Sachbuchkritik: The Splendid and the Vile, von Erik Larson (2020) – 7/10 

Churchill

Erik Larson schreibt sehr flüssig, leicht lesbar und hochspannend voll aufdringlicher Cliffhanger. Die dramatische Mischung aus Homestory und Stahlgewitterporno stößt momentweise ab.

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Möbelpolitur:

Erik Larson kippt scheinbar alle Skurrilitäten, die er in entlegenen Interviews und Dokumenten auftun konnte, vor den Leser – auch wenn es nicht viel mit Winston Churchill zu tun hat:

Der auch von Kritikern hochgelobte Bestseller schildert über Seiten Luxusexzesse von Hermann Göring, die es für eine Churchill-Monografie nicht braucht; fast eine Seite lang listet Larson den teils bizarren Inhalt der Reiseapotheke von Rudolf Hess. Auch die englischen Exzentriker Lord Beaverbrook und Prof. Lindemann bekommen jeweils mehrere Seiten – aber sie amüsieren. (Allerdings hat meine englische Taschenbuchausgabe kein einziges Foto.)

Obwohl einige Kapitel in Deutschland spielen und mindestens fünf sogar „Berlin“ heißen, gibt es keinen Exkurs über Hitlers Manierismen. Verblüffend auch, dass Larson die Eheprobleme von Churchills Schwiegertochter Pamela zwar regelmäßig im Haupttext erwähnt, ihre wenig verheimlichte Affäre mit dem US-Gesandten Harriman aber erst im Nachwort anführt.

Larson molestiert sein historisch interessiertes Publikum sogar mit einer Umzugsliste der Churchills:

36 bottles of furniture polish, 27 pounds of carbolic soap, 150 pounds of primrose soap (in bars)…

Kinderkram:

Neben den erwachsenen Exzentrikern präsentiert Larson gern verträumte Heranwachsende mit niedlichen Liebeshändeln, vor allem die knapp 18-Jährige Mary Churchill und den jungen Churchill-Assistenten Colville; beide hinterließen mild anrührende Tagebucheinträge über ihre Romanzen und Ehewünsche.

Der Verfasser schildert das Jugendzimmer von Mary Churchill im historischen Landsitz Chequers und reminisziert dabei Ereignisse von 1565. Im fragwürdig komponierten Kapitel „Of Panzers and Pansies“ mischt Larson schwärmerische Tagebucheinträge der jungen Mary Churchill mit dramatischen politischen Debatten in England und USA.

Und der Verfasser kredenzt Banalitäten wie:

A seven-year-old girl came up with a term for the sirens: the “Wibble-Wobbles.“

Katzenvideos bringt er nach meiner Übersicht nicht.

101 Kapitel:

Erik Larson schreibt jederzeit leicht lesbar, gliedert sein langes Buch in Jahre, Teile, kurze Kapitel – meist mit Szenenwechsel – und kurze Unterkapitel, bringt viel Persönliches und wörtliche Rede, endet gern mit billigen Cliffhängern. In den Kapiteln 98 und 99 enden sogar die wenige Absätze langen Unterkapitel mit Cliffhänger plus Szenenwechsel.

Auf 500 Seiten Haupttext verstaut Larson 101 Kapitel plus Epilog und Leerseiten. Kapitel 21 und 23 sind je eine halbe Seite lang. Kapitel 21 ist überschrieben:

Champagne and Garbo

(Es geht um die Abendunterhaltung der Nebenfigur Colville.)

Manchmal reproduziert der Autor einen drolligen O-Ton, liefert aber die erforderliche Antwort nicht; unbefriedigend.

Sprache:

Schon im anderthalbseitigen Vorwort kraftmeiert Eric Larson vom Leder:

Churchill, the cigar-smoking bulldog… weekend of Vonnegutian violence…. Hitler’s tempest of steel

Man besorgt schon, dass der Verfasser einen Kriegsporno folgen lässt, passend zum düster-dramatischen Titelbild meiner Taschenbuchausgabe, das einen Kriegsfilm oder einen Noir-Thriller evoziert. Momentweise liefert der Autor tatsächlich solche Materialschlachtverherrlichung:

Now came the far-off thunder of high explosives; smoke blossomed from the island, where hangars appeared to have been set aflame; four of the Portsmouth barrage balloons exploded and sagged from view…

Die faszinierende Vernichtungsorgie wiederholt sich beim Angriff auf Coventry, samt Körperteile-Puzzle, und Engländer bewundern hier deutsche Bombergeschwader in mondheller Nacht.

Doch Larson textet überwiegend weniger aufgeheizt. Auch in ruhiger Tonlage klingt er eindrucksvoll:

 ((The United States)) alone seemed to have the wherewithal to even the sides… Clocks ticked; a fire hissed and seethed in the hearth; the candle flames did their quiet Levantine dance.

Zu selten kredenzt der Autor auch glänzende Churchill-Prosa.

Snippets:

Zitiert Erik Larson länger aus Briefen und anderen Schreiben, zerhackt er den O-Ton oft in viele Schnipsel, die er mit eigenen Worten unterbricht. Sehr ungünstig: man will O-Ton am Stück lesen, das transportiert zusätzlichen Charakter.

Schmerzlich fällt das auf bei einem Brief von Clementine Churchill an ihren Mann, in dem sie einen pfleglicheren Umgang mit den Mitarbeitern anmahnt; Larsson beschreibt den Brief über mehrere Absätze, zitiert von Mrs Churchill aber nur einzelne Ausdrücke.

Man möchte den diplomatisch-fürsorglichen, aber auch nachdrücklichen Ton ganzheitlicher, nämlich mehrere Sätze am Stück betrachten. Dabei sollte das Zitat als eigener Absatz oder sogar eingerückt erscheinen – das gibt es bei diesem Autor nicht. Auch die offenbar besonders drängende Nachricht Churchills an Roosevelt vom 31.7.1940 zerlegt Larson in Schnipsel, statt einige Sätze komplett zu zitieren. Einige kindliche Tagebucheinträge der 17-, 18jährigen Mary Churchill zitiert Larson dagegen länger am Stück.

Gesalzene Noten: 

Der Lauftext zeigt keine hochgestellten Ziffern, die auf Quellenbelege in den Endnoten verweisen; Larson referenziert seine Zitate in den Endnoten-Nachweisen nur per Seitenzahl, ohne Hochziffer. Wohlbekannte Zitate belegt der Autor explizit gar nicht; andererseits liefert er im Anhang nicht nur Quellenangaben, sondern

I have salted the notes with little stories that did not make the final draught but for one reason or another seem to demand retelling

Larson weiß natürlich, dass mir das nicht gefällt – solche inhaltlichen Vertiefungen gehören direkt zum Lauftext, entweder in den Lauftext hinein oder als Fußnote unmittelbar auf der Seite des Lauftexts; aber der Autor versteckt die zusätzlichen Details trotzdem im Anhang hunderte Seiten nach dem Hauptnarrativ. Insgesamt umfasst der Anhang rund 80 Seiten.

Mönchengladbach erscheint nur mit seinem historischen Namen „München=Gladbach“.

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