Rezension: Der Sportreporter, von Richard Ford (1986, engl. The Sportswriter, Frank-Bascombe-Buch 1 von 4) – 8 Sterne – mit Kritikerstimmen

Ford schreibt mit vielen kleinen und großen Rückblenden. Die Haupthandlung schleppt sich lange dahin, gerät öfter aus dem Blick, und erst im letzten Fünftel kommt überraschend Zug in die Geschichte. Der Ich-Erzähler betont immer wieder seine Vorliebe für blutarme Gegenden – er wohnt bewusst im sterilen New Jersey, zuletzt im flachen Florida, und schildert sich selbst als sehr uninteressant.

Zeitweise schreibt Richard Ford (*1942) Gedankenströme nieder, dann folgen sehr präzise, beklemmende, oft leicht peinliche, unerwünschte Gespräche vor allem unter Männern. Der Ich-Erzähler betont ja selbst (S. 73 meiner engl. Bloomsbury-TB-Ausgabe):

I do not think… it’s a good idea to want to know what people are thinking…

Obwohl Ich-Erzähler Frank Bascombe genau das tut: Er bringt über längere Strecken auch Gedanken und Assoziationen.

Der Ich-Erzähler sagt auch wörtlich zu einem quälend seelenentblößenden Gegenüber (S. 184, hier kursiviert wie im Roman):

I don’t want to hear anything that’ll embarass me, Walter. Not in any way.

Genau an solchen unerwünschten Begegnungen und Aussprachen scheint sich Richard Ford jedoch zu weiden, und er ist ein Meister dieser geschraubten Aussprachen.

Während die Dialoge überzeugen und beklemmen, wirken manche Wortwechsel zugleich etwas geschriftstellert, zu smart. Was mir noch auffällt, sind wiederholte Klischees über Südstaatler, Midwesterner und Afroamerikaner.

Die Geschichte beginnt sofort weinerlich: Morgens um 5 auf dem Friedhof trauert Bascombe um seinen toten Sohn und um seine geschiedene Ex-Frau, die zu ihm stößt. Tod und Scheidung ziehen sich dann etwas aufdringlich melodramatisch durch den Roman.

Verblüffend, dass Ford kurz darauf Erzählungen und einen Roman vorlegte, die im ländlichen Montana spielen und sich in Perspektive, Kulisse und Tonfall deutlich von der gesamten Bascombe-Reihe unterscheiden.

Übersicht: Richard Fords Roman-Serie mit Frank Bascombe

Dt. Titel

Der Sportreporter

Unabhängigkeitstag

Die Lage des Landes

Frank

Engl. Titel

The Sportswriter

Independence Day

The Lay of the Land

Let Me Be Frank With You

ersch.

1986

1995

2006

2012

Handlg. im Jahr

1983

1988

2000

2006

Alter & Beruf Ich-Erzähler Frank Bascombe

38 – 39, Sportjournalist

44, Immobilienmakler

55, Immobilienmakler

68, Rentner

ca.-Alter Ford (*1944) bei Ersch.

42

53

62

 

Wertung Amazon.com

3,2 von 5 (226 Stimmen)

3,6 (198 St.)

3,9 (138 St.)

4,0 (296)

Wertung Goodreads.com (jew. Mai 2017)

3,7 von 5 (13890 St.)

3,86 (12591 St.)

3,9 (3339 St.)

3,65 (3133)

Wertung HansBlog.de

8 von 10 (knapp)

8

7 (knapp)

7 (knapp)

bei Amazon.de

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

Jedes der vier Bücher um Ich-Erzähler Frank Bascombe spielt in einer anderen Jahreszeit um einen anderen Feiertag herum: Band 1 um Ostern (Frühling), Band 2 um den Unabhängigkeitstag (Sommer), Band 3 um Thanksgiving (Herbst) und Band 4 um Weihnachten (Winter). Dreißig Jahre altert Bascombe im Verlauf der Bücher. Deutliche Anklänge an US-Stadt- und Vorstadt-Romane von John Updike (speziell die Rabitt-Serie), David Gates, Richard Yates, James Salter und teils Jay McInerney; kaum Anklänge an andere Ford-Bücher wie Eine Vielzahl von Sünden, Rock Springs oder Wild leben.

Die Bascombe-Bände 1 bis 3 sind ähnlich konstruiert und jeweils ziemlich lang: Ich-Erzähler Frank Bascombe ist meist Single, trauert aber immer einer oder mehreren Frauen hinterher und möchte gern neue feste Bande knüpfen. Er fährt um einen Feiertag herum mit dem Auto unstet durch New Jersey, schildert im Präsens seine Umgebung sehr genau und blendet im Präteritum in seine Vergangenheit zurück. In der erzählten Jetztzeit schildert Bascombe filigran Dialoge mit Geschäftspartnern, (Ex-)Lebenspartnerinnen, seinen Kindern oder Zufallsbekannten. Dabei stellt er jederzeit viel Bildung und Lebensphilosophie aus, gelegentlich wird es langatmig und überdetailliert.

Band 4 bringt vier längere Kurzgeschichten mit Ich-Erzähler Frank Bascombe, die alle in derselben Zeit unter gleichbleibenden Voraussetzungen spielen. Die bekannten Figuren sind wieder da, es gibt jedoch keine übergreifende Handlung.

Ich kenne die Romane nur im englischen Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen. Im Englischen schreibt Ford durchweg elegantes smart casual, wenn auch gelegentlich durchsetzt mit männlich herben Flüchen. Das englische Vokabular ließ mich etwas mehr stutzen als bei anderen muttersprachlichen Autoren, hier einige Kostproben aus The Lay of the Land: zany, caustic, daffy, uxorious, copacetic.

Deutsche Kritikerstimmen:

Neue Zürcher Zeitung:

Immer wieder formuliert er Sätze, die das Wesens des Sports trefflich beschreiben… Richard Ford wäre aber kein Amerikaner, würde er über den Sport nicht die grossen gesellschaftspolitischen Themen reflektieren. So entpuppt sich eine oberflächliche Konversation über Baseball plötzlich als Grundsatzdiskussion über Ehe, Familie und Krieg

Deutschandfunk 2007:

…erzeugt mit einem Minimum an äußerem Geschehen ein Maximum an innerer Spannung. Seite um Seite, von Parkplatz zu Parkplatz, von Pinkelpause zu Pinkelpause begleitet er in seiner Trilogie die Fährnisse des Helden Bascombe

Ulrich Greiner in der Zeit 1989:

… ein grandioses Buch… Es schildert das Leben, wie es ist: ein bißchen Philosophie, ein bißchen Introspektion, ein bißchen Sex und Tod. Mit einem Wort: genau das, was man lesen will… wenn wir seinem leutseligen Redefluß zuhören, so wissen wir nie so recht, ob wir ihn gräßlich finden sollen oder amüsant, deprimierend oder erheiternd. Der Schrecken der Normalität: Das haben wir alle schon mal gelesen und erlebt sowieso… ((Der Ich-Erzähler)) schwadroniert und philosophiert daher mit banalen Einsichten, aber Richard Ford gönnt dem Leser nicht das Vergnügen, sich über diesen Mann erheben zu können. Er ist einer von uns… Die Druckfehler, die dem Korrektor des Rowohlt Verlages, falls er einen hat, im „Sportreporter“ entgangen sind, verdienen eine hervorragende Erwähnung… dann gibt es Sätze, die von Druckfehlern so entstellt sind, daß ihr Sinn sozusagen nur noch opak leuchtet. Immerhin scheint „Der Sportreporter“ von Hans Hermann, soweit sich das ohne genauen Vergleich mit dem Original sagen läßt, gut übersetzt. Der deutsche Text liest sich flüssig und ist frei von Anglizismen.

US-Kritiker:

Michiko Kakutani in der New York Times 1986:

…powerful new novel… a book that can stand alongside such works as Mr. Percy’s “The Moviegoer“ and Richard Yates’s “Revolutionary Road“ as a devastating chronicle of contemporary alienation… There are times when Frank’s discursive monologue on his life, past and present, becomes long-winded and overly meditative – the novel would probably have benefited by being edited by some 50 pages – but his voice, as rendered by Mr. Ford, is so pliant and persuasive that we are insistently drawn into his story. It is a journalist’s voice – observant of people and places, astringent in its attempt to eschew the sentimental

Kirkus Reviews (eine der wenigen kritischen Besprechungen):

For all its technical virtuosity, Ford’s chummy narrative fails to transcend its rather tired genre: the male, mid-life crisis novel. Unavoidably confessional… it’s never very clear in this confused novel what Frank wants, except to convince the reader that „being a man gets harder all the time.“ Ford’s singular voice seems squandered on such disposable wisdom and such an insignificant life.

Time (in der Reihe All-Time 100 Novels):

… this beautifully calibrated book… Ford is masterful at describing hard-won and precarious emotional equilibriums of a kind you very well may recognize as your own…

Alice Hoffman in der New York Times 1986:

((Über den Ich-Erzähler:)) The novel’s cool, flat tone reflects his interior state… it suffers from a lack of compelling action and an emphasis on Bascombe’s dry meditations… Mr. Ford’s admirable talents, which include an extraordinary ear for dialogue and the ability to create the particulars of everyday life with stunning accuracy (on Bascombe’s trip to Detroit with Vicki, for instance), are not well served in a novel given to abstract analysis.

 

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