen kaum engere Parallelen, abgesehen von einer treuen Haushälterin.
  • Vergleich mit Fontanes Stine (1889): Das Berliner Bürgermilieu ähnelt sich teils, wirkt in Stine aber gröber und unsympathischer.
  • IMDB nennt drei Filme mit dem Buchtitel, u.a. die 1982er-Verfilmung mit Maria Schell und die DDR-Verfilmung von 1975 mit Gisela May.

Medienkommentare:

Frankfurter Allgemeine:

Natürlich ist es nicht dieser einigermaßen dünne Handlungsfaden, der dem Roman seine Brillanz verleiht, zumal sich das Erzählte gern ins Panorama weitet, so daß wir es eher mit einer Abfolge von Szenen zu tun haben und das Gewicht auf den Dialogen liegt… Eher ist es das präzise Bild, das Fontane von der Bourgoisie der frühen Kaiserzeit zeichnet, das in den Bann schlägt: weil der Autor diesem Stand erkennbar nichts schenkt und nichts durchgehen läßt, weil er den Gegensatz von Geist und Geld, von Kunstwollen und Krämerseele ebenso schildert wie die Verheerungen, die der Gedanke an den sozialen Aufstieg in den Köpfen derer anrichtet, die den neuen Reichtum der anderen als deren Gäste miterleben… Fontane neuerlich als veritablen Dialogzauberer

Berliner Morgenpost:

Fontanes Roman ist voll antibourgeoiser Häme. In der Titelfigur porträtierte der Verfasser seine Schwester Jenny, Corinna ist nach dem Vorbild der Fontane-Tochter Mete gezeichnet, in Willibald Schmidt porträtierte Fontane sich selbst.

NDR:

Es ist ein Buch über das Bürgertum. Was in diesem Fall heißt: gegen das Bürgertum, gegen die Besitzbourgeoisie, die am Ende des 19. Jahrhunderts in Preußen zur ökonomisch bestimmenden Macht aufgestiegen war. Fontane stand dieser Klasse mit kritischer Distanz, ja unverhohlener Abneigung gegenüber. Er schrieb: „Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstandpunkts zu zeigen, der von Schiller spricht und Geldsackgesinnung meint.“… Doch soll nicht der Eindruck erweckt werden, „Frau Jenny Treibel“ sei so etwas wie ein sozialer Roman. Weit eher ist es ein bürgerliches Lustspiel. Auch ein „Lustspiel über die Sprache“. Weite Teile des Buchs bestehen aus Dialog, Gespräch, Konversation. Die Figuren gewinnen vor allem durch die Sprache plastischen Umriss. Doch hat Fontane die Sprache nirgends stärker als in diesem Buch auch zur sozialen Charakterisierung eingesetzt. Es geht ihm um die falsche Sprache der Bourgeoisie, ihren verlogenen Bildungsbegriff, die Hohlheit der Kulturphrase.

Theodor Fontane bei HansBlog.de:

Handlung Milieus Good­reads.com** Amazon.de Hans­Blog.de
1880* L'Adultera Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch Geschäftsleute in Berlin; etwas Berliner und Schweizer Mundart; eher kurz 3,18 (106 Stimmen) 3,6 (8) 7
1885 Unterm Birnbaum Leben eines Wirtsleute-Ehepaars, nachdem es einen Mord begangen hat; kein Liebesdrama Dorf im Oderbruch um 1831; viel Mundart; eher kurz 3,13 (327) 3,5 (52) 7
1886 Cécile Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe Oberst und andere Militärs, lange in einem Kurort, dann in Berlin 3,4 (85) 3,5 (13) 5
1887 Irrungen, Wirrungen Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin, Ehe ohne Liebe; Kleinbürger und Adlige viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern und adligen Militärs, Schauplatz Berlin und Umland 3,22 (1392)   4,2 (54) 7
1889 Stine Zukunftslose Beziehung über Standesgrenzen hinweg in Berlin zu Versorgungszwecken viel Mundart, Wechsel zwischen Kleinbürgern, Bürgern und Kleinadligen, Schauplatz Berlin 3,31 (85) 3,7 (3) bzw. 4,3 (3) 7
1892 Unwieder­bringlich Ehe unterschiedlicher Charaktere, Ehebruch und dessen Folgen; Adlige lange Dialoge voller historischer Anspielungen; die letzten 60 Seiten plötzlich mit viel Handlung; Schauplatz Ostseedorf und höfisches Kopenhagen 3,72 (292) 4,4 (12) 6
1892 Frau Jenny Treibel Ehen über Standesgrenzen hinweg in Berlin; Kaufleute, Lehrer und Unternehmer Relativ großes Personaltableau, deutliche Satire, keine dramatischen Gefühle oder Konflikte, kaum Mundart 2,97 (627) 4,0 (56) 7
1894 Effi Briest Ehe unterschiedlicher Charaktere und Generationen ohne Liebe, Ehebruch und dessen späte Folgen Wenig Mundart, eher homogenes soz. Mittelschichtmilieu, Schauplatz meist Provinz; lang 3,23 (6656) 3,6 (188) 8
1895 Die Poggenpuhls Soziale Nöte des verarmten Adels Verarmte Majorsfamilie in Berlin, wenig Mundart, wenig Handlung, keinerlei Drama, Geldnot und Klasse sind Themen; kurz 3,36 (61) 4,7 (6) 6
* Datum jw. erstes Erscheinen als Fortsetzungsroman in der Zeitung, nicht als Buch, Quelle jw. Wikipedia ** Maximum Leserwertung bei Amazon und Goodreads jw. 5; bei HansBlog 10; erfasst Juli/August 2017

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