Rezension: Frank, von Richard Ford (2012, engl. Let Me Be Frank With You, Frank-Bascombe-Buch 4 von 4) – 7 Sterne – mit Kritikerstimmen, Übersicht & Video

Anders als die drei vorhergehenden Frank-Bascombe-Bücher ist dies kein durchgehender Roman: Ich-Erzähler Frank Bascombe erscheint in vier gleichlangen Kurzgeschichten mit nicht verbundenen Episoden kurz vor Weihnachten 2006. Die Textmenge ist weit niedriger als bei den Büchern 1 bis 3.

Fehlte dem Autor die Kraft, die Erzählungen in einen großen Roman zu packen? Jede der vier Erzählungen wirkt für sich etwas dünn: Die zweite Geschichte schildert überhaupt nur Bascombe und eine Zufallsbekanntschaft (der Schwerpunkt liegt auf dieser neuen Person); in der dritten Geschichte fährt Bascombe mit dem Auto zu seiner Ex-Frau Ann (die der Leser seit Buch 1 kennt und hier bisher vielleicht vermisste), hält sich aber zuvor viele Seiten lang mit Beschreibungen der Umgebung und Ausmalen von Vorurteilen auf (wie schon aus den Bascombe-Romanen vertraut). In Story 4 zitiert der Ich-Erzähler länger aus Radio-Talkshows.

Die Dialoge in drei von vier Geschichten klingen hochnotpeinlich – kunstvoll geschrieben, aber je nach Lesergemüt kein uneingeschränkter Genuss. Verblüffend: in einer der vier Kurzgeschichten erzählt Bascombe im Präteritum, während alle anderen Kurzgeschichten und Romane im Präsens stehen.

Let me Be Frank With You nannte Richard Ford dieses Frank-Bascombe-Buch ungewohnt offen humoristisch. Daraus hätte der deutsche Verlag leicht Frank und frei machen können – entschied sich jedoch für ein schlichtes Frank als Buchtitel.

Übersicht: Richard Fords Roman-Serie mit Frank Bascombe

Dt. Titel

Der Sportreporter

Unabhängigkeitstag

Die Lage des Landes

Frank

Engl. Titel

The Sportswriter

Independence Day

The Lay of the Land

Let Me Be Frank With You

ersch.

1986

1995

2006

2012

Handlg. im Jahr

1983

1988

2000

2006

Alter & Beruf Ich-Erzähler Frank Bascombe

38 – 39, Sportjournalist

44, Immobilienmakler

55, Immobilienmakler

68, Rentner

ca.-Alter Ford (*1944) bei Ersch.

42

53

62

 

Wertung Amazon.com

3,2 von 5 (226 Stimmen)

3,6 (198 St.)

3,9 (138 St.)

4,0 (296)

Wertung Goodreads.com (jew. Mai 2017)

3,7 von 5 (13890 St.)

3,86 (12591 St.)

3,9 (3339 St.)

3,65 (3133)

Wertung HansBlog.de

8 von 10 (knapp)

8

7 (knapp)

7 (knapp)

bei Amazon.de

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

Jedes der vier Bücher um Ich-Erzähler Frank Bascombe spielt in einer anderen Jahreszeit um einen anderen Feiertag herum: Band 1 um Ostern (Frühling), Band 2 um den Unabhängigkeitstag (Sommer), Band 3 um Thanksgiving (Herbst) und Band 4 um Weihnachten (Winter). Dreißig Jahre altert Bascombe im Verlauf der Bücher. Deutliche Anklänge an US-Stadt- und Vorstadt-Romane von John Updike (speziell die Rabitt-Serie), David Gates, Richard Yates, James Salter und teils Jay McInerney; kaum Anklänge an andere Ford-Bücher wie Eine Vielzahl von Sünden, Rock Springs oder Wild leben.

Die Bascombe-Bände 1 bis 3 sind ähnlich konstruiert und jeweils ziemlich lang: Ich-Erzähler Frank Bascombe ist meist Single, trauert aber immer einer oder mehreren Frauen hinterher und möchte gern neue feste Bande knüpfen. Er fährt um einen Feiertag herum mit dem Auto unstet durch New Jersey, schildert im Präsens seine Umgebung sehr genau und blendet im Präteritum in seine Vergangenheit zurück. In der erzählten Jetztzeit schildert Bascombe filigran Dialoge mit Geschäftspartnern, (Ex-)Lebenspartnerinnen, seinen Kindern oder Zufallsbekannten. Dabei stellt er jederzeit viel Bildung und Lebensphilosophie aus, gelegentlich wird es langatmig und überdetailliert.

Band 4 bringt vier längere Kurzgeschichten mit Ich-Erzähler Frank Bascombe, die alle in derselben Zeit unter gleichbleibenden Voraussetzungen spielen. Die bekannten Figuren sind wieder da, es gibt jedoch keine übergreifende Handlung.

Ich kenne die Romane nur im englischen Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen. Im Englischen schreibt Ford durchweg elegantes smart casual, wenn auch gelegentlich durchsetzt mit männlich herben Flüchen. Das englische Vokabular ließ mich etwas mehr stutzen als bei anderen muttersprachlichen Autoren, hier einige Kostproben aus The Lay of the Land: zany, caustic, daffy, uxorious, copacetic.

Deutschsprachige Kritiken zu Frank:

Spiegel Online:

Noch einmal erweckt Richard Ford diesen wunderbar geschmeidigen Matter-of-fact-Sound, mit der ((sic)) Bascombe schwerste Krisen im leichtesten Ton beschreibt.

Süddeutsche Zeitung:

Frank Bascombe, die melancholische Frohnatur, der Menschenfreund mit Händlerseele, hat viel zu beobachten… Wenn Frank einen über den „Jersey Shore“ führt, fühlt sich das einfach richtig und stimmig an… Irgendwie tut Frank Bascombe allen gut, mit denen er Umgang pflegt, ein kalauernder Alltagsphilosoph, der uns behutsam nahelegt, dass alles viel schlimmer sein könnte

Tageszeitung:

Vor ein paar Tagen war Richard Ford in Berlin. Wer sich mit ihm trifft, findet sich schnell in einem Gespräch über den Klang und den Hallraum einzelner Wörter wieder, sie haben für ihn eine Schwere, sozusagen einen Körper, er spricht etwa von ihrem „Auftritt auf der Seite“ (appearence on the page). Tatsächlich ist bei ihm jeder Satz so sorgfältig auf seinen Klang geprüft – man möchte sagen: die Sätze sind gehört –, dass der Text gleichzeitig lässig und kunstvoll orchestriert klingt. Man höre sich einmal an, wie Richard Ford liest. Der Text ist bis ins Letzte durchfühlt. Dieser Autor behandelt die Wörter mit großem Respekt… ((Über eine Szene:)) unendlich rührend und unsentimental zugleich… Ist ja letztlich auch egal, wer der beste lebende Autor ist. Richard Ford jedenfalls ist ganz, ganz großartig.

Falter.at:

Was an Fords Erzählen beeindruckt, ist der im gesamten Buch herrschende dunkle Witz, der die tragischen Ereignisse immer wieder unterläuft, ohne ihnen ihre Schärfe zu nehmen… Aus all dem ein über weite Strecken heiteres, aber nicht verblödeltes Buch zu machen, mit stetigen Rückbesinnungen auf die eigene oder gemeinsame Vergangenheit, ist eine unerhörte Leistung des Autors. Vielleicht war James Salters letzter großer Roman „Alles, was ist“ – mit ähnlicher Thematik – ein Stück tiefschürfender, aber eben nur ein Stück.

NZZ:

Die vier Geschichten, die Frank uns in der ihm eigenen Art, mit seiner unverwechselbaren Stimme, erzählt – ungerührt, wahrnehmungsintensiv und sarkastisch – , sind allesamt traurig, und doch ist «Frank» über weite Strecken ein komisches Buch…

Frankfurter Rundschau:

Wie bei den Vorgängerbüchern muss man den Fortsetzungscharakter nicht fürchten, auch „Frank“ funktioniert völlig für sich genommen.

Englischsprachige Kritiken:

New York Times:

Structurally and tonally, it has less of the dense plenitude of its forebears, and for this and other reasons it feels like an outlier in the Bascombe canon… Ford’s prose retains its controlled tang, and despite its room-temperature tone can chill or warm a reader with startling immediacy. The trademark holiday setting this time around is Christmas

Guardian:

Frank’s voice, alert to language but laid-back, is one you get to like very quickly… there’s an elegiac tenor to much of Frank’s inner life – but then, there always was

Observer:

The only false note in this pitch-perfect book is its title: Frank Bascombe would not, in the old days, have stooped to the pun… the exquisite pleasure of acquisition of language (larruping, galunker, copacetic)… As you read Richard Ford, the harder you look, the sadder and funnier it gets.

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