Kritik Kurzgeschichten. W. Somerset Maugham: Collected Short Stories Volume 4 – 7 Sterne

Die Bände 1, 2 und 4 der Collected Short Stories sind sehr heterogen: Sie versammeln Geschichten mit unterschiedlichsten Entstehungsjahren, Längen, Themen und Schauplätzen. Auch Band 4 mischt Geschichten aus England, Malaya und der Südsee, erschienen zwischen 1923 und 1946.

Nur hier in Band 4 gibt es Geschichten aus Süditalien (Positano, Capri). Singapur, Vietnam und die Strafkolonie in Frz.-Guyana sind weitere Schauplätze, die in den anderen Sammelbänden zumindest nicht im Vordergrund stehen. Außerdem erscheinen hier, wie in Vol 2, besonders viele fernasiatische Geschichten – nicht nur die etablierten Maugham-Schauplätze Malaya und Südsee, sondern hier auch mehrfach Burma und Vietnam – die Texte von dort gehören offenbar auch zu Maughams Reisebericht Gentleman in the Parlour (1930).

Wiederkehrende Themen und Stilmittel:

Nur hier gibt es vier kurze Anekdoten zum Thema Pokerspiel. Weitere Themen:

melodramatisches Finale | weißes Leben in heißen Kolonien, teils traurig tropisch, dramatisch | Kurzportraits eigenwilliger Käuze in Südsee-Einsamkeit | Heiraten gegen den Willen der Eltern und kleinbürgerliches Klassenbewusstsein, auch per Karikatur der wörtlichen Rede | Strafgefangene und ihre Verbrechen | unleidliche Ehefrauen, Ehebruch | heiße Strafkolonie

Diese Geschichten stehen in Maughams  Collected Short Stories Volume 4 u.i.w. Ausgaben:

The Book-Bag 1932 Malaya   Ev31, B17, B10, MFE
French Joe 1926 Südsee 7/10 Eigenwillige Figuren auf kleiner Südsee-Insel, u.a. French Joe, der auf ein langes abenteuerliches Leben zurückblickt. Sehr kurz. – Atmosphärische Reisebegegnungen, gut erzählt. Die Hotelwirtin in der Einsamkeit erinnert in ihrer praktisch-zupackenden Art an die Hotelwirtin in der Türkei in In a Strange Land (Shorties Vol 2).  
German Harry 1924 Südsee 7/10 Einsiedler auf kleinem Südsee-Eiland und die Kutterfahrt zu ihm. – Mehr atmosphärische Reisebegegnungen eines sicheren Erzählers. Wieder sehr kurz.  
The Four Dutchmen 1928 Singapur   MFE
The Back Of Beyond 1931 Malaya   Ev31, MFE
P. & O. 1923 Dampfer   B17, B10, FET
Episode 1946 England 5,5/10 Gefangenenbetreuer erzählt auf Hi-So-Party Geschichten von kleinen Leuten, u.a.: Mann liebte Mädel so, dass er für sie stahl, sie will ihn nach dem Gefängnis heiraten, Eltern sein dagegen sehr. – Melodramatisches Ende, zu verschachtelte Geschichten in der Geschichte, Mischung aus Arbeiterklasse und Londoner Snobs. Momentweise brillianter Dialog, aber nur momentweise. Typisch Maugham hier: Strafgefangene im Gefängnis und ihre Vorgeschichte (4x in Vol. 4). Der Erzähler der Binnengeschichte, Ned Preston, kehrt in The Kite (Shorties Vol 4) wieder, und beide Geschichten wurden WSM lt. Selina Hastings von seinem Sekretärfreund Alan Searle zugetragen (Link zu Ersterscheinen, ursprünglichem Titel und Zeitschriftenillustration). Beide Geschichten behandeln Heirat gegen den Willen der Eltern und Klassenbewusstsein.  
The Kite 1946 London 7/10 Junge Ehefrau will nicht dulden, dass ihr Mann Drachen steigen lässt und wirft ihn raus. Er zieht zurück ins Hotel Mama und verweigert der Ex Unterhalt. Dies wird dem Ich-Erzähler in einer Rahmenhandlung berichtet von einem ehrenamtlichen Gefangenenbetreuer. – Sehr flüssig und fast spannend erzählt, hübsche Sozialskizze, die junge Ehefrau ist jedoch sehr unrealistisch. Hat offenbar Noten von Freud und Ödipus (Blogbeispiel). Typische Maugham hier: Strafgefangene im Gefängnis und ihre Vorgeschichte (4x in Vol. 4). Der Erzähler der Binnengeschichte, Ned Preston, kehrt in der Kurzgeschichte Episode (Shorties Vol 4) wieder, und beide Geschichten wurden WSM lt. Selina Hastings von seinem Sekretärfreund Alan Searle zugetragen (Link zu Kite-Ersterscheinen, ursprünglichem Titel und Zeitschriftenillustration). Beide Geschichten behandeln Heiraten gegen den Willen der Eltern und kleinbürgerliches Klassenbewusstsein, sind jedoch nicht so glamourös wie die englischen Sozialsatiren aus Vol 2.   
A Woman Of Fifty 1946 Florenz, US-Provinz 8/10 Junge US-Amerikanerin in Florenz heiratet jungen Italiener, lebt mit ihm und ital. Schwiegervater; ein Verbrechen geschieht; ein überraschendes Wiedertreffen 25 Jahre später im Mittleren Westen der USA. – Sehr souverän, sehr plastisch erzählt. Die Zeit-Ort-Sprünge über 25 Jahre und den Atlantik gelingen mühelos. Liebespaare sehr ungleichen Alters schildert Maugham immer wieder.  
Mayhew 1923 Capri 3,5/10 Reicher Ami kauft im Suff unbesehen capresische Villa. Wieder nüchtern, zieht er tatsächlich nach Capri und verändert sich drastisch. – Sehr mechanisch konstruiert, sehr unrealistisch, Kopfgeburt, kaum Dialog. Sehr kurz. Geschichte nicht unbeliebt. Variante der Capri-Geschichte The Lotus Eater (Shorties Vol 4). Ev31
The Lotus Eater 1935 Capri 4,5/10 Aussteiger erzählt seinen Weg ins süße Nichtstun, und die Lösung, wenn das Geld zu Ende geht. – Beliebte, für bedeutungsvoll gehaltene Geschichte, in der nicht viel passiert, außer dass Maugham eine Capri-Bekanntschaft portraitiert. Viel Moral, wenig Dialog, wenig Handlung. Billiger Trick, dass Maugham eine ungewöhnliche Eigenschaft des „Lotus Eaters“ sofort mehrfach dramatisch andeutet, aber lange nicht erklärt. Variante der Capri-Geschichte Mayhew (Shorties Vol 4) (engl. Wiki).       
Salvatore 1924 Capri Erster Eindruck: offenbar über gutgebauten Fischersohn auf Capri. Ton ölig und dialogfrei. Sehr kurz. Nicht gelesen.  
The Wash-Tub 1929 Italien 3/10 In der Rahmenhandlung in einem leeren Hotel in Positano trifft der Ich-Erzähler einen gepflegten Amerikaner. Dessen amerikanische Frau amüsiert sich gerade in London und erregt Aufmerksamkeit mit der Mär, ihr Mann sei ein wilder Cowboy und habe zwei mit einer Kugel erschossen. – Läppische Anekdote, die auch in der Mongolei spielen könnte, fast schon Lesertäuschung, wirkt teils wie Zeilenschinderei, natürlich in souveränem Maugham-Parlando. Kurz.  
A Man With A Conscience 1939 Strafkolonie Frz.-Guyana, Frankreich 7/10 Der Ich-Erzähler besucht die Strafkolonie in Französisch-Guyana und berichtet allgemein von dort, fast wie ein Journalist. Dann erzählt ihm ein netter Häftling die Binnenhandlung einer Straftat in Le Havre. – Nachvollziehbare, spannende Geschichte, jedoch auf den ersten Seiten zu zäh langatmig. Typisch Maugham hier: Eine Frau zwischen zwei Männern, Strafgefangene im Gefängnis und ihre Vorgeschichte mit Liebe und Verbrechen (4x in Vol. 4), Mord am Ehepartner. Typischer Maugham-Stil mit schwadronierendem Einstieg, Rahmen- und Binnenhandlung, dadurch wechselnden Perspektiven, jedoch jederzeit nachvollziehbar. Schauplatz, Themen, Erzählweise erinnern deutlich an  Kurzgeschichte An Official Position (Vol 4).  
An Official Position 1937 Strafkolonie Frz.-Guyana, Frankreich 7/10 Frz. Polizist in Ehehölle, dann geschieht ein Verbrechen, er kommt in die Strafkolonie nach Frz.-Guyana, wird dort Scharfrichter vom Dienst. – Kunst- und stimmungsvoll mit zwei Rückblenden, Binnen- und Rahmenhandlung erzählt, zwar ohne Dialog, aber auch ohne einleitendes Geschwafel. Makabres Plaudern über Guillotinenpflege. Gegen Ende sehr spannend und kurz schockierend. Typisch Maugham hier: Strafgefangene im Gefängnis und ihre Vorgeschichte (4x in Vol. 4). Schauplatz, Themen, Erzählweise erinnern deutlich an  Kurzgeschichte A Man with a Conscience (Vol 4).  
Winter Cruise 1943 Dampfer 8/10 Dauerschwafelnde Engländerin treibt Herrenbesatzung auf dt. Frachtschiff in den Wahnsinn. Schließlich glauben die alten Seebären zu wissen, was ihr („she had a long, stupid face“) wirklich fehlt und wer ihr helfen sollte. Ein heikles Unterfangen. – Sehr witzige, dialogreiche und flüssige Geschichte, obwohl auf den ersten drei Vierteln nicht viel passiert. Müsste heutige Kulturcanclerinnen empören. Unerträglich unentrinnbare Dampfplauderer im Zugabteil oder a.d. Schiff beschreibt WSM auch in Mr. Know-All (Vol 1) und Mr Harringtons Washing (Vol 3).  
Mabel 1924 Burma offenbar auch Teil von Maughams Reisebuch Gentleman in the Parlour FET
Masterson 1929 Burma offenbar auch Teil von Maughams Reisebuch Gentleman in the Parlour MFE
Princess September   Märchen in Thailand  offenbar auch Teil von Maughams Reisebuch Gentleman in the Parlour  
A Marriage Of Convenience 1929 Dampfer offenbar auch Teil von Maughams Reisebuch Gentleman in the Parlour   
Mirage 1929 Vietnam offenbar auch Teil von Maughams Reisebuch Gentleman in the Parlour Ev31
The Letter 1924 Singapur, Malaya 8,5/10 Verheiratete weiße Siedlerin auf einsamer Plantage erschießt Weißen in Notwehr und kommt zunächst in Untersuchungshaft, wohl nur für wenige Tage bis zum erwarteten Freispruch vor Gericht. Dann taucht ein belastender Gegenstand auf. Die Geschichte spielt überwiegend in Singapur in Kanzleien, im Gefängnis und im Gericht. – Maugham konstruiert raffinierte Konflikte zwischen den Prozessparteien, aber vor allem auch einen ethischen und evtl. ethnischen Konflikt in der Kanzlei des Verteidigers. Spannend, ein Krimi mit unterschiedlichen offenen Fragen bis zur letzten Seite, nüchtern ohne Schwadronieren oder Dramatisieren weitgehend in Dialogen erzählt. Das Ende trifft zwei Protagonisten auf sehr unterschiedliche Art. Ausnahmsweise agieren Nichtweiße hier nicht nur als Diener oder Bettler. Weil die Geschichte nur einen kurzen Zeitraum schildert, wirkt sie nicht ganz so episch wie andere Maugham-Stories aus Malaya oder der Südsee. Das Trio unverheirateter Mann/verheiratete Frau/Chinesin erinnert an A Casual Affair (Vol 4). Sehr beliebt, viel gedruckt und in Top-10-Listen, auch als Theaterstück und auf dessen Basis mehrfach als Film, u.a. 1940 mit Bette Davis (The Letter, dt. Das Geheimnis von Malampur). Ev31, B17, B10,

MFE

The Outstation 1924 Borneo 7/10 Im britischen Außenposten an ödem Fluss muss der steif-formelle Gesandte mit einem aufreizend laxen, groben weißen Assistenten leben. – Sehr bekannter Text, dt. Die Dschungel-Residenz. Lustvoll zäher Spannungsaufbau, Britishness und Gegensätze zu dick aufgetragen, Kolonialismus. – Eine vag ähnliche Maugham-Story aus der Südsee: Mackintosh (1921) in Collected Short Stories Volume 1 (lt. Guardian ist Mackintosh besser als Outstation, HansBlog stimmt dem nicht zu). Die Ausgangssituation (zwei weiße Gegenspieler, die zur selben Organisation gehören, auf einem öden Borneoflussposten) erinnert deutlich an Joseph Conrads Almayers Wahn bzw. Almayers Luftschloss. Ev31, MFE
The Portrait Of A Gentleman 1925 Korea Ab hier kommen vier kurze Geschichten über Pokern. Diese erste handelt vom Wühlen in einem Antiquariat in Seoul, dabei taucht überraschend ein altes Poker-Buch auf – belanglos, abgebrochen.  
Raw Material 1923 Dampfer, New York 3,5/10 Der Ich-Erzähler trifft zwei mutmaßliche Pokerprofis oder Falschspieler auf einem Dampfer, später eine überraschende Wiederbegegnung und eine Erkenntnis. – Belanglos, enttäuschend. Kurz.  
Straight Flush 1929 Dampfer 4,5/10 Der Ich-Erzähler trifft im Schiffssalon zwei alte Herren, der eine raucht und pokerte nicht seit 57 Jahren und erzählt seinen dramatischen Grund dafür. – Belanglos, kurz.  
The End Of The Flight 1926 Borneo   FET
A Casual Affair 1934 Borneo, England 7/10 Engländer hat Affäre mit Verheirateter in London, glaubt an große Liebe, sie jedoch plant anderes. – Maughamesk kunstvoll erzählt mit leicht nachvollziehbaren Rückblenden und Perspektivwechseln, interessanten Nebenfiguren. Die Liebe tönt hier aber hohl pathetisch und melodramatisch. Konstellation unverheirateter Mann/verheiratete Frau/Chinesin erinnert an The Letter (Vol 4). Offenbar nicht in (More) Far Eastern Tales, obwohl es hineinpasst.  
Red 1921 Südsee Offenbar Liebesgeschichte, „she was sixteen and he was twenty… love pure and simple…“. Gähn. Schon der Einstieg per Rahmenhandlung (fetter Frachterkapitän, asketischer schwedischer Philosoph in Inselbude) ist zu schwafelhaltig. Abgebrochen. – Offenbar nicht in South Sea Stories, obwohl es hineinpasst. Immerhin liefert Maugham im Einstieg einige seiner wiederkehrenden, schönen Palmenbeschreibungen: „The coconut trees were like a ballet of spinsters, elderly but flippant, standing in affected attitudes with the simpering graces of a bygone age… as fanciful as women, and as vain. They stood at the water’s edge all day looking at their reflections.“ Die ersten Seiten mit der Bootslandung erinnern stark an Maughams Roman Südsee-The Narrow Corner. B17, RSt
Neil Macadam 1932 Borneo   FET
  Ø 6,1    

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