Kritik Kurzgeschichten: Die Welt gegenüber, von Eva Schmidt (2021) – 5/10 

 

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12 Kurzgeschichten auf rund 207 locker bedruckten, kleinen Seiten. Es gibt keinen Schwung, keinen Humor und kaum Sympathieträger, jedoch viele ähnliche Konstellationen und Figuren. Die durchschnittliche Länge beträgt gut 17 Seiten, doch der Median liegt mit 11 Seiten deutlich darunter, weil vier lange Geschichten den Schnitt nach oben ziehen. Die vier längsten Geschichten haben echte Handlung und Dialog und kommen im Schnitt auf 6,25/10 Punkten (Jessica, Eine ernste Sache, Skagen, Tankstelle). Die vier kürzesten Texte taugen kaum als Stimmungsskizzen und erzielen einen Durchschnitt von 4,1 (Esel, Das fremde Kind, Vögel, Die Nacht). Gesamt-Durchschnitt 5,25/10.

Wiederkehrende Merkmale:

spröde Atmosphäre – allein im Haus, teils ohne Wissen der Hauseigentümer, manchmal auch  Wohnwagen – Zigarettenkippen auf die Straße – kein Humor, kein Schwung, fast nur Unerfreuliches  – Frauen verprügeln/molestieren, Kinder entführen, Vertrauen missbrauchen, Ehebruch – Haushund mit markantem Namen – Leben als Außenseiter beobachten, teils von außen Leben in anderen Wohnungen beobachten (der Buchtitel, der über keiner einzelnen Geschichte steht, passt also) – Einzelgänger und Isolierte – rebellische Teenager-Töchter, selbstherrliche teils brutale Männer, rauchende trinkende fatalistische Frauen (manchmal Krankenschwester) – am See – ein Fremder quartiert sich ein – graue Sprache, Figuren, Kulissen – zerbrochene Beziehungen, verstorbene Partner – keine Bleibe haben

Es gibt so viele Gemeinsamkeiten, weil die zwölf Kurzgeschichten sich zu sehr ähneln. Die Autorin, *1952, verstärkt die blutarme homogene Stimmung, indem sie Orte und Personen oft nicht benennt (mutmaßlich spielt vieles in Bregenz am Bodensee, Wohnort der Autorin). Ein Übriges zur Tristesse tut ihre

Sprache:

Die Sprache tönt so blass und öde wie die Figuren und Kulissen. Eine Geschichte beginnt ungelogen mit diesem 47-Stück-Langsatz:

Der Mann stand in der Nähe der Tankstelle, genau dort, wo der Bach in einem Betonrohr verschwand, das unter der Straße, der Gleisanlage und der dahinter liegenden Promenade verlief und hinter der Brücke am Ufer endete, wo das Wasser nach einem kleinen Gefälle in den See floss.

Im nächsten Absatz heißt es:

Seine Turnschuhe waren staubig, das Gewebe an einigen Stellen durchgewetzt.

Hallo Lektorat? Noch ein Absatz weiter knattert eine Salve entnervender rhetorischer Fragen:

Ob er die Köpfe und die rudernden Arme der Schwimmenden überhaupt wahrnahm? Oder die Jugendlichen, die auf einem Floß hockten, dass ein Stück vom Ufer entfernt verankert war? Ob er die Motorboote und die Segelboote sah, die im schwachen Wind dahintrieben? Oder das Linienschiff, das vom deutschen Ufer kommend auf den Hafen zusteuerte?

Ich weiß es auch nicht. Erzählerin, sag du’s mir doch gleich, frag’ nicht erst hohl ins Leere.

Zumeist benennt die Autorin keine Orte, es sei denn auf Reisen (Brighton, Skagen) (die Orte passen besser zur Stimmung als Rio oder Rimini, es gibt aber auch Riparbella in der Toskana). Eva Schmidt verzichtet auch sonst auf Details wie die Buchtitel ihrer vielen lesenden Protagonisten und formuliert vag, mehrfach bei Krankheiten wie hier:

…wusste sie, dass es sich um eine Krankheit handelte, die tödlich war…. sie bereitete ein Gericht zu, das sich später aufwärmen ließ…

(Und was? Mehrfach kocht sie, ohne die Zutaten zu nennen, wie kann man so schreiben?) Es gibt auch ein spielentscheidendes, natürlich unbenanntes Medikament. Bloß nicht konkret werden!

Kippen kippen:

Vor allem Frauen rauchen in vielen Geschichten, oft in Verbindung mit Bier oder Wein, Männer bevorzugen Bourbon oder Wodka; schon in der ersten Story fliegt eine Kippe „auf die Straße”, ebenso in der zweiten, fünften, zehnten („ließ die Kippe in der Einfahrt fallen… ließ die Kippe in den Sand fallen“) und elften („ließ die Kippe fallen und trat sie aus“) – wie ich so etwas hasse IRL und im Roman.

Assoziationen:

  • Eva Schmidts trostlose Alltagsfiguren erinnern momentweise an Nichtkrimis von Patricia Highsmith oder Georges Simenon oder an die Einsamen von Raymond Carver
  • Das Beobachten anderer Leute durch eigene und/oder deren Fensterscheiben hindurch erinnerte mich kurz an Ilse Aichingers Geschichte Das Fenstertheater
  • In Eva Schmitds Roman Neben Fremden agiert eine pensionierte, isolierte Krankenschwester; in ihrem Roman Die untalentierte Lügnerin eine egozentrische verheiratete Künstlerin mit Besuch von ihrer Tochter – diese Konstellationen begegnen auch hier im Erzählband Die Welt gegenüber
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Die Nacht (6,5/10):

Ich-Erzähler in Pension in Brighton beobachtet ein Paar in der gegenüberliegenden Wohnung. Zwei Möwen marodieren. Darin ein fürs ganze Buch typischer Satz:

Andeutungen von Leben, kleine Ausschnitte von alltäglichem, zusammengesetzt aus kurzen Auftritten und spärlichen Gesten

Ist das „die Welt gegenüber“ des Buchtitels? Aber muss man es so deutlich ausformulieren wie im Zitat? Keine Handlung, kein Dialog. Seltsame Stimmung, trotzdem interessant, ich bin aber zu unsensibel für solch reduzierten Text. Der Ich-Erzähler reminisziert lang zurückliegende Angst; er (oder sie?) kam nicht allein, erwähnt die Reisebegleitung indes nicht. Parallelen zur letzten Geschichte; dort heißt es nur noch „wir“, es gibt kein „ich“ mehr.

Sommerregen (5,5/10):

Verkommener Makler pennt im Auto oder in Verkaufsobjekten. Trinkt Wodka aus der Flasche und erinnert, wie er seine abtrünnige Frau schlug. Er bereut es nicht, sie war auch nicht erste Wahl gewesen.

Dieser fies selbstgerechte alte weiße Mann ist zu billig konstruiert. Warum nicht noch ein bisschen Kinderschänder? Russland-Unterstützer? Dass er nach Wodka aus der Flasche rülpst, klingt unrealistisch. Auch seine Vorliebe für Charlie Parker (dessen vollen Namen Eva Schmidt verschweigt) wirkt unpassend; die relativ zugänglichen Stücke „Lover Man“ und „Don’t Blame Me“ werden erwähnt. Zu aufdringlich raunende Andeutung von Gewalt und Waffengebrauch.

Das Fehlende (6/10):

Schulkind lebt bei liederlicher Mutter, lässt sich von fremdem Rentner zu mehrtägiger Wanderung einladen.

Seltsam distanzierte Atmosphäre. Eine fiese Erwachsene, ein vielleicht fieser Erwachsener (aber man weiß es nicht und will es auch nicht unterstellen), und ein treudoofes Kind. Relativ viel Dialog.

Die Störung (5/10):

Frau verbringt einige Tage allein in Ferienwohnung, belügt diesbezüglich ihren Mann, der sowieso meist geistig abwesend ist, ebenso wie ihre Tochter Claire. Sie beobachtet aus dem Fenster drei Männer, die über eine Ebene langsam näher kommen.

Weiß auch nicht. Verstehe auch den Traum nicht. Dialog nur in einer kurzen Rückblende. Wieder so ein Gefühl spröder Einsamkeit, typisch Eva Schmidt.

Der Mann von der Tankstelle (6/10):

Wunderlicher vermeintlich Taubstummer; und wunderliche Einzelgängerin, die viel Bier und Zigaretten konsumiert, keine Bleibe, zeitweilig kein Geld hat und auch keinen Anstand hat.

Eigentümliche Figuren und 2mal  irritierende Perspektivwechsel: der Taubstumme wurde stets von außen betrachtet, plötzlich erfahren wir seine Gedanken. Ausnahmsweise eine Geschichte mit etwas Dialog und gar Handlung, die Figuren befremden.

Vögel (4/10):

Töchterchen will unbedingt einen Käfigvogel, doch die natürlich alleinerziehende Mutter lehnt ab.

Sehr kurz, eher ein Stimmungsbild, schon wieder wieder eine Frau mit Bier und Zigaretten zu Hause, ich als mitimaginierender Zwangs-Passivraucher leide psychosomatisch.

Vielleicht nach Skagen (6,5/10):

Einsamer Mann kommt als Untermieter, ihn umweht noch mehr graue Melancholie als die anderen Protagonisten im Buch. Bahnt sich eine Romanze an?

Eine der längeren Geschichten, und  sogar mit etwas Handlung, hier mit nachvollziehbarer Psychologie, Anspannung und ohne Schuftigkeit. Gegen Ende aufdringlich melodramatisch und vorhersehbar.

Lear (5/10):

Alice lebt getrennt, ihre Tochter Leonore/Lear ist rebellisch, der Partner zur Neuen übergelaufen, auch in ihrem Betrieb hat sie Sorgen.

Wieder so eine trostlose Raucherin mit Trinkglas aus der Feder von Eva Schmidt. In einer unübersichtlichen Mischung aus Rückblenden, Grübelei und ein bisschen Jetztzeit-Handlung auf nur zehn Seiten. Viele Themen angerissen. Warum heißt die Tochter *wirklich* nach einem Shakespeare-König, sicher könnte man mehr darunter verstehen als ich.

Das fremde Kind (4/10):

Adoptivbaby brüllt nur, lehnt die neue Mutter ab, mag eher den Vater; aber der muss arbeiten. Die Mutter trinkt und raucht natürlich und hat extreme Gedanken.

Nur fünf wie üblich sparsam bedruckte Seiten, abruptes Ende, eine von mehreren trostlosen Stimmungskizzen im Buch.

Die Nacht, in der Jessica über das Seil stolperte (6/10):

Frau (natürlich alleinstehend) beobachtet und belauscht aufdringlich ihre neuen Nachbarn, einen natürlich alleinerziehenden Vater mit drei Kindern.

Spröde Verhältnisse, fade Leben, alles leicht unpersönlich. Typische Eva-Schmidt-Gestalten: junge Frau etwas verwildert und rauchend; erwachsene Geschiedene mit Ehebruch-Erfahrung und Hund. Über die abwesende Mutter der Familie erhält die alleinstehende Frau widersprüchliche Informationen von unterschiedlichen Familienmitgliedern, die Autorin weist zu deutlich auf den Widerspruch hin.

Eine ernste Sache (6,5/10):

Sarah verlässt ihren latent bedrohlichen, trinkfreudigen Macker Pascal und quartiert sich samt Kleinkind bei Mary und Harry ein – die sind zunächst nicht begeistert. Und boy meets girl.

Die Geschichte ist schön gebaut, wenn auch mit blassem Ende und denkbar unsympathischem Personal, unachtsam, egozentrisch, brutal, dabei meist unauffällig. Die zwei Paare im Zentrum heißen Harry und Mary sowie Sarah und Pascal – niedlich? Nein, unübersichtlich: Auf den ersten fünf Seiten erkannte ich keine klare Figurenaufstellung. Erstmals erzählt Eva Schmidt hier aus eindeutig wechselnden Perspektiven mit einer Überschrift pro Perspektivwechsel, das gibt dem Text ungewöhnlich viel Struktur und eine Handlung mit Momentum. Zu jedem Perspektivwechsel gehört ein kleiner Zeitsprung vorwärts und ein Szenenwechsel, hurra. Ungewöhnlich auch, dass es drei intakte Paare gibt; selbst Sarahs Mutter ist noch mit Sarahs Vater zusammen, was hat Eva Schmidt geraucht? Aus dieser Geschichte ein für das ganze Buch typischer Satz:

Aber jetzt brauchte sie erst einmal eine Zigarette und ein Bier.

Eine Tätowierung hat diese Protagonistin soeben  geplant, und Fleisch tut sie in den Biomüll.

Die Esel von Riparbella (2/10):

“Wir“ fahren in die Toskana und ziehen in ein Ferienhaus. Wir fahren dort ein bisschen in der Gegend herum, hören Esel und frieren im Wind.

Ereignis- und belanglose Skizze. Wie Text 1 der Urlaubsbericht eines „Wir”-Erzählers, bei dem man nichts über Ich-Erzähler und Begleitung erfährt. Der Vermieter hat einen Kurzauftritt. Im Gegensatz zu den anderen Geschichten frei von  zwischenmenschlichen Beobachtungen und Spannungen. Sprachlich momentweise unsauber. Passt nicht zu den übrigen Geschichten, taugt aber auch nicht als willkommene Abwechslung.

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