Esther Becker schreibt eigentlich knapp, hart, und schwafelfrei über junge Frauen. Sogar ich als scheiße alter weißer Mann lese das gern. Dass Becker (*1980) am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte, wusste und merkte ich zum Glück nicht. Gut vorstellbar, dass dieses Material auf der Bühne funktioniert.
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Allerdings verumständlicht Esther Becker mehrere Texte durch unübersichtliche „du“-Anreden oder „Man stelle sich vor“-Konditionalismen. Nicht meine erste Wahl sind auch Prosagedichte, die wie Lauftext mit verunglückten Zeilenumbrüchen wirken. Und so ist der Gesamteindruck der 14 Geschichten sehr gemischt – Durchschnittswertung 5,18/10.
Öfter gibt es im Buch: zurückgewiesene Liebe, Verlassenwerden – lesbischer Liebeskummer mit öffentlichen Tränen – Mitleid der Umwelt – fiese Männer – urbanes Ambiente, sicher Berlin – Liebhaber(in?) mit unbekanntem Geschlecht, teils im Erzählstrom mit „du“ angeredet – Schminke, (unterlassenes) Epilieren, Lockenbrennstabpannen u.ä. – Entgleiten zunächst plausibler Geschichte ins Unrealistische bis Fantastische – erstaunlich wenig Englisch
Assoziation: Die Kurzgeschichten von Saba Sams sind noch rotziger
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Ich war hier (7,5/10):
Frau verlässt ihren one-night-stand am frühen Morgen, die andere zeigt keine Gefühle beim Abschied.
Erfrischend nüchterne, harte Kürzestgeschichte. Die Parallelen zwischen nicht unberührtem Schnee und herzloser Loverin klingen etwas aufdringlich. Die Idee mit dem in den Schnee gepinkelten Satz gefällt mir, und dass die Ich-Erzählerin ihr gelbes Statement frustrierend nicht zu Ende bringt. (Von anatomischen Schwierigkeiten sagt sie nichts.)
Luftraum (6,5/10):
Superreiche Familie geht Einkaufen, plant sechsstellig teure Geburtstagsfeier für die 16-Jährige, demütigt Verkäufer und Zuarbeiter. Die 16-Jährige ist zunächst schüchtern, später so herrisch arrogant wie ihre Mutter, ein Ex-Model.
Amüsant zu drastisch karikierte Selbstherrlichkeit der Luxusfamilie; die Wandlung der Tochter zum Drachen klingt unglaubwürdig. Knapper Querbezug zur Geschichte Notfallkontakte.
Ast (5/10):
Ein stinkender Mann in Lederjacke will die Ich-Erzählerin ins Gebüsch ziehen. Sie kann sich losreißen und denkt über Verhinderung künftiger Attacken nach.
Beginnt mit Versen wie ein Prosagedicht, klingt aber wie Prosa. Spricht mich nicht an. Assoziation: auch in Beckers Roman Wie die Gorillas (2021) wird offenbar eine Frau ins Gebüsch gezogen, kann entkommen.
Anleitung für den Abstieg (3,5/10):
Das Loch in der Küche wird immer größer. Erst passt nur ein Zeh hinein, dann stürzen der Kühlschrank und der Herd hinab. Die Geschichte wird fantastisch.
Die ersten Absätze klingen noch realistisch und amüsieren. Das Fantastische lässt mich kalt. Die Geschichte ist wohlgemerkt klasse, aber ich persönlich kann halt damit nichts anfangen.
Notfallkontakte (7/10):
Die Ich-Erzählerin besucht ihren herzkranken Vater im Krankenhaus und denkt über ihren Liebeskummer nach. Bei Automatenkakao brechen ihre Gefühle auf.
Schöne persönliche Geschichte. Kranker Vater und entschwundene(r) Lover(in?) gut verwoben. Knapper Querbezug zur Geschichte Luftraum. Enthält einen Lieblingsabschnitt:
Wenn ich Liebeskummer habe, kann ich kaum etwas essen, ich kenne das schon. Schlafen geht auch schlecht. Als ich Schlaftabletten und Proteinshakes kaufte, warf mir die Apothekerin einen mitfühlenden Blick zu, sie hatte sofort verstanden und mir drei Packungen Taschentücher mitgegeben.
Keine Angst (5,5/10):
Liebeskummerverheulte Frau sitzt im Restaurant, ständig gesellen sich Kinder, Hunde und andere dazu und labern sie zu. Sie bleibt über Nacht sitzen; am nächsten Mittag eine Überraschung.
Das muss man verstehen können, ich kann es nicht (Anspielung auf griechische Mythen?). Die Schwafelorgien am Tisch der traurigen Frau und ihre Mikrobeobachtungen amüsieren noch; doch nach Restaurantschluss am Abend driftet die Geschichte ins Fantastische und ich ab.
Das ist das Ende (7/10):
Junggesellinnenabschied in der Kneipe.
Alkoholisches und sehr Ernüchterndes, traurig lustig. Kleine lakonische Beobachtungen. Ich glaube, alle Paare in dem Text (vielleicht auch im Buch) sind homosexuell.
Die Ausnahme (6/10):
Sturzverliebte Frau muss ihrem „love interest“ dreimal den Schlüssel und damit ihre Liebe zurückgeben, weil sie sich immer wieder fürchterlich blamiert – z.B. eine Pflegepflanze falsch versorgt oder ein zu enges Kleid trägt:
Früher mochte sie mich, sagst du, früher mochte sie mich und meinen fetten Arsch, ich war ihre Ausnahme.
Hübsche Geschichte um eine karikiert egozentrische Liebhaberin, doch die „du“-perspektive verwirrt unnötig; momentweise war mir nicht klar, wer damit gemeint war. Statt „aktueller Partner“ heißt es hier „love interest“, wie in einer Filmbesprechung bei Variety. Vermutlich fühlen die sich auch so.
Man stelle sich vor (4,5/10):
10-jähriger in USA probiert Kleidung seiner Mutter, wird von ihr vernachlässigt und verstoßen, gerät auf die schiefe Bahn. US-Promis treten auf, es wird unrealistisch und unübersichtlich. Jeder Abschnitt beginnt mit „Man stelle sich vor“, relativiert so die Handlung.
Esther, Du musst Deine Geschichten nicht immer verkomplizieren mit „Man stelle sich vor“ oder verwirrender „du“-Anrede. Kriegt man das in Leipzig beigebracht? Traust Du Deinem Content nicht, musst Du ihn mit formalen Tricks aufbrezeln, generiert das mehr Interviews in Deutschlandfunk Kultur? Du kannst eine Geschichte auch mal geradeaus erzählen, das kannst Du nämlich, also tu es.
Rettung (5/10):
Der sehnsüchtig vermisste Liebhaber kommt endlich aus dem Ausland zurück. Das Wiedersehen gerät überraschend.
Beginnt realistisch, wird wunderlich. Die Symbolik mit dem verschwundenen und wieder aufgetauchten Rettungsring verstehe ich nicht.
Mund zu, treiben lassen (4/10):
Bonsaibaum und Sextoy, Skianzug und totes Meer in einem Prosagedicht. Aber mal ehrlich, was sollen diese Zeilenumbrüche alle paar Wörter? Ich kann wieder nichts damit anfangen, aber ein paar witzige Ideen habe ich mitgenommen.
Der Prozess (7/10):
Als Gerichtszeichnerin beim Pelicot-Prozess in Nîmes.
Reizvolle Beobachtungen. Mehrfach ungewöhnlich: Eine der wenigen Stories, die womöglich nicht brühwarm aus dem Leben der Verfasserin stammt, sondern eine ganz andere Protagonistin imaginiert; aber ich irre mich vielleicht. Eine der wenigen Geschichte zudem, die nicht in Berlin oder so spielt und einen Bezug zum Weltgeschehen hat. Tat sich die Autorin mit dem kafkaesken Titel einen Gefallen?
Meine Wut ist ein Wirbelsturm. (1/10):
Und wieder ein Prosagedicht mit vielen kurzen Zeilen und noch mehr Weißfläche. Ich verstehe kein Wort, ich verstehe nicht mal den “.“ hinter dem Titel.
Die Schlange (3/10):
Die Ich-Erzählerin soll ein Schreibseminar in einem offenbar Schweizer Jugendgefängnis geben: sie informiert sich vorab in US-Serien. Vor ihrem Fenster stehen Leute in einer Schlange, die Mitbringsel für Gefängnisinsassen verplomben lassen wollen.
Erstmals hatte ich den Eindruck, dass Becker zwei disparate Themen zu angestrengt kombiniert. Dass Leute in einer Schlange darauf warten, Geschenke für Gefängnisinsassen verplomben zu lassen, ist in Deutschland oder der Schweiz nicht denkbar. Mich stören solche unrealistischen Szenen, weil diese Geschichte ansonsten nicht offen unrealistisch ist (wie einige andere Passagen im Buch). Assoziation: Dass sich die Ich-Erzählerin über Jugendgefängnisse in der Schweiz mit Netflixserien über US-Knäste informiert, erinnert mich an Stefanie Sargnagel, die nach Iowa fliegt und dort ihre Vor-Ort-Recherchen mit einem Film über Iowa beginnt.
Diese letzte Kurzgeschichte endet auf einer linken Seite. Auf der nächsten rechten Seite beginnt bereits die „Editorische Notiz“; zu früh. Die editorische Notiz endet auf der nächsten linken Seite; auf der nächsten rechten Seite beginnt bereits die Verlagswerbung; zu früh.
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