Rezension: Die Lage des Landes, von Richard Ford (2000, engl. The Lay of the Land, Frank-Bascombe-Buch 3 von 4) – 7 Sterne – mit Kritikerstimmen

Wie in den vorangegangenen Bascombe-Romanen: Richard Ford schreibt eine Kette von Dialogen, unterbrochen durch viele Autofahrten voller Grübeleien und Rückblenden. Zwar lässt sich Die Lage des Landes auch einzeln konsumieren, doch wer Akteure wie den Wohnimmobilienmakler Bascombe, seine Ex-Frau Ann oder seine zweite Frau Sally näher kennen lernen möchte, sollte zumindest den unmittelbaren Vorgängerband Unabhängigkeitstag lesen (der zudem besser und etwas kürzer ist). Wie immer bringt Ford kein „Was bisher geschah“, sondern nur flüchtige Verweise auf früher Geschildertes, stellt so subtile, aber befriedigende Verbindungen zu den älteren Büchern her.

Ford schreibt lakonisch, flüssig und gebildet wie immer, doch dieser Roman fällt speziell gegen Unabhängigkeitstag – den zweiten Bascombe-Band – etwas ab:

  • Der Ich-Erzähler wirkt etwas rüder, verwendet deutlich mehr vierbuchstabigen Unflat (auch in Verbindung mit immerwährendem Harndrang) und lässt sich sogar auf eine stumpfe Prügelei ein.
  • Die Krankheit des Ich-Erzählers erscheint so ausführlich, dass ich erstmals den unangenehmen Eindruck hatte, hier baut Ford überflüssig Privates in den Roman ein (sonst denke ich das vor allem bei neuen deutschsprachigen Autoren).
  • Die Verallgemeinerungen und Spekulationen des Ich-Erzählers wirken diesmal besonders ausführlich und erdrücken die tatsächlich gelebten Momente (ob in der erzählten Jetztzeit oder als Rückblende).
  • Die Handlung schwächelt: Unter anderem spekuliert Bascombe ausgedehnt über den Besuch bei einer ihm bis dato unbekannten Marguerite Purcell; dieser Besuch fällt dann sehr unspektakulär aus, und Marguerite spielt im weiteren Roman praktisch keine Rolle mehr; auch die Erzählungen von einer gewissen Bernice gegen Ende kommen überraschend und tragen nichts zur Handlung bei; ebensowenig der mutmaßliche Bombenanschlag auf ein Krankenhaus.
  • Der Ich-Erzähler hat diesmal einen buddhistischen Kollegen, der ihm auch buddhistische Lektüre überlässt – Anlass zu mild bizarren, lebensphilosophischen Gedanken, die aufgesetzt und teils klischiert wirken (freilich beweist die Hauptfigur schon ab Band 1 einen enormen humanistischen Hintergrund). Und schließlich:
  • Der Roman hat ein scheinbar dramatisches Ende – und dann noch einmal 25 sehr langatmige Seiten danach.

Gleichwohl bleibt Richard Ford ein souveräner, unterhaltsamer Erzähler.

Übersicht: Richard Fords Roman-Serie mit Frank Bascombe

Dt. Titel

Der Sportreporter

Unabhängigkeitstag

Die Lage des Landes

Frank

Engl. Titel

The Sportswriter

Independence Day

The Lay of the Land

Let Me Be Frank With You

ersch.

1986

1995

2006

2012

Handlg. im Jahr

1983

1988

2000

2006

Alter & Beruf Ich-Erzähler Frank Bascombe

38 – 39, Sportjournalist

44, Immobilienmakler

55, Immobilienmakler

68, Rentner

ca.-Alter Ford (*1944) bei Ersch.

42

53

62

 

Wertung Amazon.com

3,2 von 5 (226 Stimmen)

3,6 (198 St.)

3,9 (138 St.)

4,0 (296)

Wertung Goodreads.com (jew. Mai 2017)

3,7 von 5 (13890 St.)

3,86 (12591 St.)

3,9 (3339 St.)

3,65 (3133)

Wertung HansBlog.de

8 von 10 (knapp)

8

7 (knapp)

7 (knapp)

bei Amazon.de

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

dt. Ausgabe

engl. Ausgabe

Jedes der vier Bücher um Ich-Erzähler Frank Bascombe spielt in einer anderen Jahreszeit um einen anderen Feiertag herum: Band 1 um Ostern (Frühling), Band 2 um den Unabhängigkeitstag (Sommer), Band 3 um Thanksgiving (Herbst) und Band 4 um Weihnachten (Winter). Dreißig Jahre altert Bascombe im Verlauf der Bücher. Deutliche Anklänge an US-Stadt- und Vorstadt-Romane von John Updike (speziell die Rabitt-Serie), David Gates, Richard Yates, James Salter und teils Jay McInerney; kaum Anklänge an andere Ford-Bücher wie Eine Vielzahl von Sünden, Rock Springs oder Wild leben.

Die Bascombe-Bände 1 bis 3 sind ähnlich konstruiert und jeweils ziemlich lang: Ich-Erzähler Frank Bascombe ist meist Single, trauert aber immer einer oder mehreren Frauen hinterher und möchte gern neue feste Bande knüpfen. Er fährt um einen Feiertag herum mit dem Auto unstet durch New Jersey, schildert im Präsens seine Umgebung sehr genau und blendet im Präteritum in seine Vergangenheit zurück. In der erzählten Jetztzeit schildert Bascombe filigran Dialoge mit Geschäftspartnern, (Ex-)Lebenspartnerinnen, seinen Kindern oder Zufallsbekannten. Dabei stellt er jederzeit viel Bildung und Lebensphilosophie aus, gelegentlich wird es langatmig und überdetailliert.

Band 4 bringt vier längere Kurzgeschichten mit Ich-Erzähler Frank Bascombe, die alle in derselben Zeit unter gleichbleibenden Voraussetzungen spielen. Die bekannten Figuren sind wieder da, es gibt jedoch keine übergreifende Handlung.

Ich kenne die Romane nur im englischen Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen. Im Englischen schreibt Ford durchweg elegantes smart casual, wenn auch gelegentlich durchsetzt mit männlich herben Flüchen. Das englische Vokabular ließ mich etwas mehr stutzen als bei anderen muttersprachlichen Autoren, hier einige Kostproben aus The Lay of the Land: zany, caustic, daffy, uxorious, copacetic.

Deutschsprachige Kritiker zu Lage des Landes:

Ulrich Greiner in der Zeit:

Mit einer gehörigen Portion an Witz und Komik… Frank, den wir als einen unverdrossenen Optimisten kennen, stolpert hier als Bruder Charlie Chaplins durch eine immer absurder werdende Szenerie… Das wirklich Bedauerliche ist aber, dass uns Franks Schicksal nicht übermäßig nahegeht. Das liegt, um es offen zu sagen, ganz einfach daran, dass dieser dritte Bascombe-Band erheblich zu lang ist… Nicht allein wegen der überbordenden Handlungsströme und -rinnsale, sondern vor allem wegen Fords ausufernder Beschreibungsmanie…. Vor allem aber ist der Roman zerrissen – zerrissen zwischen schöner Empathie und schriller Karikatur… Die Verzerrungen ins Comichafte und Karikaturistische lassen den Roman angestrengt, gewaltsam erscheinen, und die letzten 80 Seiten sind eine unplausible Achterbahn der Schlüsse, Umschwünge und Neuanfänge… Die erzählerische Ökonomie, als deren Meister sich Ford vor allem in seinen wunderbaren Kurzgeschichten zeigt, hat ihn hier nicht selten verlassen… In diesem Buch wirkt Ford wie gedopt. Er stapelt mit geradezu wütender Kraft immer neue Geschichten aufeinander… so liest man den Roman mit äußerst gemischten Gefühlen, zeitweise gelangweilt durch seine besessene Ausführlichkeit, dann wieder begeistert von den Binnenerzählungen ((Zur Übersetzung:)) Glanzvoll.

NZZ:

Bascombe durchdringt alle Fragen seiner Existenz mit tagheller Intelligenz und mit ahnungsvoller Phantasie. Alles erzählt er uns detailliert… alles in der Welt überzieht er mit seinem Witz und Sarkasmus, auch sich, seinen Prostatakrebs und seine lesbische Tochter, aber er überreizt es nicht, nie ist man in diesen bei allem Ernst ungemein komischen Büchern zu sagen versucht: «Diesen Witz hättest du nun besser gelassen.»… Selten lohnen sich fast 700 eng bedruckte grosse Seiten so sehr.

FAZ:

Mit der „Lage des Landes“ ließe sich ein gutes und repräsentatives Stück Amerika (Haddam, New Jersey, Stand November 2000) nachstellen, samt Straßenführung, Bebauungsplänen, Fassadenformen, Gartengestaltung, Supermarkt- und Dinerketten; der Alltag dieser Ostküsten-Hochkultur wäre in Arbeitsleben und Freizeitverhalten, Essgewohnheiten, Kleidung und Gesprächsritualen bis ins Detail zu rekonstruieren: eine Karte der Kleinstadtwelt im Maßstab eins zu eins… Verglichen mit den Genre-Vorbildern wie Updikes Rabbit-Tetralogie (Bascombe ist genauso alt wie Harry Angstrom im entsprechenden vierten Band) oder Philip Roths Zuckerman-Büchern, legt Ford auf den Plot kaum Wert. Dafür entwickelt bei ihm die fast ethnographisch „dichte“ Beschreibung einen eigenen Sog… Zu den großen Stärken des Buches zählen die wie hingetuscht wirkenden Beziehungsdramen… insgesamt hat der Übersetzer Frank Heibert großartige Arbeit geleistet

Englischsprachige Kritiker:

Michiko Kakutani in der New York Times:

This novel showcases many of Mr. Ford’s gifts: his ability to capture the nubby, variegated texture of ordinary life; his unerring ear for how ordinary people talk; his talent for conjuring up subsidiary characters with a handful of brilliant brushstrokes. But it is a padded, static production, far more overstuffed with unnecessary asides and digressions than its predecessors… the reader has to hear about every time he needs to visit the men’s room, every time he gets in his car, every time he has a phone conversation… lots of longwinded meditations about mortality… lots of longwinded musings about marriage and relationships… Many of the other central events in this novel feel oddly synthetic… Although there are some wonderful, deeply moving passages in “The Lay of the Land” that evoke what it is like to be a middle-aged, middle-class man at the turn of the millennium, these passages are buried beneath pages and pages of self-indulgent self-analysis and random ruminations about real estate in New Jersey — not the makings of a fitting follow-up to “The Sportswriter” and “Independence Day,” only the stale ingredients of an unnecessary and by-the-numbers sequel.

Daily Beast:

The Lay of the Land was an even better, fuller novel ((vergl. mit Independence Day)), an apogee of classic realism blending the sociological with Frank’s realty and the psychological with his death-haunted, family-plagued, and all-musing sensibility.

Kirkus Reviews:

The third and most eventful novel in the Frank Bascombe series takes a whiplash turn from comedy (occasionally slapstick) toward tragedy… not as consistently compelling as Independence Day (too many chickens coming home to roost)…

Observer:

Shot through with quiet comedy and capable of sudden, wrenching pathos… Often in the book, you feel like you could listen to Frank observing his life for ever; very occasionally, it feels like you are. There’s not a line in the nearly 500 pages that you would want to lose, though.

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